Zaza Burchuladze – adibas

Die Panzer stehen bereits vor der Tür. Der Crème de la Crème macht das jedoch gar nichts aus. Sie feiert weiter sich selbst, vögelt sich die Seele aus dem Leib, besucht Boutiquen und greift zu Betäubungsmitteln. Zaza Burchuladze, Georgier, betrachtet in seinem Pop-Roman den Kaukasuskrieg im August 2008 aus einer anderen Perspektive: Im Fokus stehen seine Landsleute, die fake sind, dermaßen vernebelt, dass man sie schütteln möchte. »Haltet mal kurz inne, es wird ernst, Kinder.« Dass es kurz vor zwölf ist, bleibt in dieser gelungenen Persiflage nebensächlich.

Zaza Burchuladze – adibas

LSD, Kokain und immer wieder Alkohol, dazwischen wilden Sex. Die Kriegsmeldungen im Radio oder im Fernsehen werden wenn dann nur marginal aufgenommen. Sie bleiben in diesen illustren Kreisen zweitrangig. Nicht mal das: eher drittrangig. Wie Musik, die leise vor sich hindudelt, Chill out am besten, irgendwo im Hintergrund. Für sie wirkt das so, als ob der Wetterfrosch im Herbst verkündet, dass leichter Nieselregen für Wuppertal angesagt ist. Für sie wirkt das so interessant, wie die letzten Hauptrollen von Nicolas Cage. Trotz der Drohnen und vorrückenden Panzer, trotz der militärischen Präsenz: alles scheiß egal. Der operierten, manikürten, braungebrannten und durchtrainierten High Society geht es um nur eins: um den Moment, um das was im iPod läuft, um das was im Glas drin ist, um das was sie gerade anhaben – abgekürzt: um den Konsum.

Ein Brummen schwillt an, erreicht seinen Höhepunkt und verebbt sogleich wieder. Das Jagdflugzeug fliegt knapp über das Becken, sein Schatten huscht über das Wasser. Kurz darauf fegt die Druckwelle darüber hinweg. Die Sonnenschirme an der Bar verbiegen sich gefährlich, im Becken schlägt das Wasser Wellen. Die Tiflisser liegen regungslos auf ihren Liegen, keiner möchte sich etwas anmerken lassen. Nur eine dünne Frau beugt sich aus ihrem Stuhl und schaut in den Himmel. (S. 30)

In den fünfzehn Kapiteln dieses Buches geht es vor allem um den Verdrängungsmechanismus und eine Parallel- und Scheinwelt. Die Episoden werden von unterschiedlichen Figuren erzählt, die häufig in die Details gehen. Ausführlich ihre Geschlechtsteile beschreiben, ihre Erlebnisse beim Sex oder die sexuellen Wünsche schildern. Die immer wieder auf Filme verweisen (Er sah aus wie Universal Soldier), die meist im Trash-Sektor beheimatet sind. Ein anderer Abschnitt hält ein besonderes Horoskop fest, wieder ein anderer besteht aus einem Gedicht oder einem Chatverlauf oder einer Beschreibung, welche (gefakten) Label-Klamotten du dir für welchen Preis in Tiflis ergattern kannst. Immer wieder fließen (veränderte) Marken-Logos mit ein, die entsprechend thematisch zum jeweiligen Thema umgeformt wurden. Aus Emporio Armani wird Emporio Armeni, aufgrund der zahlreichen Armenier in Tiflis.

Nun ist Popliteratur wie im Fall von »adibas« nicht jedermanns Sache. Geschmack- sowie pietätlos, auf einem niedrigen Niveau bestehend für die einen. Für die anderen könnte es sich um ein aus Konfliktpotential bestehendes Produkt handeln, das darum bemüht ist, auszuteilen, wo es nur geht: Das Messer befindet sich an der Kehle, dennoch erfolgt der Griff zum Champagner. Und so fragt man sich, wer oder was in diesem Stück eigentlich ein Imitat bildet? Sind es die Menschen? Sind es die Meldungen, die den Bürgern in der Form bereits aus den Ohren heraushängen? Sind wir so true? Oder sind wir alle nicht bereits ein wenig abgestumpft, von dem was aus Syrien, Ukraine und Paris berichtet wird? Ändern tut sich für uns nichts, auch wir heben das Glas. Was würde aber passieren, wenn wir uns in einem Konflikt befänden? So könnte man glatt meinen, dass doch nicht alles so fake ist, wie es Burchuladze auftischt – grüß dich, Konsumgesellschaft.

[Buchinformationen: Burchuladze, Zaza (September 2015): adibas. Blumenbar Verlag. Aus dem Georgischen von Anastasia Kamarauli. 192 Seiten. ISBN: 978-3-351-05021-4]

7 thoughts on “Zaza Burchuladze – adibas

  1. Der Verdrängungsmechanismus funktioniert hier auch ganz gut. Ob ich Popliteratur mag, weiß ich auch nicht so recht. Vielleicht sollte ich es einfach mal ausprobieren.

  2. „Aus Schröder wird Merkel, aus Raider wird Twix, wir ändern die Namen sonst ändert sich nix.“ (Neulich in einer Comedy-Sendung im TV aufgeschnappt; stammt von einem gitarren-duo, dessen Namen ich vergessen hab.
    Passt scho‘ und scheint überall auf der Welt dasselbe zu sein.

  3. Wahrscheinlich liegt es an meiner jugendlichen Naivität, aber ich frage mich dann immer, kann man was ändern? Sollte man etwas ändern?
    Adibas klingt sehr interessant, die Blumenbar macht in meinen Augen viele interessante Bücher, aber wahrscheinlich liegt das auch daran, dass ich Teil der Zielgruppe bin. So viel zur schönen Konsumgesellschaft. 😉

    Was hat dich an Adibas am meisten schockiert, Ilja? Wenn es sowas überhaupt gibt bei diesem Buch?

    • Nein, kann man nicht, sich und alles aber vielleicht ab und zu hinterfragen wäre nicht verkehrt. Wir werden ja quasi so da rein geboren und sind mit der Zeit abgehärtet. Tägliche Schreckensmeldungen, die über die schnelllebigen Medien verbreitet werden. Da kann man einfach nicht mehr empathisch sein …

      Was mich an diesem Buch schockiert hat? „Schockiert“ ist da ein zu hartes Wort in diesem Zusammenhang. Merkwürdig war es jedoch, dass alle Figuren teilnahmslos weiterleben, sich besaufen, betäuben, befummeln, während um sie die Flamme immer größer wird. Dieses Ablenken der Figuren war äußerst merkwürdig, könnte aber genauso passiert sein. „Lebbe geht weida“, sagte mal ein Fußballtrainer. Das hat diese Oberschicht in diesem Roman so vorgelebt, trotz dem Wenn und Aber.

      Beste Grüße und einen guten Rutsch! 🙂

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