Igort – Berichte aus Russland

Wir schreiben den 7. Oktober 2006, der 54. Geburtstag von Wladimir Putin. Es ist Nachmittag im herbstlichen Moskau und es ist der Tag, an dem Anna Politkowskaja im Eingang ihres Wohnhauses erschossen aufgefunden wird. Nach der zweiten Kugel – eine in die Brust, eine in den Kopf – ist sie bereits tot, bevor weitere abgefeuert werden. Globale Bestürzung entfaltet sich. Galt die investigative Journalistin doch als neutrale Menschenrechtsaktivistin, die sich vor allem in Tschetschenien einsetzte und der schon vorher ernsthaft gedroht wurde. Es gefälligst zu unterlassen, ihre Nase in fremde Angelegenheiten zu stecken. Comicautor Igort hat sich an ihre imaginären Fersen geheftet, portraitiert das Leben der stets nach der Wahrheit-Suchenden und berichtet in seinen Reportagen in diesem Zusammenhang über den Zweiten Tschetschenienkrieg.

Igort - Berichte aus RusslandNeben dem Delikt an Politkowskaja werden drei Jahre später auch Anwalt Stanislaw Markelow, der sich wie Anna für tschetschenische Folteropfer und Angehörige von Verschwundenen einsetzte, sowie die Journalistin und politische Aktivistin Anastassija Baburowa auf offener Straße bei einem Attentat getötet. Igort befindet sich zu dieser Zeit ebenfalls in Moskau und besichtigt anschließend die Tatorte der drei Morde. Diese Ereignisse motivieren ihn, Politkowskajas Handeln und Leitsatz verstehen zu wollen. Ein Treffen mit ihrer Freundin Galina Ackermann hilft ihm dabei.

In ihrer persönlichen Schachpartie mit dem Kreml wird Anna schnell klar, wie wichtig es ist, dem Zynismus und der Gleichgültigkeit Fakten entgegenzusetzen. Das Grauen verstehen, das uns ausnahmslos alle betrifft. Das wird ihre Mission: Sie will all die Gräueltaten, die Misshandlungen, Folterungen und kaltblutigen Morde dokumentieren. (S. 48)

Die menschenverachtenden Verfahren in Tschetschenien bildet Igort ebenfalls ab. Russische Soldaten verstümmeln, brechen Genicke, sägen einem 17-Jährigen alle Zähne aus dem Mund. Misshandeln Frauen, schießen besoffen auf Zivilisten und begehen Säuberungskationen, bekannt als »Zachistka«, Raubzüge, Strafexpeditionen gegen die Zivilbevölkerung. Politkowskaja dagegen will für Deeskalation sorgen, wird jedoch in einem russischen Bunker eingeschüchtert, verhört und später fast tödlich vergiftet.

Annas Kollegen berichten in Interview, dass sie davon überzeugt waren, ihr könne nichts passieren. Trotz der wiederholten Drohungen und Anschläge. Als wäre Anna dank ihres Mutes irgendwie unbezwingbar. Aber sie ist tot. […] Galina, die sie gut kannte, erzählt, dass Anna hohe Moralvorstellungen der Grund gewesen seien, warum sie nicht mit ihrer Arbeit aufhören konnte. „Wie könnte ich meinen Kindern sonst in die Augen sehen?“ […] Es ist das Gefühl, das entsteht, wenn nur scheinbar Freiheit herrscht und die Machthaber sich auf eine Mauer der Gleichgültigkeit verlassen können. Die russische Literatur des 18. Jahrhunderts hatte Annas Wertesystem geprägt. Sie war das bessere Russland und ihr Vermächtnis besteht heute vielleicht gerade in der Erinnerung an ihre Leidenschaft, die uns verbietet, die Augen vor der Realität zu verschließen und vorgefertigte Wahrheiten für bare Münze zu nehmen. Sie gemahnt uns, um jeden Preis die Werte zu verteidigen, die uns zu Menschen machen. (S. 141)

Igort - Berichte aus Russland 2Igorts Zeichnungen können sich erneut sehen lassen, auch die Hommage an Politkowskaja hat ihre Daseinsberichtigung und ist ohne Frage verständlich. Das Problem ist nur, dass der Italiener doch stark eindimensional denkt. Als 32 tschetschenische Terroristen 2004 in Beslan über 1100 Kinder und Erwachsene in ihre Gewalt bringen, verurteilt er mehr die brutale Erstürmung der russischen Spezialeinheit OMON als die Geiselnahme an sich.

Auch sucht man vergebens nach ausführlichen Berichten von russischen Einzelschicksalen im Tschetschenienkrieg, die ebenso hätten erwähnt werden sollen. Ohne Bezug schneidet er zudem erneut das Thema Entkulakisierung an, das er eigentlich schon im Vorgänger »Berichte aus der Ukraine« behandelt hat. Eine Verbindung zum Krieg im Kaukasus erschließt sich mir dabei nicht. Nennenswert dagegen die historische Chronologie, die er einfließen lässt und die zeigt, dass schon vor 150 Jahren Konflikte im Kaukasus herrschten, Lew Tolstoi sogar kurz davor stand, dort mitzumischen.

Igort gibt deutlich den Kurs vor – gegen eine Demokratur und für Meinungsfreiheit. Damit stößt er manchmal etwas an, da seine Waage nur bedingt das Gleichgewicht hält. Fairerweise muss man allerdings festhalten, dass er kein Politologe ist, sondern ein Geschichtenerzähler – im positiven Sinne – und dazu ein mehr als ordentlicher.

[Buchinformationen: Igort (2012): Berichte aus Russland (Der vergessene Krieg im Kaukasus). Reprodukt. Aus dem Italienischen von Federica Matteoni. Handlettering von Céline Merrien. 176 Seiten. ISBN 978-3-943143-37-9]

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