Herta Müller – Mein Vaterland war ein Apfelkern

Der Effekt des geschriebenen Wortes ist besonders. Er kann schallen, hallen. Anders als bei Konkurrenzmedien wie Audio- oder Film-Dateien wirkt er fortwährender, anhaltender. Infolgedessen sollte man dankerfüllt sein, dass das Gespräch mit Nobelpreisträgerin Herta Müller in »Mein Vaterland war ein Apfelkern« schriftlich fixiert wurde und nicht anderswie. Es bringt uns die Literatin einen Schritt näher. Ihre wohldurchdachten, meist poetischen Antworten sind fühlbarer, geben Auskunft über ihre Prägung und Schreibe. Nie verfehlen sie die Wirkung, sondern dienen vielmehr einer Tendenz, die darauf hindeutet, warum Müller so ist, wie sie ist.

Herta Müller - Mein Vaterland war ein ApfelkernChronologisch beginnt das Buch mit Müllers Kindheit, wie sie, die Tochter eines SS-Mannes und einer Frau, die ins sowjetische Arbeitslager Widerwillen musste, in einem abergläubischen, rumänischen Dorf aufwächst, Kühe hütet und dabei ein ungewöhnliches Verhältnis zur Natur entwickelt. Sie isst alle möglichen Pflanzen und glaubt, dass die Erde die Toten auffrisst. Die drohende Hand der Mutter, die stets ausholt, ist dabei jederzeit anwesend.

Und ich war so abgestumpft, ich gab mir keine Mühe, mich so zu benehmen, dass ich nicht bestraft wurde. Ich wusste, dass ich sowieso Prügel kriege, das Prügeln hatte sowieso mehr mit ihr zu tun als mit mir. Heute weiß ich, sie war verhärtet und kaputt, sie hatte die fünf Jahre russisches Arbeitslager knapp überlebt, es war noch nicht lange her, als ich geboren wurde. Es waren so viele dort um sie herum verhungert und erfroren, sie hatte mehr Glück als diese Toten, kam verelendet zurück, heiratete schnell, bekam ein Kind, das nach der Geburt blau anlief und starb, und gleich danach das zweite – das war ich. (S. 26)

Im Zentrum steht aber auch das Leben im sozialistischen Rumänien unter dem Diktator Nicolae Ceaușescu. Müller beschreibt den Sozialismus als eine Austreibung der Schönheit, der eine dressierte Gesellschaft formte. Probleme bekommt die Deutschstämmige, als sie sich weigert, dem Geheimdienst Securitate als Spitzel zu dienen und nicht mit ihm kooperiert. Es folgt ein Drahtseilakt und der Verlust ihres Jobs in einer Fabrik. Fortan wird sie auf Schritt und Tritt verfolgt, schikaniert und verhört. Aus Einsamkeit beginnt sie dann zu schreiben.

Die Securitate wird sie nicht mehr los. Sie ist ihr ständig auf der Spur, wirft ihr lächerliche Anschuldigungen vor (»Man wurde sich selbst weggenommen und in eine erfundene Person hineingezwungen.«), verlegt Wanzen in ihrer Wohnung, was sie erst später erfährt. Spioniert ihren literarischen Freundeskreis aus. Zu jeder Vorladung nimmt Müller ihre Zahnbürste mit, da sie jedes Mal damit rechnet, ins Gefängnis einzuwandern und wie viele andere – was an der Tagesordnung ist – danach von der Bildfläche zu verschwinden. Was ihr tatsächlich wiederfährt, fällt erst dann wie Schuppen von den Augen als »Niederungen« in Deutschland veröffentlicht wird und sie zur Frankfurter Buchmesse reisen darf. Der attestierte Kontrast ist schockierend, weil sich ihr wahrer Zustand verdeutlicht.

Im Westen habe ich kapiert, wieviel Leben uns in Rumänien gestohlen wird, dass man uns nicht nur den Mund verbietet, sondern auch das Leben stiehlt. Wir haben schlechte Kleider oder keine Zähne, keine Medikamente. Die Leute sterben an Kleinigkeiten und halten das für normal. Sie sind dem Staat nichts wert. Wir hatten kein Aspirin und keine Watte, es gab keine Tampons, Binden, nichts. Die Frauen sind mit Fetzen in den Hosen rumgelaufen. Korruption und Bestechung, das kam ja alles noch dazu. Und dass man die Leute noch mehr entwürdigen und zähmen kann, indem man ihnen mitten im Winter die Heizung abdreht und die Grundnahrungsmittel vorenthält. Indem man sie zwingt, einen ganzen Tag für ein Brot und eine Flasche Milch Schlange zu stehen. Für diesen Staat hat es den einzelnen Menschen ja nur gegeben, wenn er ihm verdächtig war und er in ihm einen Feind sah. (S. 176/177)

1987 gelingt ihr die Ausreise nach Deutschland, aber selbst dort hantiert die Securitate, manipuliert ihre krebskranke und beste Freundin, der sie bisher immer vertraut hat und die die Grundsteine für einen Mord an Müller legen soll. Neben der Flucht lenkt Interviewerin Angelika Klammer das Gespräch auch in die literarische Richtung. Müller erklärt den Entstehungsprozess von »Atemschaukel«, blickt auf die Sitzungen mit dem einstigen Insassen und Lyriker Oskar Pastior zurück, der über seine Deportation berichtete und mit dem sie zurück in sein Lager reiste. Auch auf die überraschende Kollaboration Pastiors mit der Securitate geht sie ein. Im Besonderen imponieren aber Müllers Auskünfte über das Schreiben:

Ja, das Schreiben ist eine innere Notwendigkeit gegen einen inneren Widerstand. Ich schreibe immer für und gegen mich selbst. Mit dem Aufschreiben warte ich jedesmal, bis es unausweichlich ist. Ich zögere es hinaus, weil ich weiß, dass es mich, wenn ich damit anfange, so in Besitz nimmt, dass ich Angst davor habe. Wenn ich dann im Schreiben bin, schluckt es mich ganz. Die Sprache hebt die Zeit auf, sie zieht das Erlebte in eine besessene Suche nach Wort, Takt, Klang. Diese Genauigkeit hat ihre Rücksichtslosigkeit, aber auch ihren Sog, aus dem ich nicht mehr herausfinde. […] Den Magnetismus beim Schreiben gibt es, sonst würde ich es nicht seit Jahren tun. Ich glaube, dieser Magnetismus besteht aus Rücksichtslosigkeit und Schonung. (S. 195)

Das Gesprächsbuch »Mein Vaterland war ein Apfelkern« verbindet die Autobiografie mit der Kunst Herta Müllers. Beeindruckend, welche wunderbaren Sprachbilder nicht nur ihre Feder produziert, sondern auch zu denen ihre Zunge imstande ist. Niederschlagend, welches Leid sie aushalten musste. Für was »Mein Vaterland war ein Apfelkern« ansonsten geeignet ist? Als Einstieg in Müllers Poesie und Werke … für Leute wie mich.

[Buchinformationen: Müller, Herta & Klammer, Angelika (September 2014). Mein Vaterland war ein Apfelkern. Hanser Verlag. 240 Seiten. ISBN: 978-3446246638]

[Anmerkung: Eine weitere Besprechung zum Gesprächsbuch findet sich bei der Gedankenlabyrintherin.]

6 thoughts on “Herta Müller – Mein Vaterland war ein Apfelkern

  1. Habe Deine Rezension mit großem Interesse gelesen. Höre Frau Müller im Dezember bei einer Lesung aus diesem Buch und freue mich schon sehr darauf. Bis dahin möchte ich unbedingt noch die „Atemschaukel“ lesen. Dein Text hat auf jeden Fall schon mal große Lust gemacht 🙂

    • „Atemschaukel“ habe ich mir umgehend nach „Mein Vaterland war ein Apfelkern“ zugelegt. Mal schauen, was mich erwartet! Dir wünsche ich viel Spaß bei der Lesung 🙂

  2. Bevor Herta Müller nach Deutschland 1987 zusammen mit Ihrem Mann David Wagner nach Deutschland ausreisen konnte waren bereits ihre ersten beiden Werke (soweit mir bekannt) in Deutschland erschienen. Beim damaligen Rotbuch-Verlag. Es waren Der Mensch ist ein großer Fan auf der Welt und Niederungen. Ich weiss nicht mehr, in welcher Reihenfolge, aber ich habe damals beide Bücher gelesen und war zutiefst beeindruckt. Sowohl vom sehr bedrückenden Inhalt, den man eindeutig biographisch einordnen konnte, als auch von der klaren, sehr poetischen Sprache. 1988 habe ich dann in Tübingen mal eine Lesung von ihr besucht. Auch das sehr beeindruckend – aber sie wirkte damals sehr unnahbar auf mich. Wenn man nun Deine Besprechung liest und sich meine bodenlose Naivität im Jahre 1988 wegdenkt, dann kann man das gut verstehen. Übrigens , Richard Wagners, Müllers damaliger Ehemann, der ebenfalls Banat-Schwabe und zusammen mit ihr ausgereist, ist auch sehr lesenswert. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich noch gut an seine beiden Bücher ‚Ausreiseantrag‘ und ‚Begrüssungsgeld‘. Ich glaube, die kamen damals bei Lichterhand raus. Ebenfalls sehr beeindruckend. Ich finde, der müsste genau so bekannt sein wie Herta Müller. Aber ich glaube, der Fasan hatte damals einfach den knackigeren Titel und die Autorin einfach eine ganz besondere Aura. So erlebt jedenfalls, auf der o.g. Lesung.
    Anyway, das Gesprächsbuch werde ich mir auf jeden Fall zulegen – und deshalb vielen Dank für Deine Besprechung und liebe Grüsse
    Kai

    • Lieber Kai,

      fange jetzt erst an, Müller nun für mich zu entdecken. Eigentlich Wahnsinn, dass ich an ihren Werken immer unbewusst vorbeigegangen bin und sie nicht beachtet habe. Unheimlich gespannt bin ich darauf, wie ich ihre poetische Sprache aufnehmen werde oder ob sie – was bei mir häufiger vorkommt – zu blumig erscheint. Möchte mit „Atemschaukel“ beginnen, weil mich das Thema besonders anspricht. Meinst du das ein passender Einstieg wäre oder welchen empfiehlst du?

      Grüße
      Muromez

      • Fang an mit „Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel“, am besten das Hörbuch, wo Herta Müller selber liest und ihre Stimme unter die Haut geht.

  3. Widerlich – auch so eine Art von Geschichtsverfälschung, den „Nobelpreis“ hat sie sich redlich verdient – genau wie dieser Obama! Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm!

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