Andre Agassi – Open: Das Selbstporträt

Sein Auftreten hat ihn schon in jungen Jahren weltberühmt gemacht. Als einziger Tennisspieler widersetzte sich Andre Agassi der traditionellen Kleiderordnung des wohl prestigereichsten Tennisturniers der Welt: „Wimbledon“. Im Verlauf seiner Karriere hinkte der Egozentriker Agassi jedoch immer wieder seinem rebellischen Image hinterher. Obwohl zahlreiche Trophäen Agassis Laufbahn zieren und er zu den besten Tennisspielern aller Zeiten zählt, wurde an dem Amerikaner stets harte, – er sagt es selbst – für ihn demütige Kritik geübt.

Agassi rechnet in seiner Autobiografie „Open“ erschreckend echt ab; mit sich selbst, dem Tennis, dem daraus resultierendem Druck, seinem Vater, dem American Dream und dem ständigem Gefühl missverstanden zu werden. Immer wieder zeigt Agassi auf, dass er Tennis hasste und vergleicht seine Spiele mit Schlachten, die über Leben und Tod entschieden. In seinem Buch holt er weit aus, besinnt sich auf seine knochenharten Anfänge (Vater zwang ihn täglich gegen seinen Willen Trainingseinheiten zu absolvieren) und veranschaulicht abschließend das Ende des müden Profisportlers (gebrandmarkt von Verletzungen). Dabei tritt er unter anderem auch Tennisfunktionären auf den Schlips, die trotz ihres Mitwissens über seinen Drogenmissbrauch ihn vom Ausschluss des Sports bewahrten: „Das Zugpferd Agassi soll weiter die Massen begeistern! Wie sehr würde es unseren Sport schaden, wenn herauskommt, dass so ein vermutlich grandioser Spieler verbotene Substanzen konsumierte?“

Mit Hilfe von Pulitzer-Preisträger und Co-Autor J. R. Moehringer und Agassis fotografischem Gedächtnis werden Höhen, aber auch insbesondere Tiefen und Depressionen dramatisch und genauestens aufgezeigt – anfangs kaum vorstellbar, dass derartige seelische Belastungen in einem angeblichen so sauberen Sport überhaupt existieren können. Doch das stellt den eigentlichen Sinn des Buches dar. Es geht um eine Person, die schamlos Klartext spricht und die Beschreibung eines Mannes, der immer wieder auf der Suche nach seinem wahren Ich war. „Open“ stellt ein beachtenswertes Werk dar, das sich mit den intimsten Lebensängsten von Agassi beschäftigt und das auf eine Weise, wie sie selten an Authentizität in Sportlerbiografien vorzufinden ist.

Jedoch gibt es einen Punktabzug! Dieser erklärt sich mit der Widersprüchlichkeit: Agassi fühlt sich fast immer regelrecht benachteiligt. Dabei vergisst er, dass die Verantwortlichen seiner Karriere ein früheres Ende bereiten konnten. Eigentlich müsste er nach seinem Drogenkonsum dankbar darüber sein. Gegen Ende des Buchs wird der Siegeswillen Agassis explizit beschrieben. Obwohl davor stets die Beziehung von Agassi zum Tennis deutlich erscheint: „Ich hasse Tennis!“, vergisst der Leser irgendwann diesen Aspekt.

Wer in Agassis niederschmetternde und schonungslose Abrechnung eintaucht, kommt so schnell nicht wieder heraus. Man fühlt, fiebert und leidet überwältigt mit. Ganz großes Tennis!

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