Ronald Reng – Robert Enke: Ein allzu kurzes Leben

ronaldreng_robertenkeinallzukurzeslebenGerade in der Musik-Branche eignen sich verstorbene Künstler, um mit deren Namen für Management & Co. noch mal das große Geld zu machen. Unveröffentlichte Songs oder neu aufgearbeitetes Material aus irgendwelchen Schubladen werden zusammengepackt und mit verbundener PR-Maschinerie – weil der Interpret sowieso gerade Aufmerksamkeit genießt –  in die Läden gestellt. Bestes Beispiel: Michael Jackson, dessen Name nach seinem Ableben überall präsent war und dessen Best Ofs auf jeder erdenklichen Charts-Tabelle ganze vorne prangten. Bei Fußballern ist das alles etwas schwieriger. Man kann einen Film drehen oder eine Hommage in eine Biografie verpacken. Mehr bleibt nicht übrig. Ronald Rengs Buch „Robert Enke – Ein allzu kurzes Leben“ jedoch in diese Schublade einzuordnen, wäre ein fataler Fehler. Ein andere Konstellation: Es geht dem Autoren offensichtlich nicht um Profit sondern um etwas anderes, wie Reng in einem Interview mit dem Catenaccio-Blog angibt:

Er wollte dieses Buch mehr als ich. Das war ein Grund, warum ich mich entschlossen habe, das Buch auch nach seinem Tod zu schreiben.

10. November 2009: Ich bin im Zug auf dem Weg nach Köln. Es herrscht eine angenehme Stimmung, auch wenn man unterrichtet wurde, dass am 10.11. in der Karnevalshochburg nicht so viel los sein wird. Plötzlich ein Anruf: „Habt ihr gehört? Robert Enke hat sich umgebracht.“ Die Diskussion nahm angeheitert ihren Lauf. Warum? Wieso? Depressionen? Damit musst du doch als Multimillionär umgehen können, schließlich hast du den besten Ärztestab an deiner Seite!? Natürlich hatte man nur wenig Ahnung, was unter den Begriff „Depression“ genau fällt. Die Medien versuchten aufzuklären und man nahm sich in der Öffentlichkeit nach Enkes Tod vor, dass so etwas nicht wieder passieren dürfte.

Ronald Reng, ein Freund Enkes und Journalist, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Memoiren des Nationaltorwarts niederzuschreiben. Dabei bekam er Einblicke in Enkes Tagebücher und Notizen und auch die enge Zusammenarbeit mit Witwe Teresa zeigt, wie bedeutsam dieses Buch für Robert war. Es ist ein intensiver Abschiedsbrief an die Fans, Freunde, Familie und Angehörigen, in dem die Karriere von Enke reflektiert wird und das Ausmaß der Krankheit illustrativ gemacht wird.

Statistisch bewiesen ist, dass Männer nur ungern Ärzte aufsuchen und denen ihre Sorgen schildern. Warum Robert Enke nie offen über seine Krankheit sprach und nur auserwählten Psychologen seinen Schmerz schilderte, wird in diesem Werk deutlich: Angst. Enke konnte es nicht aussprechen, dass er an Depressionen lied und befürchtete das Schlimmste; das Karriereende und sein Gesicht zu verlieren. Angst und Druck sind überhaupt die Stichworte, auf die man regelmäßig stößt. Der belastende Druck es allen beweisen zu müssen, der irgendwann zu Versagensängsten führt.

Was nach dem Tod von Enke irgendwie nie deutlich wurde, ist, dass es für Depressionen medizinische Erklärungen gibt. Es sind nicht nur psychische Gründe, die sowieso schwer nachzuvollziehen sind, weil sich Psychologie generell nicht aus eins und eins zusammensetzt:

Sein Gehirn war derzeit nicht mehr in der Lage, Stress ausreichend zu verarbeiten, in sein Nervensystem drangen nur noch negative Reize vor, Angst, Wut, Verzweiflung. Wenn Mediziner seinen Kopf aufschnitten, würden sie feststellen, dass unter anderem der präfrontale Cortex unteraktiv war, in dem, vereinfacht gesagt, der menschliche Antrieb entsteht.

Doch nicht nur die Schattenseiten um die Krankheit werden angeschnitten. Natürlich hatte Enke auch gute Zeiten, in denen er unbeschwert lebte und nicht alles Negative aufsog. Gerade die Zeit bei Benfica Lissabon dürfte sich als seine wertvollste einprägen. Im Gegensatz dazu beförderten die Stationen FC Barcelona – wurde als Torwart nicht berücksichtigt und verlor bei einer Bewährungsprobe im Pokalspiel gegen einen unterklassigen Club – und Fenerbahçe Istanbul ihn immer weiter in den Teufelskreis.

Die Frage nach dem Warum spielt eine zentrale Rolle. Dabei sieht sich aber auch Reng nicht in der Position, darüber urteilen zu können, wie der Tod seines Freundes verhindert werden könnte. Vielmehr skizziert er die Gründe und beschreibt, wie sich diese Krankheit entwickelte und wie Enke mit dieser versuchte ein normales Leben zu führen, ohne davon etwas preiszugeben.

Selten liest man Bücher dieser Art, die mit solchen Recherchen veröffentlicht werden – jede im Buch erwähnte Person wurde befragt (40 Interviews auf der Hand) und hat dementsprechend auch etwas zu sagen. Es gibt diese Bücher. Man verschlingt sie zwar, aber denkt danach nie wieder darüber nach, sondern verstaut sie ins Hinterstübchen. Bei „Robert Enke – Ein allzu kurzes Leben“ ist das anders. Man grübelt noch tagelang nach, es fesselt und regt Mitleidsgefühle an. Neben dem ausführlich dargestellten Thema um die Depressionen, das ja bekanntlich nur selten angesprochen wird, gilt Ronald Reng mein vollster Respekt, ein so detailliertes und großartiges Buch geschaffen zu haben.

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