Naira Gelaschwili – Ich bin sie

Mal himmelhoch jauchzend, wenig später zu Tode betrübt, optimistisch, dann wieder desillusioniert. Beim ersten Verlieben fahren die Emotionen Achterbahn. Georgerin Naira Gelaschwili hat eine kreative Erzähltechnik gewählt, um diese Gemütslage zu beschreiben: Die Protagonistin führt mit ihren Ichs Zwiegespräche.

Nia, etwa 13 Jahre alt, beschattet, verfolgt und beobachtet ihn. Gogi, Medizin-Student um die 20, wohnt im Haus gegenüber – beide können gegenseitig in ihre Fenster schauen. Sie weiß, wann er in den Bus steigt und von der Uni nach Hause fährt. Scheinbar weiß er aber kaum etwas von ihr …

Die Erzählerin versetzt sich in den Zustand als Teenagerin. Dann wechselt sie wieder in die Gegenwart: 50 Jahre später hat sie noch nicht mit ihm abgeschlossen, verlor Gogi aus den Augen und sucht nach ihm. Dabei intervenieren beide Ichs. Wenn beim jungen Ich das »fürchterliche Herzklopfen« einschreitet, mahnt das ältere oder gibt Tipps. Beide geraten in Konflikte, sind unterschiedlicher Meinung oder gehen sich auf die Nerven. Diese Disharmonie respektive dieses Zusammenspiel ist clever gelöst.

Stimmig sind auch die Passagen, in denen die Poesie behandelt wird. Nia unterrichtet im Laufe des Buches an der Universität. Sie analysiert mit ihren Studenten Gedichte von Rilke und lässt ihr Verhältnis zu Gogi in die Interpretation einfließen. Die Dozentin referiert über die einseitige Liebe, gute und schlechte Einsamkeit. »Wir müssen lernen, wie wir die schlechte beziehungsweise zerstörende Einsamkeit in ein gutes, das fruchtbares Alleinsein umwandeln.« Einsamkeit sei deswegen per se nicht unbedingt verwerflich – beim Lesen oder Träumen benötigen wir sie.

Rührselige Schnulzen, abgenutzte Phrasen wie »Schmetterlinge im Bauch« oder Edelkitsch verabscheue ich. Naira Gelaschwili umgeht diese No-Gos, indem sie die kindlichen Gefühle einer Pubertierenden wiedergibt und diese mit den Gedanken einer älteren, erfahrenen Frau verbindet. Das kann auch Männer interessieren. Denn die Autorin erzählt eine kurzweilige Geschichte von Unerwidertem und Verlorenem – die überall und jedem passieren kann.

[Buchinformationen: Gelaschwili, Naira (Januar 2017): Ich bin sie. Verbrecher Verlag. Aus dem Georgischen von Lia Wittek. 176 Seiten. ISBN: 9783957322302]

5 thoughts on “Naira Gelaschwili – Ich bin sie

  1. Sicher nicht einfach diese Situationen zu schildern ohne ins Schnulzige abzudriften. Aber mal ab vom Inhaltlichen: deine Buchhintergründe, wie diesmal die welken Magnolien, sehr kreativ, Gaspodin Muromez. Und passend zu einer lang vergangen Liebe, einseitig oder nicht…

  2. Pingback: Sortiert & selektiert – Frühjahrsvorschau 2017 | Muromez

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