Hans Fallada – Der Trinker

Ein Gläschen am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen. Doch was, wenn die Anzahl steigt? Ganz unbewusst? Der muntere Beginn zum Verlangen wird, mit einem zerstörerischen Ende? Das zu tief ins Glas schauen zum Alltag wird? In »Der Trinker«, posthum 1950 erschienen, verarbeitet Rudolf Ditzen alias Hans Fallada (*1893 – †1947) seine eigene Sucht und die Folgen.

Hans Fallada - Der Trinker

Eigentlich führt Erwin Sommer ein Leben voller Anstand. Er ist verheiratet, fast rundum zufrieden. Wäre da nicht sein Geschäft: Die Zahlen geraten etwas ins Stocken, seitdem seine dominante Frau, Alleskönnerin, Magda darin nicht mehr mitmischt. Das ist der springende Punkt, der den Protagonisten, der vorher durch und durch abstinent war, zu nur ein wenig Rotwein greifen lässt. Der Alkohol wird zum Freund und Verführer. Zur Hilfestellung. Denn die Welt sieht bei einem bestimmten Pegel ganz anders aus. So positiv. Nur am nächsten Morgen dann irgendwie nicht. Wenn der lädierte Körper nach mehr schreit.

Fallada skizziert den Untergang eines Mannes, der an den trügerischen Nebeneffekten zu Grunde gehen wird und sich in einer Abwärtsspirale befindet. Alsbald verändert sich die Persönlichkeit und das typische Verhalten eines Kranken entfaltet sich: Ich habe alles unter Kontrolle! Ihr wollt mir nur alle an den Kragen! Sommer betreibt ein Versteckspiel, kippt heimlich seine neue Liebe herunter und fühlt sich stark. Er bildet sich ein, sich mit seiner Frau messen zu müssen, sich zu duellieren. Er sei schließlich der Versager, sie diejenige, die immer alles richtig mache.

Warnungen, zur Besinnung zu kommen, sich einer Therapie zu unterziehen, heilen zu lassen, beachtet Sommer nicht. Dafür haut er von Zuhause ab, vertrinkt das Geld und wird gleich mehrmals hintergangen. Von Leuten, die genau wissen, wie sie ködern können. Die seinen wunden Punkt kennen und diesen ausnutzen. Die Säuferkarriere endet abrupt, als er in den Bau muss – bei einem erneuten Konflikt hat er seiner Frau mit Mord gedroht. Vom Kittchen geht es in eine Heil- und Pflegeanstalt. Dort soll er, so meint er, seine Sucht lediglich bekämpfen, sich auskurieren und schnell wieder resozialisiert werden. Vom einstigen angesehenen Kaufmann ist nicht mehr viel übrig, die soziale Stellung dahin.

Halb acht Uhr und ab ins Bett, wie die Kinder, früher als die Kinder! Wie werde ich diese Nacht hinbringen? Wie die sechsundreißig Nächte der Beobachtungszeit? Und vielleicht viele, viele Nächte danach? Die unendliche Länge einer endlosen Zeit, in der nichts geschieht, legt sich wie ein Bleigewicht auf mich. Dieser kahle Raum, in dem nichts als das Allernotwendigste ist, erscheint mir wie ein Abbild meines künftigen Lebens. Nichts mehr zu erwarten, nichts mehr zu wünschen, nichts mehr zu hoffen … Leben und warten, ein Leben, das sich nur auf das Künftige richtet, in dem jede Stunde leer ist, und auch das Künftige wird leer sein … (S. 173)

Die Psychiatrie kristallisiert sich als tatsächliche Klapse heraus, in der Schwerkranke, geistig Gestörte, Mörder, Sexualverbrecher und weitere Kriminelle sich tummeln und wohl nie wieder die Luft der Freiheit atmen werden. Wo an allen Ecken und Kanten gespart wird, das Essen kein Essen mehr ist und die Menschen nur noch wenig Humanes besitzen. Sommer hofft. Auch darauf, dass Magda ihm verzeihen und ihn rausholen möge. Er sei doch vollkommen gescheit, vom Alkohol wolle er nichts mehr wissen – ein Drang ist nicht mehr vorhanden. Er habe die Fehler eingesehen, die er zu begleichen versuchen werde.

Aber ich mochte mir was erzählen, die Tatsache blieb, daß ich eine schwere Niederlage erlitten hatte, daß ich in den Augen von Arzt und Oberpfleger wie ein kleiner windiger Spitzbube dastand, der sich mit allen Kniffen und Pfiffen von seiner Schuld frei schwindeln will. Schuld –?! dachte ich. Was habe ich denn groß für eine Schuld?! Die bisschen Bedrohung – Mordhorst hat gesagt, für eine Bedrohung kriegt man höchstens ein Vierteljahr. Das ist gar nichts, das kann man überhaupt nicht rechnen! Sie aber machen einen Riesensums daraus, sie schleppen mich in Gefängnis und Heilanstalt, sie nehmen mir das »Herr« von meinem Namen Sommer, Kohlwasser geben sie mir als Fraß, und sie veranstalten Verhöre mit mir, als sei ich ein Muttermörder und der letzte der Menschen! (S. 238)

Nur herrschen in seiner neuen Bleibe andere Gesetze: Terror, ausgehend von leitenden Angestellten und bevorzugten Insassen. Jedes seiner Worte wird umgedreht. Als Sommer dann erfährt, dass Magda ihn verlassen möchte und die Lage sich zuspitzt, auf immer dort festzuhängen, wählt er einen bitteren Ausgang. Für ihn der einzig richtige.

Der Roman wird aus der Ich-Perspektive von Sommer erzählt und lässt sich in zwei Abschnitte unterteilen. Der erste handelt davon, wie ein Kleinbürger sich der Gefahr nicht bewusst ist und alles, was er bekommen kann, schluckt. Der die vermeintliche Lösung für die Krux gefunden hat. »Der Alkohol hat kein Gedächtnis, macht er zornig, so kann ein Wort, ein Gläschen schon diesen Zorn auslöschen.« Der zweite, weitaus längere beinhaltet die Sackgasse, in die ihn die Sucht geführt hat. Von null auf hundert ändert sich alles. Er hat dem Kollegen Alk den kleinen Finger gereicht, dieser will die ganze Hand und mehr.

Die Höhe beim Fallen ist tief. Die Szenen in der Psychiatrie, in der drangsaliert wird und (auch unter den Eingeschlossenen) strenge Hierarchien und Manipulation herrschen, erinnern an »Einer flog über das Kuckucksnest«. Und Fallada erzählt diese Geschichte nicht aus einer Laune heraus. Er selbst schrieb dieses Werk als Häftling in einer Anstalt, nachdem er – wie Sommer – seine Gattin (mit einer Pistole) bedroht haben soll, drogensüchtig war und als unzurechnungsfähig galt.

In gut zwei Wochen schrieb Fallada seinen persönlichsten Roman nieder. Zu der Zeit lebte er auf richterlichen Beschluss für dreieinhalb Monate in der Strelitzer Landesanstalt. […] Umgeben von Kranken, Kriminellen, Wärtern und Pflegern, selten ungestört, schrieb Fallada nicht nur den Roman, sondern noch fünf Erzählungen und seine Sicht auf die Nazizeit nieder. Um das Manuskript zu schützen, tarnte er es durch Unleserlichkeit: Fertige, eng beschriebene Manuskriptblätter stellte er auf den Kopf und schreib in den Zwischenräumen zurück. Mitunter wiederholte er den Vorgang, so dass die Seiten wie mit einer Geheimschrift bedeckt erschienen. (Aufbau Verlag)

Insofern täuscht der Titel, weil der Roman nicht nur auf den Alkoholismus begrenzt ist. Falladas Wiedergabe der Psychiatrie und die Umstände darin machen den Großteil des Werks aus. Zahlreiche (verwahrloste) Charaktere, denen erst gar nicht geholfen werden will, und Lebensläufe werden wie homosexuelle Kontakte beschrieben. Insgesamt ergänzen sich diese beiden Abschnitte nicht immer, bilden aber einen Kontrast.

Draußen, das feuchtfröhliche Probleme-Ertrinken. Drinnen, der monotone Ort der Verdammnis. Ja, Sommer, wenn du vorher gewusst hättest, wohin dich deine anfänglichen Schlucke Wein anschließend gebracht hätten, hättest du es zweifelsohne gelassen! Oder? Hinterher bist du immer schlauer. Auch nach Falladas Roman. Oder wenn am nächsten Tag die Aspirin eingeschmissen wird, weil die Rübe zu zerbersten droht. Prost!

[Buchausgabe: Fallada, Hans (2013): Der Trinker. 3. Auflage. Aufbau Verlag. 303 Seiten. ISBN: 978-3-7466-2791-5 ]

11 thoughts on “Hans Fallada – Der Trinker

  1. Ganz lieben Dank für die tolle Besprechung! Hätte ich sie nicht lesen können, wäre der Trinker an mir vorbeigegangen, da mir völlig entgangen war, dass hier auch über den Aufenthalt in einer Psychiatrie geschrieben wurde.

    Danke!
    Mina

    • Gerne. Ja, Falladas Intention ist schon offensichtlich: Darzustellen, wie arm dran diese Menschen sind. Ihr Zustand verschlechtert sich perspektivisch, weil so gewollt und es wird nur darauf gewartet, bis sie an Tuberkulose erkranken, endlich abkratzen. Von daher handelt es sich um ein richtiges Wegschließen und komplettes Ausgliedern. „Sind ja sowieso auf ewig nicht mehr zurechnungsfähig!“ Denke, dass er auch eigene, schockierende Erfahrungen durch seinen Aufenthalt einfließen ließ.

      Beste Grüße

  2. Ich mag Falladas Bücher, sein Stil. Diesen Roman habe ich allerdings noch nicht gelesen, dabei ist das Thema aktueller denn je. Leider wird Alkoholismus in unserer Gesellschaft nicht wirklich ernst genommen. Eher wird der übermäßige Gebrauch oft verlacht. Was traurig macht.

    • Wohl war. Siehe Harald Juhnke, der zudem auch in einer Verfilmung dieses Romans die Hauptrolle mimt. Wie sich jahrzehntelang viele und der Boulevard an seinen Eskapaden erfreut haben. Traurig. Auch sonst ein schwieriges Feld! Aber Akzeptanz hat die Volksdroge, ohne Frage.

  3. Tolle Besprechung! Vielen Dank! Ich habe das Buch schon mehrmals gelesen. Leider hat mir die Verfilmung überhaupt nicht gefallen, aber Fallada tut das ja keinen Abbruch.

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