Fjodor Dostojewskij – Aufzeichnungen aus dem Abseits

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Wenn du einen langen Tag hattest und der Kopf nicht ganz frei ist, dann ist Dostojewski nichts für dich. Das Hirn muss einigermaßen aufgeräumt und aufnahmefähig sein, sonst: versteht es nur Bahnhof. Dostojewski eignet sich, wenn er menschliche Tiefen beschreibt, ohnehin nicht für Eskapismus. Andererseits gibt es kaum Autoren, die das Seelenleben ihrer Protagonisten derartig herausschneiden und demonstrativ offenlegen.

Außenseiter spielen in der Prosa von Dostojewski häufig wie in »Schuld und Sühne« eine Hauptrolle. In den »Aufzeichnungen aus dem Abseits«* ist der Ich-Erzähler solch ein Sonderling. Jemand, der charakterschwach und voller Gegensätze ist, unfähig zu leben und zu lieben. Heute würde man diesem Mann wohl mangelndes Selbstvertrauen und Depressionen attestieren, wenn dieser den eigenen »sittlichen Verfall« beschreibt, der »sich in gesellschaftlicher Abstinenz« prägt, »durch Entwöhnung von allem Lebendigen«.

Und damit hätten wir gleich einen Bezug zur Gegenwart, denn die Elemente einer Gesellschaft haben sich seit 1864 keineswegs verändert. Immer noch verabscheuen wir es, unser Gesicht zur verlieren. Immer noch kämpfen wir um Akzeptanz und eine bestimmte Position in eben dieser Gesellschaft. Immer noch analysieren wir (heimlich), wie wir bei anderen landen und von ihnen wahrgenommen werden. Und wir gelten immer noch als komisch und anders, wenn wir uns zurückziehen und nicht mehr Teil des Spiels sein wollen. All diese Aspekte erwähnt Dostojewski, wenn er die Perspektive des Antihelden und Menschenhassers einnimmt, der nicht nur ein Opfer ist, sondern auch ordentlich austeilt.

Probleme macht das Stück aufgrund der ungewöhnlichen Struktur. Der erste Teil ist ein Nachtrag zu dem Bericht im zweiten Teil, in dem der Ich-Erzähler Szenen aus seinem Leben wiedergibt. In der ersten Hälfte wird das Verhalten essayistisch betrachtet. Es sind wilde, chaotische Thesen (Rache als Form von Bosheit), Überlegungen und Feststellungen (»Denn das Leiden ist doch die einzige Ursache unseres Bewusstseins«), bei denen ich regelmäßig gedacht habe: was zur Hölle. Ganz so viel blieb da leider nicht hängen, erst nach dem zweiten Teil machte vieles wieder mehr Sinn und lockerte den festen Grundboden auf, immerhin.

Davon ab, fängt Dostojewski die Eingebungen eines Misanthropen wunderbar ein und beleuchtet die Taten. Er erforscht das Innenleben, zieht Schlüsse. Obwohl diese Lektüre anstrengend sein kann: am Ende erfahren wir irgendwie wieder mehr, über andere und über uns.

*Dieses Werk ist auch als »Aufzeichnungen aus dem Kellerloch« bzw. »aus dem Untergrund« bekannt Felix Philipp Ingold wählte für seine Neuübersetzung den Titel »aus dem Abseits«.

[Buchausgabe: Dostojewskij, Fjodor (2016): Aufzeichnungen aus dem Abseits. Dörlemann Verlag. Aus dem Russischen von Felix Philipp Ingold. Titel der Originalausgabe: Записки из подполья (1864). 256 Seiten. ISBN: 9783038200321]

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