Kai Weyand – Applaus für Bronikowski

Leistung. Ohne diese ist kein Kapitalismus möglich. Gefordert wird sie bereits früh, damit das mit dem Baum, (vor allem) mit dem Haus und Sohn irgendwann realisiert werden kann. Klappt das nicht, erfolgt ein in die Ecke drängen, denn das passt dieser Gesellschaft nicht, ist doch: asozial. Gerade so ein Typ ist der Protagonist in diesem Werk, das sich phasenweise abheben kann. Ein Andersdenkender und Andershandelnder, ein Außenseiter, der bewusst seine Rolle annimmt, dennoch am liebsten nur mal kurz die Welt retten möchte, dieser Zorro, der ebenso, als er zum Bestatter wird, schwarz gekleidet ist.

Kai Weyand - Applaus für Bronikowski

Son­der­ling. Das sind drei Silben. Ob es Nies, der sich NC nennt, Worte auf der Zunge zergehen lässt und analysiert, sie mit dem Gegenstand oder Thema vergleicht, gefallen würde? »Komplizierte Dinge bestanden aus mindestens zwei Silben […].« Vielleicht, vielleicht auch nicht. NC jedoch ist kompliziert, wie sein Leben. Die Freundin hat ihn verlassen, den Job als Hausmeister ist der Anfang Dreißigjährige los und auch sonst dümpelt alles vor sich. Ein Versager meinen der Bruder, Top-Manager einer Bank, und die Eltern, die ihn durch einen Lottogewinn und eine anschließende Auswanderung nach Kanada in der Pubertät sitzen ließen (deswegen NC = No Canada).

An seinem Geburtstag läuft dieser NC durch die Straßen, ohne Ziel und kommt, wie es der Zufall will, an einem Bestattungsinstitut vorbei, wo er gleich vorstellig wird. Bei Manfred, der ihn zum »Anwalt der Toten« macht. Der ihn einweiht, wie mit denen umgegangen wird, die zum letzten Mal die Augen schließen:

An ihrem rechten Ohr sah er eine bläuliche Verfärbung, die sich etwa zehn Zentimeter weit über den Hals ausbreitete. Das war also ein Zeichen der Verwandlung, dachte NC. Auf eine seltsame Art fühlte er sich geborgen, niemand erwartete von ihm, dass er irgendetwas tat, niemand forderte ihn zum Reden auf, niemand stellte ihm eine Frage. Es kam ihm vor, als hätte Frau Stein ihn in ihre Obhut genommen, als hätte sie ihm angeboten, im Korbstuhl neben ihr Platz zu nehmen, zusammen zu schweigen und dem Leben draußen keine Beachtung zu schenken. Tatsächlich spürte er so etwas wie Dankbarkeit gegenüber der toten Frau, die neben ihm in ihrem Sarg lag, als hätte sie sich selbst dort niedergelassen. (S. 53)

Es sind solche Passagen, die den Roman besonders machen. Wenn es darum geht, zu beschreiben, wie das mit der letzten Ruhe gewähren funktioniert. Auf kurz oder lang scheiden wir alle irgendwann dahin. Aber Gedanken daran, was danach passieren soll, die machen wir uns erst, wenn wir ein bestimmtes Alter erreicht haben oder von einer Krankheit befallen sind, die wir nicht mehr vertreiben können.

Bestatter ist im Grunde ein Beruf, der – Achtung – nicht aussterben wird. Friseure werden weiter trotz aller technologischen Entwicklungen ihre Schere betätigen und Bestatter werden weiter Menschen unter die Erde bringen, ihre Reste verstreuen oder sonst was. Und diese Arbeit, die solche Menschen ausüben, benötigt Respekt und Gefühl. NC findet seine Bestimmung dort und geht förmlich auf. Doch auch bei der Arbeit ist der Rächer der Ungerechten auf der Seite der Schwachen. Etwas voreilige, überdrehte und übertriebene Aktionen provozieren seinen Rausschmiss.

Seite um Seite offenbart der Roman jedoch auch kleine Schwächen, die insbesondere die Figur NC unglaubwürdig erscheinen lassen. 31 Jahre hat NC auf dem Buckel, bricht Halbstarken im Bus stolz die Nase, weil er sich verbal nicht verteidigen kann. 31 Jahre ist NC alt und wirft nachts Eier an Wände, weil der Hobby-Linguist seine Wut nicht kontrollieren kann und darüber hinaus gegen das Legebatterie-System ist. Ja, dieser NC ist komisch, manchmal so reif wie eine grüne Banane. So anders wie der Hund mit den drei Beinen, der sich nichts von seiner Behinderung anmerken lässt, Pipi machen kann, ohne umzukippen, ihm häufig über den Weg läuft. Aber: Ist komisch sein so verkehrt? Wie langweilig wäre es, wenn alle gleich wären – Baum, Haus, Sohn – und es solche komische Kreaturen, Falschfahrer nicht gäbe? Auch das Finale ist … komisch. Funktioniert derartig nicht einmal in einer schlechten Komödie, wirkt hier trotz aller Ernsthaftigkeit – erneut anders – und irgendwie dem Protagonisten entsprechend, deswegen: gelungen.

»Applaus für Bronikowski« glänzt vor allem in den ruhigen und unaufgeregten Momenten. Die Auseinandersetzung mit dem Tod gelingt durch die Figur NC und ihre Eigenschaften auf spielerische, schmerzfreie, aber dennoch angemessene Art und Weise. Nah an der Grenze fungiert dennoch die Darstellung von NC, der trotz aller Marotten und seiner Verrücktheit irgendwann zum Teil einer Karikatur wird, die nicht immer aufgeht. Dennoch: ein locker-flockiger, erfrischender Roman, bei dem die Zeit schnell vergeht. Applaus für Kai Weyand …

[Buchinformationen: Weyand, Kai (2015): Applaus für Bronikowski. Wallstein Verlag. 188 Seiten. ISBN: 978-3-8353-1604-1]

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