Maxim Harezki – Zwei Seelen

Eine Pizzeria oder ein Friseursalon, okay. The next big thing finden und dann als Startup loslegen, okay. Aber einen Verlag, wozu bei diesen Büchermassen noch einen weiteren Verlag heute? »Wir haben genug zu lesen, aber wir übersehen immer wieder so gute Sachen«, erklärt Sebastian Guggolz, der Literatur aus Nord- und Osteuropa wieder- und neuentdecken möchte. »Zwei Seelen« heißt da so ein Titel und gehört zu den ersten beiden Werken, die der Guggolz Verlag veröffentlicht hat. Der weißrussische Autor Maxim Harezki? Gänzlich unbekannt. Also, erkunden wir mal!

IMG_20150309_152759Wer den Roman verstehen möchte, kommt nicht drumherum, sich über die Zeit, in der die Handlung spielt, zu informieren, ansonsten tappt man gänzlich im Dunkeln: Weißrussland, das im Ersten Weltkrieg eineinhalb Millionen Opfer hinnehmen musste und von den Deutschen besetzt wurde, war selbst nach Kriegsende ein Unruheherd. Weiter ging es 1917-1918 mit der blutigen Revolution, in der die »Roten« (das russische Vaterland) gegen die »Weißen« (die weißruthenische Nationalbewegung) in den Kampf zogen. Mitten in diesem Durcheinander befindet sich der Protagonist Ihnat Abdsiralowitsch, der selbst nicht entscheiden kann, zu welcher Seite er nun halten solle.

Ich weiß nicht, wer für mich einer der Unsrigen oder wer ein Feind ist. Ich halte mich an irgendeine seltsame Neutralität und betrüge damit die einen wie die anderen und mich selbst obendrein. (S. 98)

Ihnat ist der Sohn eines Großgrundbesitzers. Da seine Mutter getötet wird, zieht eine Amme ihn und ihren eigenen Sohn Wassil gleichzeitig auf. Der erwachsene Ihnat kämpft dann als Fähnrich für Russland im Ersten Weltkrieg. Aufgrund einer Erkrankung wird er aus der Armee entlassen und dann nimmt die Geschichte Fahrt auf. In den Revolutionswirren treiben fanatische Weißruthenen und Spione ihr Unwesen. Es kommt in diesem Chaos zu willkürlichen Festnahmen, zu einem Mord und einer gescheiterten Liebesbeziehung. Während Ihnats Gespaltenheit und Unentschlossenheit psychologisch seziert werden, stumpfen auch seine Mitmenschen immer mehr durch diesen Hexenkessel und fast anarchischen Zustand ab.

Die Zerrissenheit Ihnats, die sich auf das Land übertragen lässt, ist das zentrale Thema des Romans. Einerseits schätzt er das dörfliche und traditionelle Weißruthenien/Weißrussland, das ihn reizt. Andererseits steht er aber auch für ein gemeinsames Russland, was bedeuten würde, dass seine Heimat die Unabhängigkeit verliert. Sein Milchverwandter Wassil dagegen hat sich positioniert, befindet sich nicht mehr zwischen den Fronten und hat sich den Bolschewiken angeschlossen.

Dass »Zwei Seelen« hierzulande erschienen ist, ist auch ein großer Verdienst vom wichtigsten Vermittler bulgarischer und belarussischer Literatur, Norbert Randow. Der Übersetzer hat Harezkis gehaltvolles Werk vor seinem Tod übertragen, wodurch es erst in den Fokus rückte und in die Hände des Verlegers Sebastian Guggolz fiel. Überhaupt hat die belarussische Literatur einen schweren Stand, wurde sie doch seit jeher vernachlässigt. Ebenso wenig literarisch behandelt wurden die Folgen des Ersten Weltkrieges für (einige) osteuropäische Länder. Im Westen dagegen lassen sich zahlreiche Autoren wie Erich Maria Remarque finden, die die Folgen detailliert thematisiert haben. Auch deswegen gilt »Zwei Seelen« als ein Schlüsselwerk der weißrussischen Literatur und stellt insofern eine Besonderheit dar.

»Zwei Seelen« kann als ein historisches, aufschlussreiches und bedeutsames Dokument betrachtet werden, das Maxim Harezki, der 1938 im Zuge der großen stalinistischen Terrorkampagne gegen die weißrussische Intelligenz erschossen wurde, mitten in der Revolution anfertigte und das den damaligen Zustand Weißrusslands verdeutlicht. Wie Ihnat ist es gespalten, unschlüssig – auch heute noch, 100 Jahre später, wenn es mit seinem Präsidenten Lukaschenko zu seinem großen Bruder Russland hinaufblickt und die eigene Identität verschmäht.

[Buchinformationen: Harezki, Maxim (August 2014): Zwei Seelen. Guggolz Verlag. Aus dem Weißrussischen und mit einem Glossar von Norbert Randow, Gundula und Wladimir Tschepego. Titel der Originalausgabe: Дзве душы (1919). 220 Seiten. ISBN 978-3-945370-01-8]

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