Jacques Tardi – Der lange Marsch durch Deutschland

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, 1945, und der Zerstörung von Hitlers Vision, beginnen zahlreiche Märsche. Flüchtlinge, Kriegsgefangene, Vertriebene, Inhaftierte und Unterdrückte machen sich auf, um in ihre Heimaten zurückzukehren oder sich neue Bleiben zu suchen. René Tardi ist einer von ihnen, ein sogenannter KG (=Kriegsgefangener), der fast den ganzen Konflikt eingesperrt im Stalag II-B bei Hammerstein (heute: Czarne, Polen) verbracht hat. Von Pommern durchquert er mit anderen KGs zu Fuß das nahezu komplett zerstörte, wenn auch im Nachhinein befreite Deutschland. Sein Ziel: Frankreich. Der Sohn, der grandiose französische Comic-Autor Jacques Tardi, begibt sich auf die Spuren des Vaters. Rekonstruiert die Tour, wiederholt diese unter etwas anderen Umständen, verbindet sie mit den Erzählungen des Vaters und macht daraus ein Graphic Novel, die einen besonderen Wert hat und hoch einzuschätzen ist.

Jacques Tardi - Der lange Marsch durch Deutschland

Bereits in »Grabenkrieg« hat sich Jacques Tardi, inspiriert vom Großvater, mit dem Ersten Weltkrieg auseinandergesetzt und die einzelnen Schicksale in Bildern dargestellt. Nun ist es der Zweite Weltkrieg und diese Arbeit ist ähnlich grandios. Kreativ die Vorgehensweise, die gewählt wird, denn Tardi pflanzt sich selbst und seine Person als Statisten und Jungen in die Panels ein. Stets befindet er sich an der Seite oder der Hand des Vaters, manchmal im Hintergrund, hat Einwürfe, kommentiert, bleibt dann auf mehreren Seiten passiv.

Seinerzeit hielt der Papa die Stationen bei seiner Wiederkehr in Notizen fest, diese sind im Buch ebenfalls abgelichtet. Somit begleitet der kleine Jacques den großen René, der anfangs seine Reise noch verhaftet antritt – die Aufseher setzen den Gefangenen aus aller Herren Länder zu. Schikanieren sie nach wie vor, die Genfer Konventionen bleiben unbeachtet, ernähren sie schlecht. Denn die eingekesselten Deutschen werden immer nervöser: Die russischen Truppen rücken vom Osten immer näher, die amerikanischen und britischen vom Westen. Die drohende Niederlage zeichnet sich ab und der Frust entlädt sich. Als Nazi-Deutschland endgültig geschlagen ist, erfolgen Racheakte. Die, die immer gequält haben – die »Sklaventreiber« –, müssen nun selbst leiden. Bevor René Tardi wieder die »Marseillaise« hören und seine Frau wiedersehen kann, muss er noch einige Schwierigkeiten und Probleme umgehen, denn der körperliche Zustand erschwert alles.

Einen besonderen Kniff hat der Macher dieser Graphic Novel entwickelt. Während der KG zum Beispiel im zerstörten Kleve steht, hat er mittlerweile alle Informationen zum Kriegsverlauf gesammelt, kann aus diesem Fundus schöpfen und diese wiedergeben. Er weiß, wann sich Hitler umbringen wird, was mit Himmler oder der »Hyäne von Auschwitz«, Irma Grese, geschieht, wer was wann einnimmt. Somit werden unterschiedliche Zeitebenen verbunden, denn der ahnungslose KG wusste bei dem Marsch damals natürlich nicht, was außerhalb seiner Sphäre geschah. Aber dieses Zusammenfügen der historischen Ereignisse funktioniert erstaunlich, was sicherlich als ein Vorteil einer Graphic Novel durch ihre Form attestiert werden kann, wenn Text- und Bildinhalte derartig harmonieren. So kann der Nebendarsteller, der Junge, selbst mitwirken, dem Protagonisten Fragen stellen wie »Woher weißt du das alles?«. »Im Moment weiß ich noch nichts davon. Erst viel später habe ich Bücher darüber gelesen«, lautet die Antwort bei einem Marsch durch einen Wald. Dadurch wird das Buch nicht nur zu einem Zeitzeugenbericht, sondern gleichermaßen zu Lehrmaterial, das etliche Details über den Zweiten Weltkrieg sammelt und wiedergibt. Dadurch wird René nicht nur zum Zeitzeugen, sondern ebenso zum Historiker.

Überhaupt erzeugen Tardis Bilder, überwiegend dunkel in schwarz-weiß gezeichnet, Eindruck. Sie fangen die Atmosphäre ein; die Auflösungserscheinungen, den Kummer, das Ungewissen, den Pessimismus. Farbe kommt erst ins Spiel, als sich allmählich alles relativ gerade biegt und René zurück in Frankreich seiner Frau in die Arme fallen kann. Zudem kann man sich nahezu in den Bildern voller Details verlieren: Die vielen namenlosen Gesichter, die auf Trab sind und deren Hoffnungen schwinden, die zerstörten Städte, Gebäude und Territorien. Es erscheint nebensächlich und wird nirgends erwähnt, wie und warum René Tardi zu einem KG wurde.*

Art Spiegelman hat durch seine preisgekrönte »Maus« die Potenziale dieses Mediums zweifelsohne offenbart. Jacques Tardi demonstriert ebenfalls durch sein Werk, zu was Graphic Novels fähig sind: »Edutainment«. Bleib mir weg mit Guido Knopp, den immer wieder in Schablonen gepressten Dokumentationen und seinem »Histotainment«. Graphic Novels wie »Maus« oder Tardis Reihe nützen mehr, ziemlich sicher. Dafür lege ich meine Hand ins Feuer und schwöre auf alles.

[Buchinformationen: Tardi, Jacques (2015): Ich, René Tardi, Kriegsgefangener im Stalag IIB: Der lange Marsch durch Deutschland. Edition Moderne. Aus dem Französischen von Christoph Schuler. 140 Seiten. ISBN 978-3-03731-136-3

[*Dieser Band ist der zweite Teil der Reihe. Der erste erschien auch in der Edition Moderne (2013) und beschreibt die Zeit des Vaters im Lager. Ein dritter soll noch folgen …]

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