Dato Turaschwili – Westflug

Am 18. November 1983 kidnappen sieben junge Georgier das Flugzeug der Linie 6833, das in Tiflis startet und in Leningrad landen soll. Es ist ein Versuch, sich aus den Klauen der Sowjetunion zu befreien und ein Leben im Westen zu beginnen. Es bleibt beim Versuch. Sechs der Entführer werden zum Tode verurteilt, Unbeteiligte sterben. Dato Turaschwili, Dozent für moderne Literatur in Tiflis und Verfasser von neun Prosabänden sowie Drehbüchern, rollt den Fall in seinem Doku-Roman »Westflug«, der in seiner Heimat zum Bestseller wurde, wieder auf.Dato Turaschwili - Westflug

Georgien als Teil der UdSSR in der 80ern: Die neue Generation versucht, sich im Gegensatz zu ihren (Groß-)Vätern zu wehren. Sie plädiert für die Demokratie, stellt sich gegen ein kommunistisches System, das Abnutzungserscheinungen offenbart und als antiquiert gilt. Die Freiheit liegt in den kapitalistischen Staaten, in New York, wo alles ausgesprochen werden darf. Wo es Levis- und Wrangler-Jeans gibt, für die in Tiflis, falls sie es denn geschmuggelt durch die Grenzkontrolle schaffen, auf der Straße sogar mit Messern gestochen wird. Alternativ kann das seltene Produkt als wertvolles Gut auch gegen Medizin für das an den Ohren erkrankte Baby eingetauscht werden.

Der aufstrebende Schauspieler und frisch vermählte Gega Kobachidse und seine pazifistischen Freunde aus dem Intelektuellen-Kreis sehen nur noch ein Mittel, das ihnen den Weg zur Freiheit ebnen soll – eine Flugzeugentführung, allerdings ohne jeglichen Gewalteinsatz: »Es wird keine Opfer geben. Es kann keine geben.« Sie wollen die Tupolew-Maschine auf eine amerikanische Militärbasis in der benachbarten Türkei lenken und von dort aus einen neuen Lebensabschnitt planen. Für den Geheimdienst ist diese Aktion ein gefundenes Fressen, mit dem demonstriert werden soll, was mit Überläufern und Treulosen geschieht. Auch die georgische Führung inszeniert ein Spektakel und verbreitet reichlich Propaganda. Nicht erwähnt wird, dass die Kidnapper niemanden verletzen wollten, die Schüsse, durch die Geiseln verletzt wurden, von der Spezialeinheit stammten.

Währenddessen verbluteten auch andere Passagiere im Flugzeug, aber trotz der klaren Forderungen der Entführer kam niemand, um die Verletzten hinauszuschaffen. Die Entführer wunderten sich über die Kaltherzigkeit der Regierung und darüber, dass ihr die unschuldigen Bürger nicht leidtaten. Der Plan der Regierung war jedoch so brutal wie konsequent: Sie setzte darauf, dass die steigende Zahl von Verletzten im Flugzeug nützlich für sie wäre, weil die Agonie, die Panik und das Schluchzen der Verletzten die Entführer davon abhalten würde, logisch zu denken und klug zu handeln. Darum ließen sie die Verletzten liegen. (S. 92)

Die anschließenden Verhöre und Prozesse erinnern in ihrer Vorgehensweise an das, was u.a. Solschenizyn festgehalten hat. Falsche Versprechen, Manipulation, Demonstration der Stärke, Gewalt und Psychotricks, sodass hinterher rauskommen muss, dass Terroristen ohne Wenn und Aber ihre gerechte Strafe – Tod durch Erschießung – sicher erhalten.

Natürlich handelt es sich bei einer Flugzeugentführung um ein Verbrechen, das versucht der Autor gar nicht erst schönzureden. Ihm geht es mehr darum, zu beschreiben, wie damit umgegangen wurde – eine Verhetzung aller Beteiligten war die Folge. Ebenso erscheint die Tat an sich, geboren aus der Verzweiflung. Aber was nehmen (politische) Flüchtlinge auch heutzutage nicht alles in Kauf, um ihre Haut trotz aller Risiken zu retten?

Über 30 Jahre sind nach dem Vorfall vergangen, endgültig aufgeklärt worden ist er (gewollt?) immer noch nicht. Insofern ist es etwas schwierig zu bewerten, wie viel Wahrheit in »Westflug« steckt, was Fakt und was als Fiktion gedeutet werden kann. Immerhin bringen einige im Buch abgebildete Fotografien Gega und seine Freunde (optisch) näher.

Stets wird dem Land Georgien vorgeworfen, die (sowjetische) Vergangenheit nicht aufarbeiten und bewältigen zu wollen. Wie Nino Haratischwili (»Das achte Leben«) deutet Dato Turaschwili auf alte Narben, die bekanntlich, wenn sie einmal sind, nicht einfach überklebt werden können, sondern ein fester Bestandteil – auch nach dem Tod – bleiben. Ein Werk, das informiert und unfreiwillig Kopfschütteln hervorruft.

[Buchinformationen: Turaschwili, Dato (2014): Westflug. Verlag Klaus Wagenbach. Aus dem Georgischen von Anastasia Kamarauli. 176 Seiten. ISBN: 978-3-8031-2728-0]

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