Swetlana Alexijewitsch – Die letzten Zeugen

Kein Krieg ohne Opfer, die frei von Schuld sind. Aus Kinderaugen lässt sich diese Unschuld wohl am eindringlichsten herauslesen. Sie begreifen von alldem nichts, Verluste und Zerstörungen können nicht verarbeitet, genau wie rationale Erklärungen für die eklatante Situation gefunden werden. Warum uniformierte Faschisten einmarschieren, plötzlich morden, sich wie Wilde aufführen. Es nichts mehr Beißfestes gibt, zerfledderte Leichen sich stapeln und Detonationen die Erde erschüttern lassen. Warum Eltern spurlos verschwinden. Die großartige Swetlana Alexijewitsch, Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels, widmet sich diesen »letzten Zeugen«, den sowjetischen Kriegskindern im Zweiten Weltkrieg von einst. So schwer es ihnen fällt, sich zu besinnen (»Was ist besser – sich erinnern oder vergessen?«) – ihre Aussagen bohren sich ein.

Swetlana Alexijewitsch - Die letzten ZeugenAlexijewitsch bittet die heutigen Lehrer, Arbeiter oder Pensionäre zum Gespräch, die damals zwischen vier und vierzehn Jahre alt waren. Sie selbst hält sich als Chronistin komplett aus dem Geschehen heraus, sammelt und sortiert jahrzehntelang. 102 Auszüge aus Interviews sind zu finden, manche beinhalten nur eine Seite, manche gleich mehrere. Lediglich der Name wird erwähnt, der Beruf und das damalige Alter. All diese kurzen Sequenzen handeln vom Kriegsbeginn in Weißrussland und was dieser schließlich (in ihnen) ausgelöst hat. Stellenweise ist es nur schwer zu verdauen, zu was Menschen fähig sind.

Du siehst einen schwarzen Leichnam liegen und weißt: Da ist ein alter Mann verbrannt. Und wenn du von weitem etwas kleines Rosiges siehst, dann weißt du: Ein Kind. Ganz rosa lagen sie auf den verkohlten Überresten … (S. 20)

Der Zug wurde bombardiert, Flugzeuge griffen an, niemand schaffte es, rechtzeitig aus dem Waggon zu springen. Da hörten wir einen Schrei: Der Schwangeren war ein Bein abgerissen worden. Dieses Entsetzen habe ich noch heute in Erinnerung. Die Geburt setzte ein. Ihr eigener Vater war ihr Geburtshelfer. Und das alles vor aller Augen. Krachen … Blut, Schmutz … Ein Kind wird geboren. (S. 68)

Drastisch schildern die Überlebenden, wie die Nazis ganze Ortschaften ausrotten, wenn herauskommt, dass aus dieser ein Partisan stammt, dem geholfen werde. Kinder schauen dabei zu, wie ihre Eltern hingerichtet werden und die Erwachsenen wiederum, wie die Kleinen ihre letzten Atemzüge nehmen, bevor ihre Körper mit Kugeln vollgepumpt werden.

Ein Deutscher wendete und fuhr an der Reihe der Toten entlang. Er hatte etwas Schweres in der Hand. Einen Knüppel oder eine Kurbel für das Motorrad. Das weiß ich nicht mehr … Ohne abzusteigen fuhr er langsam an ihnen vorbei und spaltete ihnen die Köpfe. Ein anderer Deutsche wollte mit der Pistole noch einmal schießen, aber der erste schüttelte den Kopf – nicht nötig. Alle anderen waren schon weg, er aber fuhr erst, als er allen den Schädel gespalten hatte. Ich hörte zum ersten Mal, wie menschliche Knochen krachen … Ich erinnere mich, sie krachten wie reife Kürbisse, wenn Vater sie mit der Axt aufschlug und ich die Samen herauspolkte. […] In den Särgen lagen lauter Menschen, die ich kannte. Alle ohne Kopf. Anstelle des Kopfes ein weißes Tuch. Darin das, was man aufgesammelt hatte … (S. 238)

Besonders stechen die Beziehungen zu den Müttern heraus, die in so gut wie in jedem Bericht beschrieben werden. Der Vater ist sowieso an der Front für die heimischen Farben kämpfend und abwesend, stellt die Mutter den einzigen Bezugspunkt dar, die sich wehrt und alles daran setzt, dass der Nachwuchs diesen Krieg übersteht. Im Umkehrschluss handelt das Werk von vielen Waisen, da die Obhut der Mama nur wenig gegen die deutsche Gewalt anrichten kann, von Vertreibung und Flucht, vom wundersamen Überleben. Aber auch von einem Trauma, das tiefe Brandmale hinterlassen hat, kindliche Ängste vor dem Glück, das gleich wieder vorbei sein könnte und von einem Nachbeben: »Diejenigen, die im Krieg Kind waren, sterben oft früher als die Väter, die an der Front gekämpft haben. Früher als die ehemaligen Soldaten.«

Nach und nach wird Mosaikstein an Mosaikstein zusammengesetzt und es entsteht ein dokumentarisches Konstrukt, das an die Nieren geht. Die kurzen Texte verbindet die Erfahrung, die häufig voller Lücken ist. Ein Überhang an Emotionalität ist nicht vorhanden, der Ton mehr prosaisch, verfehlt die Wirkung aber nie. Dem Leser bleibt viel Deutungsraum, da die Personen nie beschrieben werden und gesichtslos erzählen. Und wofür das Ganze? Warum dieses Wühlen in der Vergangenheit und Asche? Weil es sein muss!. »Ich will mich nicht erinnern. Aber man muss den Menschen seinen Kummer erzählen. Allein weinen ist schwer … «

[Buchinformationen: Alexijewitsch, Swetlana (2014): Die letzten Zeugen. Kinder im Zweiten Weltkrieg. Hanser Berlin. Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt. Titel der Originalausgabe: Последние свидетели. Соло для детского голоса (2004). 304 Seiten. ISBN: 978-3-446-24647-8]

14 thoughts on “Swetlana Alexijewitsch – Die letzten Zeugen

  1. Zu welch unfassbaren Taten Menschen fähig sind, machen nicht nur die unzähligen Fotos und Filmbeiträge aus Zeugnisse der Kriege deutlich. Auch die Literatur spielt da eine große Rolle. Bestes Beispiel ist dafür auch der neue Roman von Ralf Rothmann. Und nach Deiner wunderbaren Besprechung kommt dieser Roman auf meine Leseliste. Danke für den Tipp. Obwohl ich auch glaube, dass auch die Bücher nicht ganz erklären können, wo die Menschlichkeit im Fall dieses unermeßlichen Leids geblieben ist.

    • Wir können uns durch Literatur der Thematik lediglich nähern, lernen und begreifen. Das seelische Leid der Opfer wird dennoch nicht nachempfunden werden können. Genauso lassen sich, moralisch gesehen, die Handlungen der Täter nicht nachvollziehen. Dagegen glaube ich schon, dass die Wissenschaft, interdisziplinäre Argumente findet/finden kann, zu was der Mensch in bestimmten Situationen fähig sein kann.

      Rothmanns Werk sollte ich mir mal näher angucken.

      Liebe Grüße!

  2. In Heft 5/2008 von „Sinn und Form“ las ich zu von Peter Bender rezensierten Überlegungen Christian Meiers, dass Vergessen Voraussetzung sei für ein friedliches Zusammenleben. Als Beispiel führte der Verfasser die Anordnung von Heinrich IV. auf:
    „Die Erinnerung an das Geschehene solle „ausgelöscht und eingeschläfert sein, wie wenn nichts geschehen wäre“ – und das nach der Bartholomäusnacht mit Tausenden von Morden. Der König verbietet Erwähnung und Verfolgung der Untaten, untersagt Erneuerung der Erinnerung. Man solle sich zufriedengeben und friedlich zusammenleben „wie Brüder, Freunde und Mitbürger“. Wer zuwiderhandelt, sei als Friedensbrecher und Feind der öffentlichen Ordnung zu bestrafen.“ [siehe Leseprobe „http://www.sinn-und-form.de/?tabelle=leseprobe&titel_id=2711“]
    Ganz abgesehen vom Prinzip der Strafe finde ich den Ansatz auch rein menschlich nicht so konfliktfrei, es geht aber schon um den Geist, mit dem das ausgeteilte und das empfangene Erinnern geschieht. Den zitierten Schlußsatz dieses Beitrags finde ich deswegen sehr gut: dass dies Erinnern auf geteilte Trauer zielt und somit an die Gefährtenschaft der Menschen gemahnt, die gespendete und die erfahrene.

    • Im ersten Moment war ich angesichts der Aussage von Heinrich IV. in diesem Zusammenhang ein wenig irritiert. Das ist ein (beispielhafter) Ansatz, der bei einer Umsetzung Diktatur hinauf beschwört, eine Erinnerungskultur auslöscht und die eigene Identität sowie das Bewusstsein nicht entfalten lässt. Es folgt dadurch ein Lenken der Denkprozesse, das Gedächtnis ist nicht von ungefähr von der Natur gegeben und Trauer könnte auch nicht mehr bei solch einem drastischen Cut vonstattengehen.

      Vielleicht könnte man den Tenor dieser Feststellung umformulieren: Die Vergebung ist (eine) Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben.

  3. Ein anderes Buch von Alexjijewitsch, das an die Nieren geht: Der Krieg hat kein weibliches Gesicht. Augenzeugenberichte von Frontmädchen und Soldatinnen, die sie über Jahre gesammelt hat, gegen die Zensur. Das ist ein ganz anderer Ton als die heroischen Berichte von Männern, die im großen Vaterländischen Krieg waren. Eine bislang wenig beachtete Seite. Ich musste das Buch manchmal weglegen. Aber es hat sich gelohnt. Und auch das Buch der Kinder ist harter Tobak, dennoch es ist besser zu wissen, wie es gewesen sein könnte, als im Nebel zu bleiben.

    • Ja, „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ liegt hier bereits und verlangt, gelesen zu werden. Ich bin gespannt. Aber deinen Beschreibungen zufolge rechne ich inhaltlich mit genau dem, mit diesem „Ich musste das Buch manchmal weglegen“. Gleichzeitig warte ich auf den richtigen Augenblick, Alexijewitschs imposante Werke sind nichts für Zwischendurch und bewirken etwas in der Seele. Ferner warte ich darauf, bis sie den Literatur-Nobelpreis verliehen bekommt. Heiße Kandidatin war sie ja bereits häufiger. Und das würde automatisch bedeuten, dass noch mehr Menschen ihre Werke lesen werden, die es verdient haben, rezipiert zu werden. Von „Secondhand-Zeit„, so etwas wie ihr Lebenswerk, war ich genauso begeistert, wenn man von Begeisterung sprechen darf.

      • Lieber Bogatyr Muromez,
        du hast Recht, für ihre Bücher braucht man Muße und eine relativ gefestigte Tagesform. Dennoch – bei aller Drastigkeit der Beschreibungen finde ich, dass sie immer den richtigen Ton trifft. Ich meine, es sind keine plumpen Anklagen dabei oder kriegerisches Pathos, das einem zuviel werden könnte. Sie benutzt eine offene Sprache, die sich an der Wirklichkeit orientiert – gerade das macht diese Zeugenaussagen so wertvoll. Den Nobel-Preis wünsche ich dieser Autorin aber nicht nur deswegen, sondern auch wegen ihrer Beharrlichkeit, mit der sie an ihren Themen drangeblieben ist, trotz Gegenwind. Secondhand-Zeit steht bei mir noch aus, bin schon sehr gesapannt drauf.

      • Liebe Scherbensammlerin,

        auch da stimme ich dir zu. Sie hält sich ja größtenteils als Person und Autorin in den Texten raus. Das war zumindest bei „Die letzten Zeugen“ so. Etwas mehr kommentiert hat sie bei „Secondhand-Zeit“. Erstaunlich ist vor allem, dass sie trotz diesem Skizzenhaften immer einen ähnlichen Ton trifft und einen eigenen Stil behält, der sich ästhetisch einprägt und den man wiedererkennt. Herausgefunden, wie das funktioniert, habe ich noch nicht, da sie ja lediglich Gesprächsfetzen wiedergibt. Diese Auszüge aber wahrscheinlich so wählt, dass sie einem Alexijewitsch-Stil ähneln. Und ja, reichlich Gegenwind hat sie abbekommen und dennoch weitergemacht – auch dafür sollte sie geehrt werden, weil es nicht selbstverständlich ist. Es zahlreiche Beispiele, Journalisten und Autoren in der ehemaligen Sowjetunion gibt, die aufgaben oder aufgeben mussten. Ich bin gespannt, wie du die Lektüre aufnimmst.

        Liebe Grüße

  4. Lieber Recke Muromez,

    hast du schon gehört? Swetlana Alexijewitsch hat heute den Nobelpreis der Literatur bekommen. Dasr ich deine Beiträge auf meinem blog reposten oder rebloggen, wie es heißt. Was für eine Nachricht. Ich freu mich für sie.

    Scherbensammlerin

    • Liebe Scherbensammlerin,

      ich habe alles live mitverfolgt und mich unheimlich für sie gefreut. Einige Reaktionen zielten ja darauf ab, dass es sich in diesem Fall nur um einen politischen Preis handeln würde, weil ja bald Präsidentschaftswahlen in Belarus sind, und Swetlana alles andere als ein Freund von Diktator Lukaschenko ist. Diese Behauptungen können allerdings nur Menschen aussprechen, die noch nicht etwas von ihr gelesen haben. Natürlich ist sie unheimlich politisch, aber in ihren Werken steckt mehr als nur Politik. Sie gibt besonderen Menschen eine Plattform, die nie eine erhalten würden, lässt sie sprechen, sodass sich ein Bild aus Stimmen ergibt. Das ist meiner Meinung nach einzigartig. Zumindest habe ich nichts Vergleichbares bisher gelesen.

      Beste Grüße und danke für das Rebloggen!

  5. Pingback: Nobelpreis für die Menschenforscherin | Muromez

  6. Pingback: Jahresabschluss und Top Ten | Muromez

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