Alissa Ganijewa – Eine Liebe im Kaukasus

Früher in unseren Kreisen total in und vorausgesetzt, im heutigen Westen eher out: Die erste Partnerschaft verbunden mit dem Schritt vor den Altar – ein Muss. Von diesem Modell und Ritual verabschieden sich die in den 80er Jahren Geborenen immer mehr, insofern sie nicht religiös sind oder Steuern sparen wollen. In anderen Teilen dieses Planeten läuft der Hase noch etwas anders, gerade in Regionen, in denen der Islam praktiziert wird. Alissa Ganijewa beschreibt anhand von Eheschließungen die Kultur in der russischen (Kaukasus-)Republik Dagestan. Mit »Liebe« im ursprünglichen Sinne hat dieser Akt wenig zu tun, das Zusammenführen von Mann und Frau dient eher dem Mittel zum Zweck, der von der Öffentlichkeit vorgeschrieben wird. Die Autorin, 1985 in Moskau geboren, lebte selbst lange in Dagestan, erzählt von einer Gesellschaft voller Scheuklappen, die am Konservatismus festhält, archaisch erscheint und zwischen den Stühlen sitzt.

Alissa Ganijewa - Eine Liebe im Kaukasus

Im Zentrum stehen Patja und Anwalt Marat, beide stammen aus Dagestan und der gleichen Gegend, verdienen ihr Geld jedoch in der russischen Hauptstadt, ohne sich zu kennen. Jeden Sommer geht es nach Hause und damit folgen die immer gleichen Vorwürfe. Die Ringfinger ziert noch nichts, was einen Dorn in den Augen der Eltern darstellt. Beide grämen sich noch und warten auf die/den Richtige(n). Marat hat gar eine Deadline auferlegt bekommen: Das Datum der Hochzeit wurde terminiert und die Location gemietet. Nur einen klitzekleinen Hacken gibt es: die Braut fehlt noch. Sonst habe er den Kopf immer aus der Schlinge ziehen können, jetzt muss er dran glauben. Auf der anderen Seite Patja, Mitte zwanzig, von der es heißt, dass sie einen Prinzen wolle, dass sie bald nur noch Greise anschauen würden und dass es darauf hinauslaufe, dass sie den letzten Zug verpasse – die biologische Uhr ticke zudem. Beiden werden so einige Kandidaten vorgestellt, die sie alle ablehnen, bis sie sich selbst über den Weg laufen – die Folgen dürften klar sein.

Viel wichtiger als die Beziehung zwischen Patja und Marat ist das Drumherum in diesem Roman. In Dagestan, das sich z.T. am kaspischen Meer befindet, geografisch zwischen Georgien, Aserbaidschan und Tschetschenien liegt, wird fast vollständig an Allah geglaubt. Doch die Ausprägung scheint zu kippen: Vom Sufismus nehmen die Einwohner der namentlich nicht genannten Siedlung Abstand, stattdessen gewinnt die neu erbaute, konkurrierende Moschee, die sich aus Wahhabiten zusammensetzt, immer mehr Anhänger. Während die Sufis Burkas ablehnen, besitzen die Wahhabiten strengere Regeln, die ihre Ausprägung in der Radikalität, der Ideologie, dem Extremismus und dem Fundamentalismus finden. Diesen Kampf der Kulturen greift die Autorin immer wieder auf, der Eurasien immer wieder begegnet. Ein Verehrer von Patja, ein Wahhabit, spricht nicht umsonst von einer Unmoral, die sich im Westen, in Amerika und Europa abspiele. Gerade bei den Mädchen sei der Geist schwächer, würden sie zumindest in Dagestan von einer Zone profitieren, die nicht verseucht sei. Eine andere Figur wird auf offener Straße umgelegt, weil sie mit einem Schild mit der Aufschrift »Ich bin Agnostiker« herumläuft. Ohne dass die Mörder den Satz verstehen, wird dieser als Attacke gegen Allah betrachtet. Mangelnde Bildung kann häufiger attestiert werden! Wenn eine Frau vor der Vermählung »kein Mädchen« mehr ist, ist ihr Leben ohnehin zerstört, wohingegen die Männer sich beliebig austoben und die Hörner abstoßen dürfen.

Dabei verbergen sich hinter den Vermählungen von Patja und Marat nicht unbedingt religiöse Motive. Sie sollen endlich verheiratet werden, weil es seit jeher schon immer so geschieht und damit der Tratsch in der Siedlung endlich aufhört. Die Frauen gliedern sich trotzallem unter. Unwichtig erscheinen berufliche und geistige Fortschritte. Hauptsache sie können den Kochlöffel schwingen und entpuppen sich fähig, Kinder zu gebären. Von Emanzipation keine Spur, obwohl die alten Damen in ihren Höfen immer noch Machtwörter sprechen, die Oberhand behalten und die Gatten schikanieren.

Unabhängig von diesen zwischenmenschlichen Beschreibungen gibt es weiterführende Einblicke in die politischen Verhältnisse der Republik. Gesprochen wird immer wieder von Halilbek, der sich zu einer Legende entwickelt und einem typischen Charakter in den Teilen der ehemaligen Sowjetunion gleicht. Ein Krimineller, Oligarch, der über Macht und Beziehungen zu (geschmierten) Abgeordneten verfügt, gleichzeitig Wohltäter und Held der Bürger ist, weil er sich großzügig zeigt und Projekte unterstützt. Von diesem mystischen Halilbek wird nur geredet, er selbst bleibt (fast) durchgängig unsichtbar und befindet sich im Gefängnis, dennoch ist er ein omnipräsenter Teil der Gespräche. Alle pochen auf eine Freilassung, obwohl fremdes Blut an seinen Händen klebt. Korruption dominiert das Umfeld, Geld sorgt für Bestechung und für Aufstiege. Darüber hinaus thematisiert die Verfasserin prägnant den Rassismus, den Kaukasier in Moskau ausgesetzt sind und spielt immer wieder auf gewisse zweifelhafte Ereignisse an, wie den Mord an einer Bürgerrechtlerin (könnte sich um Politkowskaja handeln) – die Kanzlei von Marat, die den Fall annimmt, wird durch die Ermittlungen verwüstet.

»Eine Liebe im Kaukasus« fängt all das Für und Wider, das sich im multikulturellen und multiethnischen Dagestan befindet, ein. Alissa Ganijewa schreibt von Generationswechseln, von Traditionen, von Fort- und Rückschritten und Stillständen – von Einstellungen. Sie demonstriert diverse Konflikte, die sich aus dem Überholten speisen, sich nicht mehr mit der Globalisierung und Konsumgesellschaft decken. All das gelingt der Autorin, die aufdeckt, offenlegt sowie kritisch urteilt – und dabei noch eine gelungene Geschichte ohne Klimbim entwirft.

[Buchinformationen: Ganijewa, Alissa (August 2016): Eine Liebe im Kaukasus. Suhrkamp Verlag. Aus dem Russischen von Christiane Körner. Titel der Originalausgabe: Жених и невеста (2015). ISBN: 978-3-518-42554-1]

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