Vladimir Nabokov – Gute Leser und gute Autoren

Bevor »Lolita« 1958 einschlug und ihn zu einem reichen Mann machen sollte, lehrte Vladimir Nabokov, der zuvor aus Russland und Deutschland fliehen musste, in den USA. In Cornell hielt er in den 50er Jahren Vorlesungen (verboten waren Unterhaltungen, Rauchen, Stricken, Zeitungslesen und Schlafen) über europäische Klassiker. Diese Vorträge wurden 2014 auf Deutsch veröffentlicht, das Buch über die westeuropäische Literatur beginnt mit dem Kapitel »Gute Leser und gute Autoren«. Und weil wir gerne über das Lesen lesen, weil wir beim Lesen an sich kaum reflektieren, sollen die wesentlichen Gedanken Nabokovs dazu wiedergegeben und ergänzt werden.

Vladimir Nabokov – Gute Leser und gute Autoren

Was bringt das Lesen? Es rege die Empathie an, stärke die Kreativität und Phantasie, sorge für ein Rollenverständnis und eine Perspektivübernahme. Einige Punkte, die immer wieder auftauchen, genau wie; baue das Allgemeinwissen aus. Nabokov erachtet diesen Aspekt als gänzlichen Humbug, indem er erklärt, dass in Wahrheit alle große Romane gleichzeitig große Märchen sind. Leser, die durch einen bestimmten Roman meinen könnten, dass sie z.B. das Paris des frühen 20. Jahrhunderts besser kennenlernen könnten, täuschen sich gewaltig. »Literatur ist Erfindung. Romane sind Fiktion – etwas Vorgestelltes, Erdachtes.« Dementsprechend kann eine Geschichte NIE als wahr bezeichnet werden, das sei eine Beleidigung für die Kunst und Wahrheit.

Jeder große Schriftsteller ist ein großer Schwindler, aber das ist auch jene Erzbetrügerin, die Natur. Die Natur täuscht unablässig. In der Natur gibt es, von der einfachen Irreführung der Fortpflanzung bis hin zu der unglaublich raffinierten Illusion der Schutzfarben bei Schmetterlingen oder Vögeln, ein wunderbares System des Bezauberns und Überlistens. Der Romancier folgt lediglich dem Vorbild der Natur. (S. 41)

Dabei kann das Verhältnis zwischen Leser und Autor bildhaft mit dem Treffen auf einer Bergspitze beschrieben werden: Der Meisterkünstler erklimmt einen Berg samt pfadlosen Hang und begegnet dort einem keuchenden und glücklichen Leser: »dort fallen sich die beiden spontan in die Arme und bleiben auf ewig verbunden, sofern das Buch Bestand hat.«

Nachdem der An- oder Einstieg überwunden ist, was Anstrengung und Überwindung kostet, wird die Phantasie schnurstracks aktiviert. Persönliche Verbindungen können sich auftun, indem Situationen nacherlebt werden, die einem selbst wiederfahren sind oder Bezüge zu Orten, Landschaften, Lebensweisen, die sympathisch sind, weil sie z.B. der eigenen Prägung und Vergangenheit angehören, hergestellt werden.

Aber was sind solche guten Leser? So welche, die sich ohne »gebrauchsfertige Verallgemeinerungen« an ein Werk herantasten, »Phantasie, Erinnerungsvermögen, ein Wörterbuch und ein wenig Kunstsinn« besitzen. Nabokov plädiert dabei ähnlich wie Italo Calvino (siehe »Warum Klassiker lesen?«) auf unbedingtes Wiederlesen von großer Literatur. Anders als beim Betrachten eines Gemäldes wäre es bei einem Buch nicht möglich, das ganze Werk sofort zu erfassen und es in Einzelheiten zu zerlegen, weil dafür kein Organ vorgesehen ist. »Aber bei einer zweiten oder dritten oder vierten Lektüre verhalten wir uns einem Buch gegenüber in gewissem Sinne so, wie wir uns einem Bild gegenüber verhalten.« Machen wir zu wenig, ich weiß. Ein Luxus.

Und wie sieht es mit dem guten Autor aus? Bedeutende seien gleichzeitig: Geschichtenerzähler (die für Unterhaltung sorgen, in eine ferne Gegend reisen lassen), Lehrer (indem sie moralische Erziehung beibringen oder einfache Tatsachen, wie gesagt kein Faktenwissen) und Bezauberer (erst der Zauber durch den Stil, die Bildlichkeit mache sie zu Genies). Alle drei Facetten müssen dabei zu einem »einzigartigen Strahlen verschmelzen«.

[Buchinformationen: Nabokov, Vladimir (2014): Vorlesungen über westeuropäische Literatur. Rowohlt Verlag. Aus dem Englischen von Dieter E. Zimmer und Ludger Tolksdorf. 784 Seiten. ISBN:  978-3-498-04656-9]

4 thoughts on “Vladimir Nabokov – Gute Leser und gute Autoren

  1. Aber durch die Splitter der erfundenen Geschichten, durch die Risse in der Einbildung schleicht sich etwas vom Alltag durch. Ein Detail, eine Redewendung. Und das lässt mich dann doch in das Paris des frühen 20. Jahrhunderts reisen. Aber er hat natürlich recht, es wäre fatal das eins zu eins zu übersetzen.

      • Ich finde es ja toll, dass er die Fabulierkunst verteidigt. Ich erwarte auch keinen Realismus und keine Wahrheit wenn ich zu einem Buch greife. Ich reise einfach gerne. Aber das lässt Nabokov ja auch zu…

  2. „Einige Punkte, die immer wieder auftauchen, genau wie; baue das Allgemeinwissen aus. Nabokov erachtet diesen Aspekt als gänzlichen Humbug, indem er erklärt, dass in Wahrheit alle große Romane gleichzeitig große Märchen sind.“ – faszinierender Punkt, dem ich nur bedingt zustimme, insofern der Ehrgeiz dem Geschichten-Lesen nicht im Weg stehen sollte. Einmal hatte ich angefangen, Reinhold Schneiders „Winter in Wien“ zu lesen und frage mich, ob seine erwachsenen Leser in den Fünfzigern nicht zumeist über humanistische Bildung und breites Allgemeinwissen verfügten, beispielsweise, was die Geschichte Habsburgs betrifft, was alles ich mir erst anlesen müsste.

    Dieser Beitrag macht mir Nabokov immerhin sehr schmackhaft. Danke dafür und ein frohes Ostern!

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