Anna Galkina – Das kalte Licht der fernen Sterne

So kann es gehen: Manuskript verschickt, Absagen erhalten und es auf eigene Faust als Self Publisher versucht – der Mut wurde belohnt. Tatsächlich ist dieser Roman bereits in kürzerer, roher Fassung als Ebook erschienen. Ein begeisterter Amazon-Lektor vermittelte anschließend die Schriftstellerin an eine Agentur, die wiederum einen Deal mit der Frankfurter Verlagsanstalt perfekt machte. Gelohnt hat es sich für beide Seiten, für den Verlag und für die Autorin.

Anna Galkina - Das kalte Licht der fernen Sterne

1991 war es soweit: Die Sowjetunion wurde offiziell aufgelöst, Lenin und Stalin hätten sich angesichts der Entwicklungen, die immer mehr von ihren Ideen abweichten, jedoch schon viel früher im Grab (bzw. Mausoleum) umgedreht. Gorbatschow wollte mit der Perestroika den Karren noch mal anschieben, erneuern, ihn letztendlich aus dem Dreck ziehen. Doch die Mauern des Riesenreichs waren bereits brüchig, die einstigen Werte und Grundgedanken galten als altertümlich, der Westen erschien immer offener. Mitten in diese Zeitspanne pflanzt Galkina ihre Protagonistin ein, die ihr Aufwachsen in den 80er Jahren kurz vor dem Kollaps der UdSSR schildert.

In kurzen Episoden erzählt Nastja von ihrer Umgebung und ihrer russischen Provinz, in der sich Alkoholkranke und Wochenendsäufer taumelnd tummeln. Sie erzählt vom Erwachsenwerden, von der Wohngemeinschaft mit der Mama, Oma, dem Plumpsklo, der pubertären Liebe zu Thomas Anders und einer Kultur, die gezwungen wurde, sich derartig »komisch« zu entwickeln. Neben diesen nahezu komödiantenhaften Sequenzen begegnen ihr immer wieder Katastrophen, die von Gewalt durchzogen sind: Vergewaltigungen, Abtreibungen, Morde, Prostitution. Immer wieder kommt es zu sexuellen Andeutungen und Übergriffen: Pädophile versuchen sich bei kleinen Mädchen. Klar, sexuelle Freiheit gibt es im Kommunismus nicht, wie katholische Pfarrer drehen die Männer irgendwann am Rad … Und dann setzen sich bei Nastja selbst Schmetterlinge im Bauch – und nicht nur diese – fest. Coming of Age eben.

Wie viel Autobiografisches in diesem Werk steckt, wird wohl Anna Galkinas Geheimnis bleiben. Die Versuchung ist dennoch groß, Parallelen herausfischen zu wollen. Schließlich hat die Verfasserin diese Zeiten selbst erlebt, ist sie doch in Moskau geboren und erst 1996 in die Bundesrepublik immigriert. Wenn auch ihr Erstling manchmal etwas zu unaufgeregt wie ein durchschnittlicher Reiseführer wirkt, schafft sie es trotzallem, ein Panorama abzulichten, das Einblicke in eine raue Gesellschaft gibt, die womöglich in der Form bis heute zum Teil noch ähnlich existiert.

Kritisch betrachten kann man jedoch die skizzenhafte Erzählstruktur. Kaum ein Kapitel geht über vier Seiten hinaus. Drei Wochen später bleibt kaum eine Figur haften, weil diesen lediglich die Grundrisse gegeben wurden, sie dadurch nicht im Gedächtnis bleiben und sich entfalten. Politik klammert die Ich-Erzählerin ohnehin aus. Sie lebt einfach drauf los und in ihrer jugendhaften Haltung scheint sie keine Gründe finden zu wollen, warum alles um sie herum so ist, wie es ist. Auffällig ist ebenso das Ungleichgewicht: Die schlechten Taten überwiegen im Gegensatz zu den guten. Das könnte den Eindruck erwecken, dass die Sowjetunion in den 80ern die Hölle auf Erden war – sicherlich eine Überspitzung.

Trotzallem muss man von einem gelungenen Debüt sprechen. Meine Annahme, es könnte sich auch aufgrund des Titels um »kitschigen Frauenkram« handeln, erwies sich als falsch. Mitunter wird der Ton sogar poetisch, wenn Galkina die Wirkungen der vier Jahreszeiten in dem Dorf unweit von Moskau beschreibt. Dann wiederum dominiert das Knallharte, die sich abspielenden Desaster werden jedoch von der Heldin als »selbstverständlich« eingestuft, eine etwas andere Herangehensweise. Und dennoch wird man das Gefühl nicht los, dass dieser Roman vielleicht noch weitere hundert Seiten benötigt hätte, um ausgereifter zu sein, um nicht nur Eindrücke zu vermitteln. Galkina schreibt bereits an ihrer zweiter Prosaarbeit, auf die man gespannt sein darf. Auf dem Radar habe ich diese Newcomerin nun: im Großen und Ganzen überzeugt sie.

[Buchinformationen: Galkina, Anna (Februar 2016): Das kalte Licht der fernen Sterne. Frankfurter Verlagsanstalt. 218 Seiten. ISBN: 978-3-627-00224-4]

[Eine weitere Besprechung findet sich bei the lost art of keeping secrets.]

2 thoughts on “Anna Galkina – Das kalte Licht der fernen Sterne

  1. Lieber Muromez, es stimmt schon: wirklich „romanhaft“ ist dieser Roman nicht. Ursprünglich kommt Anna Galkina ja aus der Malerei und Fotografie. Ich fand das Skizzen- oder Collagenhafte ihres Stils eher spannend und bereichernd. Denn wenn man sich an seine Kindheit oder Jugend erinnert, dann sind es ja vor allem Farben, Gerüche, aber auch kurze Episoden usw. die haften bleiben, keine wirklich zusammenhängende Geschichte. Ich fand das alles sehr stimmig und bin ebenso wie du gespannt, was als nächstes von Galkina zu erwarten ist! Lg, Karo

  2. Pingback: Vielleicht sehe ich, was du nicht siehst – Frühjahrsvorschau ’16 | Muromez

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