Antanas Škėma – Das weiße Leintuch

Ein Exilschriftsteller im Fahrstuhl, stundenlang, monoton – hoch und runter, runter und hoch. Der Mann erinnert sich. An seine Jugend, Frauen, Heimat und Flucht. »Das weiße Leintuch« zählt zu den Klassikern der litauischen Literatur. Der einzige Roman von Antanas Škėma (*1910 – †1961) ist nun zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt worden.

Parallelen zwischen dem Leben des Autors und seines Protagonisten Garšva stechen immer wieder hervor. Wie Garšva hat der Verfasser als Liftboy gearbeitet, wie Garšva erlebte er die Nazis und Sowjets in Litauen und floh über Deutschland in die USA. Unabhängig von diesem Alter Ego entwirft Škėma eine gebrochene Figur, die Einiges hinter sich hat: Angefangen von pubertären Depressionen, die fast zum Suizid führen, bis zu ersten Beziehungen und ersten literarischen Ergebnissen. Dazwischen siedeln sich dunkle Kapitel an: Die psychisch kranke Mutter, das Publikationsverbot während der sowjetischen Okkupation, ein Mord und ein gebrochener Schädel. Dämonen begleiten Garšva auch in den Staaten, die Psychosen zerreißen ihn.

Ich habe Angst zu sterben, deshalb trinke ich. Ich habe Angst zu sterben, deshalb schreibe ich. Ich habe Angst zu sterben, ich schlucke Tabletten. Alles im Namen des Todes.

Elena heißt die Hoffnung, die ihn atmen und gleichzeitig den Hals zuschnüren lässt. Graubraunes Haar, graue Augen, volle Lippen, Garšva verliebt sich in die ebenfalls aus Litauen stammende, leider Gottes bereits verheiratete Frau. Entscheidet Elena sich für ihn? Oder ist alles zu spät?

Der Litauer, häufig mit Albert Camus verglichen, erzählt nicht nur, sondern zeigt auch – er hat dieses Talent. Ich habe die Bediensteten und Gäste des New Yorker Hotels mit ihren Makeln und Eigenarten, die er beschreibt, vor mir gesehen. Dabei nutzt er harte Schnitte, springt ohne Vorwarnen plötzlich aus der Gegenwart in die Vergangenheit und wieder zurück. Ohnehin strengt dieses Werk an, weil Škėma häufig mit (mehrdeutigen) Symbolen arbeitet, ins Surreale abdriftet oder chiffriert.

Selten wächst über Vergangenes und Früheres vollständig Gras. Das könnte die zentrale Nachricht dieses außergewöhnlichen Buches sein. Antanas Škėma und sein Protagonist hatten in ihrem Exil seelische Altlasten, von denen sie sich nicht lösen konnten und die ihre Leben zum Ritt auf der Rasierklinge machten. Nach der Lektüre fühlte ich mich bereichert. Ein Glück, dass der Guggolz Verlag solche Werke veröffentlicht und Mut besitzt.

[Buchinformationen: Škėma, Antanas (Februar 2017): Das weiße Leintuch. Guggolz Verlag. Aus dem Litauischen von Claudia Sinnig. Titel der Originalausgabe: Balta drobulė (1958). 255 Seiten. ISBN 978-3-945370-10-0]

[Weitere Rezensionen auf Novellieren, Wissenstagebuch oder Worte des Widerstands.]

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