Swetlana Alexijewitsch – Tschernobyl

Exakt 30 Jahre sind vergangen, nachdem eine Explosion im Reaktorblock 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl für eine der größten Katastrophen des 20. Jahrhunderts sorgte. Dieses Unglück prägte auch Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch wie ihre belarussischen Landsleute. Lange hat sie gebraucht, um dieses Ereignis in einem Werk zu verarbeiten, das die Zeugen sprechen lässt. Zeugen, die lebendigen »Blackboxes« ähneln, weil sie Informationen für die Zukunft gespeichert haben.

Swetlana Alexijewitsch - Tschernobyl

Zu Beginn ihrer Chronik lässt Alexijewitsch die blanken Zahlen für sich sprechen. Jeder fünfte Belarusse (das ukrainische Tschernobyl befindet sich nicht weit von der belarussischen Grenze) befindet sich nach Tschernobyl auf verseuchtem Gebiet – also 2,1 Millionen Menschen, bei denen sich das Risiko an Krebs zu erkranken, um das 74fache erhöht hat. Sieben von zehn Menschen, die in den verseuchtesten Gebieten leben, sind laut medizinischen Untersuchungen ohnehin krank, dabei werden wohl die psychischen Schäden vollkommen ausgeblendet. Aber um Fakten dreht sich diese für Alexijewitsch typische Collage, die 1997 erschienen ist, gar nicht.

Sie hält fest, dass man damals keine Worte für die neuen Gefühle und keine Gefühle für die neuen Worte fand, um sich auszudrücken. »Erst allmählich drang man vor in eine Sphäre neuen Denkens – so lässt sich unser damaliger Zustand heute beschreiben. Fakten alleine genügen nicht mehr, man wollte hinter die Fakten schauen, den Sinn des Geschehens erfassen.« Und Alexijewitsch erfasste und erfasste, sammelte und sammelte, hörte und hörte.

Es sprechen Soldaten, die direkt nach ihrem Afghanistan-Einsatz mit provisorischen Gummianzügen das Feuer löschen sollten. Einer kam nach Hause, beseitigte all seine Klamotten – bis auf die Käppi, die der Sohn unbedingt geschenkt bekommen haben wollte. Eine Trophäe, die zum Verhängnis wird. Zwei Jahre später wird es bei dem Kleinen heißen: Diagnose Hirntumor. Immer wieder erzählen die uninformierten »Tschernobyler« über ihre Ahnungslosigkeit. Was gefährlich war, wussten die Wenigsten. Sie angelten unmittelbar weiter, ernteten und säten, aßen und tranken, sonnten sich. »In unser Bewusstsein war noch nicht eingedrungen, dass das friedliche Atom auch töten kann. Dass der Mensch hilflos ist vor den Gesetzen der Physik.« Schon gar nicht bei den Alten, den (Nach-)Kriegskindern und Bauern, die die Radioaktivität nicht sahen, nicht spürten, denn alles wirkte wie vorher. Wozu die Erde umgraben? Wozu das Vieh töten? Wozu umsiedeln und evakuieren? Wozu das Jod?

Der Verstand begriff nicht, wie sehr er sich auch mühte – es blieb unverständlich. Unverständlich wie im Nachhinein das Herunterspielen der Ereignisse durch unter anderem den damaligen Generalsekretär der KPdSU, Michail Gorbatschow. Geheimhaltung. Verschwiegenheit. Der Brand sei schon gelöscht. Alles gut! Im Griff! Keine Panik! Wie lässt sich dieses Vertrauen begründen, diese »Verschwörung von Unwissenheit und Korpsgeist«? Durch den Kommunismus und durch Stalin, die eine Blindheit ausgelöst hätten,  meint ein Befragter: »Ich wusste doch, dass alles Lebende aus diesen Gebieten verschwinden musste. Zumindest auf Zeit. Wir aber führten gewissenhaft Messungen durch und sahen fern. Wir waren gewohnt zu glauben.«

Wie ist das Verhalten der Feuerwehrleute ohne Schutzkleidung zu bewerten? Ein kollektiver Selbstmord? Zählen sie zu den Opfern der sowjetischen Idee, Erziehung und Ideologie, die billige Urkunden und läppische Geldprämien im Vergleich zum Geleisteten erhielten? »Unsere Bereitschaft zur Selbstaufopferung … So was wie uns gibt es nicht noch einmal …« Da wäre wieder dieser Sowjetmensch, der alle Befehle ausführte, der dem Vaterland bis zum letzten Atemzug als Held diente. Bereits in Stalingrad hieß es: »Keinen Schritt zurück.« Dann kommt jedoch das große Aber, das einen Egoismus ausblenden muss. Was wäre passiert, wenn die drei weiteren Reaktoren explodiert wären? Mit Europa? Wenn die Löscharbeiten erfolglos gewesen wären? Wenn das Menschenmaterial, das die Roboter, die versagten, ersetzte, erfolglos geblieben wäre? Das letztlich die Quittung durch den Tod erhielt, aber doch dämmte und rettete. Ein hoher Preis für menschliches Versagen – und das war Tschernobyl in allen Belangen, angefangen bei der Nichtbeachtung der Regeln, was erst zur der Katastrophe führte und des seltsamen Notfallplans aus der Steinzeit, bis hin zum Schutz der Bevölkerung.

Die Kunst hat sich ohnehin in unterschiedlichen Facetten Apokalypsen angenommen, die durch technologische Weltuntergangsszenearien erläutert werden. Durch Tschernobyl wurde ein solcher Untergang zur Realität – zu einem Krieg. Freilich, Krieg ist ein passendes Stichwort, führt Alexijewitsch aus. Schrecken und Ängste verbinden wir meist mit Kriegen, denn den Krieg definiert Alexijewitsch als »Maß des Schreckens«. Tschernobyl prägt sich als etwas Neues ein, trotz der Attribute, die wir von Kriegen kennen: Soldaten, Militär, Evakuierungen, Flucht, verlassene Häuser – das alles ordnen wir normalerweise Kriegsfolgen zu und doch waren alle diese Faktoren in Tschernobyl präsent. Und dann wurde da noch die Natur mit all ihren Lebewesen und Früchten dem Menschen gegenüber zum Feind. Eine Zeugin behauptet, dass Tschernobyl weiter reiche als Kolyma, Auschwitz oder der Holocaust: »Der Mensch mit Axt und Bogen oder der Mensch mit Panzerbüchse und Gaskammern konnte nicht alle umbringen. Aber der Mensch und das Atom …«

Nach Tschernobyl ist auch der Mythos von Tschernobyl geblieben, erklärt ein Anderer. »Zeitungen und Zeitschriften wetteifern im Beschreiben schlimmer Dinge, besonders wer nicht dort gewesen ist, liebt die Schrecken.« Lieben vielleicht nicht, aber Durchschnitt interessiert uns ohnehin nicht, mehr die Sensation. Trotzallem stehen die folgenden Aussagen für sich, wenn eine Witwe die letzten Tage ihres Gatten beschreibt, den körperlichen Zerfall drastisch schildert. So etwas müssen wir lesen, wenn es auch schwer verdaulich klingt, um zu lernen:

25- bis 30mal Stuhlgang in 24 Stunden … Mit blutigem Schleim … Die Haut begann, an Händen und Füßen aufzuplatzen … Überall Blasen … Wenn er den Kopf drehte, blieb auf dem Kissen ein Büschel Haare zurück … Ich versuchte zu scherzen. »Wie bequem, da brauchen wir keinen Kamm!« […] Wenn ich ihn anhob, blieben an meinen Händen Hautfetzen von ihm zurück. […] Die letzten zwei Tage im Krankenhaus … Wenn ich seinen Arm hob, schwang der Knochen hin und her, das Fleisch löste sich schon … Teile der Lunge und der Leber kamen ihm aus den Mund heraus … Er erstickte fast an den eigenen Innereien …  Ich wickelte eine Binde um die Hand und schob die Hand in seinen Mund, um das alles herauszuholen … Das kann man nicht erzählen! Das kann man doch nicht schreiben. (S. 29-33)

Der Wert dieses Buches von Alexijewitsch lässt sich nicht beziffern. Die 9,99€, die auf der Rückseite meiner Taschenbuchausgabe prangen, stehen in keinem Verhältnis zu dem, was drin steckt. Naturwissenschaftliche Folgen sind das Eine, die Ausmaße für den normalen, unschuldigen, gleichzeitig bestraften Menschen sind das Andere. Liquidatoren, Kinder (mit Missbildungen), Eltern, Freiwillige, die bewusst zurück in die Zone ziehen, all diese Stimmen werden spürbar lauter. Darüber hinaus bleibt es nicht zu verstehen, welche kriminelle Energie Tschernobyl außerdem auslöste: Plünderungen, die nach den Evakuierungen erfolgten. Lebensmittel, die eigentlich hätten vernichtet werden müssen, wurden – verseucht –  ohne Etikett in der Sowjetunion verteilt. Buon Appetito!

Sensible, literarische Messgeräte hat Swetlana Alexijewitsch erschaffen, um die Nuklearkatastrophe zu verdeutlichen – sie schlagen immer noch aus. Das Realisieren fällt schwer. Kein Zufall, wie das Werk beginnt und endet. Mit Auszügen von Frauen, die bis zum Schluss ihren Männern mit Zuwendung begegneten, ihnen beistanden. Alles daran setzten, sie mit dem Wundermittel Liebe zu retten – vergeblich. Tschernobyl war zu groß und der Mensch bleibt ein kleines, zu kurz denkendes Lebewesen, das trotz der Warnungen die eigenen Taten nur alle Jubeljahre kritisch hinterfragen möchte.

[Buchinformationen: Alexijewitsch, Swetlana (März 2015): Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft. Piper Verlag. Aus dem Russischen von Ingeborg Kolink. Titel der Originalausgabe: Чернобыльская молитва (1997). 304 Seiten. ISBN: 978-3-492-96812-6]

10 thoughts on “Swetlana Alexijewitsch – Tschernobyl

  1. Ich habe es nicht geschafft, dieses Buch zu lesen. Aber ich erinnere mich an einen Kinofilm zu dem Thema, in milchig grünen Tönen. Über eine Frau die ihren Feuerwehrmann liebte und ihm gefolgt ist, bis zum Schluss. Oder war es doch ein Buch und die Bilder entstanden in meinem Kopf?
    Es ist gut, sich daran zu erinnern. Und ich bin sicher, es ist wieder meisterlich geschrieben. Und es ist wirklich von 1997?

    • Glaube, dass man sich bei Alexijewitsch tatsächlich überwinden muss. Ich bin da ziemlich abgehärtet, aber die Vorstellung, dass in ihren Werken alles „real“ ist, erschwert das Ganze. Um Geschichte wirklich zu verstehen, sind genauso solche Bücher notwendig!

      Und ja, es ist im Original 1997 erschienen. Sie hat, meine ich, drei Jahre dafür gebraucht, war lange in der Zone unterwegs und hat zwischendurch deswegen sogar Gesichtslähmungen gehabt.

  2. Ich habe gestern angefangen, das Buch zu lesen, trotz des kaum zu ertragenden Inhalts kann ich es kaum weglegen. Die Geschichte der Frau des Feuerwehrmanns hat mich so sehr erschüttert. Alle Atomkraftbefürworter sollten dieses Buch lesen (alle anderen natürlich auch).

  3. Pingback: In diesem Jahr am liebsten gelesen | Muromez

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