Julia Kissina – Elephantinas Moskauer Jahre

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»Er war hässlich wie ein Wildschwein und schrecklich charmant.« BÄHM! Was für ein Satz!? Der sitzt! Genau mein Humor! Und Julia Kissina haut viele solcher abgedrehten und verrückten Konstruktionen raus, wenn sie Künstler, Dichter und Kreative in Moskaus 80ern beschreibt. Weiteres Beispiel gefällig? »Er trank irrsinnig viel und war ganz rot und verschwitzt. Schon damals gefielen mir rote, verschwitzte Männer […]. Dieser Typ sah aus wie ein Gemüse: eine Kreuzung aus Tomate und Kürbis.« Kissinas Werk ist eigen – aber definitiv ein Genuss.

Die in Kiew geborene Autorin fertigt einen Entwicklungs- und Schelmenroman an. Ihre Protagonistin Elephantina zieht aus Kiew nach Moskau, sie ist jung, hungrig und sprießt voller Ideen. Hunger bereitet ihr auch ein Tomaterich, ein Dichter, der »Gemüsefuturismus« betreibt. Überhaupt stellt Kissina die Szene – der Zerfall der Sowjetunion ist abzusehen –  wunderbar skurril dar. Das literarische Leben Moskaus besteht »aus einem hemmungs- und grenzenlosen Besäufnis«. Der Kampf um eine neue Literatur findet statt, unterschiedliche Lager und Dichterbanden formieren sich: Komsomolzen, Dissidenten, Ästheten, Analytiker, Traditionalisten, Avantgardisten und Konservative. Und mittendrin das kleine literarische Nachwuchstalent Elephantina, das weder säuft noch vögelt, aber unglücklich in diese Tomate, ihr Idol, verliebt ist.

Die Sprache in »Elephantinas Moskauer Jahre«? Eine Delikatesse! Kissina ist Künstlerin, das merkt man irgendwie. Ihre Blickwinkel und Metaphern (»Die Emotionen schnitten mir den Kopf auf wie ein Dosenöffner.«)? Ungewohnt und anders. Ihr Stil? Überspitzt und frisch, von Sarkasmus und Hyperbeln durchzogen. Ihre Figuren? Bunt! Die Story? Zwar nicht bahnbrechend, aber mit Pfeffer. Wir sind relativ früh im Jahr 2017: Ich mache schon einen Haken – den ersten Volltreffer habe ich gefunden.

[Buchinformationen: Kissina, Julia (Juni 2016): Elephantinas Moskauer Jahre. Suhrkamp Verlag. Aus dem Russischen von Ingolf Hoppmann und Olga Kouvchinnikova. Titel der Originalausgabe: Элефантина, или Кораблекрушенция Достоевцева (2015). 240 Seiten. ISBN: 978-3-518-42532-9]

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