Nikolai Gogol – Tote Seelen

Nikolai Gogol (*1809 – †1852) war wohl ein ziemlich eigenartiger Zeitgenosse, den Krisen, Selbstzweifel plagten und der ständig flüchtete. Komisch sind seine Werke, aber komisch war aber ebenso die Person dahinter. An seinem Glanzstück »Tote Seelen« bastelte er lange, veröffentlichte dann den ersten Teil, während die Fortsetzung unvollendet blieb. Gogol zerstörte fünf Jahre Arbeit, um den Text erneut zu schreiben und anschließend wieder den Flammen zu überlassen. Funde aus dem Nachlass ermöglichten immerhin so etwas wie einen Fortgang. Am Ende starb Gogol, der aus der Ukraine stammte, unrühmlich, was seinen zerrissenen Charakter widerspiegelt. Angespornt durch einen religiösen Fanatiker, der die Literatur für Teufelswerk erklärte, fastete sich Gogol zu Tode. Demungeachtet gilt »Tote Seelen« als Weltliteratur, als Klassiker. Als ein Erzeugnis, das gelesen werden sollte.

Der Held Pawel Iwanowitsch Tschitschikow verfügt über ein ehrbares Auftreten, durch das er nach seinem Aufkreuzen in der Stadt N.N. rasch Sympathie gewinnt. Nikolai Gogol - Toten SeelenTschitschikow hat einen ausgeklügelten Plan im Gepäck: Er möchte tote Seelen kaufen. Was anfangs etwas diabolisch klingt, wird aber schnell aufgelöst. Der Protagonist zielt auf Leibeigene ab, die bereits umgekommen sind, für die die Gutsbesitzer aber dennoch Steuern zahlen müssen. Damals, »Tote Seelen« spielt wohl etwa um 1815-1833, gab es Revisionslisten, die erst verändert werden konnten, wenn Volkszählungen stattfanden. Mit den Karteileichen beabsichtigt Tschitschikow ein Umsiedlungsprojekt, für das er vom Staat Subventionen erhalten kann.

In der Provinz wird Tschitschikow schnell gut aufgenommen. Festlichkeiten, Einladungen, Trinkgelage, er schlägt nichts aus, vergisst aber nie sein eigentliches Vorhaben. So besucht er Gutsbesitzer, um ihnen tote Seelen abzukaufen. Bei der Umsetzung seiner Vision begegnen ihm die verschiedensten Charaktere; Nosdrjow (»Je vertrauter jemand mit ihm war, desto eher versalzte er ihm das Dasein: er verbreitete unglaubliche Geschichten, wie man sie dümmer nicht erfinden kann, vereitelte Hochzeiten oder Geschäftsabschlüsse und hielt sich dabei keineswegs für deinen Feind […].«) oder die argwöhnische Frau Korobotschk, die sofort Verdacht wittert, bei diesem Geschäft über den Tisch gezogen zu werden. Oftmals verinnerlichen diese Zusammenkünfte burleske Komik.

»Ich beabsichtige, Tote zu erwerben, die allerdings in der Revisionsliste als lebend geführt werden«, sagte Tschitschikow. Manilow ließ augenblicklich Tabakpfeife samt Pfeifenrohr zu Boden fallen, riss den Mund auf und blieb einige Minuten lang mit aufgerissenem Mund sitzen. Beide Freunde, die gerade über die Annehmlichkeiten eines Lebens in freundschaftlicher Eintracht geplaudert hatten, verharrten bewegungslos und starrten einander in die Augen wie jene Porträts, die man in alter Zeit einander gegenüber zu beiden Seiten der Spiegel aufzuhängen pflegte. Schließlich hob Manilow die Pfeife und das Peifenrohr auf und schaut ihm von unten ins Gesicht, um herauszufinden, ob nicht vielleicht ein Lächeln um seine Lippen spielte und es sich vielleicht um einen Scherz handelte; doch nichts dergleichen war zu erkennen; im Gegenteil, das Gesicht schien sogar noch würdiger zu sein als sonst; dann dachte er, ob sein Gast nicht plötzlich den Verstand verloren hätte, und er musterte ihn aufmerksam und voller Angst; die Augen des Gastes waren aber völlig klar, keine Spur des wilden, unruhigen Feuers, das in den Augen der Verrückten lodert, alles war vortrefflich und in bester Ordnung. Wie sehr Manilow auch grübelte, wie er sich verhalten und was er tun solle, ihm fiel nichts weiter ein, als den restlichen Rauch in sehr dünnem Strahl aus dem Mund zu pusten. (S. 47/48)

Am Ende des ersten Teiles wendet sich allerdings das Blatt und Tschitschikow wird vom Hof gejagt. Als herauskommt, welche Anliegen Tschitschikow genau hat, wird sein Streben für niederträchtig erklärt. Die Gerüchteküche brodelt und die wildesten Spekulationen entstehen, sodass unser Held mitsamt seinen Dienern, dem meist betrunkenen Kutscher Selifan und dem stinkenden Petruschka, aufbrechen muss. Es stellt sich heraus, dass er schon früher ein Fuchs gewesen ist, der sich in der Jugend illegalen Geschäften widmete, um unkompliziert an Reichtum zu kommen. Nur bedingt wollte sich Tschitschikow dabei die Hände schmutzig machen, versuchte lieber Lücken im System zu finden, anstatt tüchtig zu sein. Doch jedes Mal, wenn er Ruhm erlangte, verlor er immer wieder alles. Wie gewonnen, so zerronnen.

Hierbei zeichnet es sich ab, dass Gogol damals schon so etwas wie eine Art Kapitalismus in der Gesellschaft erkannte und diesen anprangerte. Im fragmentarischen zweiten Teil reitet die Troika langsam in eine Notlage. Wieder stößt er auf potentielle Verkäufer, doch seine Situation verschlechtert sich. Ein Generalgouverneur taucht auf, der sich Tschitschikows Handeln annimmt. Heute würde man sagen, mit Champagner und Kaviar stürzt er sich stilvoll (fast) ins Verderben.

Das Original enthält ein besonderes Sprachbild, das Gogols Experimentierfreude zeigt. Bei der gelungenen Neuübersetzung stieß Vera Bischitzky an die Grenzen der Übersetzbarkeit, wie sie im Nachwort verkündet: »Die vorliegende Neuübersetzung hat es sich […] zur Aufgabe gemacht, unter Umschiffung der zahlreichen Klippen so dicht wie möglich am Original zu bleiben, wo es sprachlich ging, auch ungewöhnliche, mitunter tautologische, sperrige oder grammatikalisch oder logisch schief erscheinende Formulierungen beizubehalten und nach Möglichkeit den besonderen Tonfall des Originals zu treffen. Die Arbeit an diesem überaus komplizierten Text hat einen langen Atem erfordert.«

Diskutiert wird häufig, welcher Epoche »Tote Seelen« zugeordnet werden kann. »Gogol sah sich als metaphysischen Autor und nicht als realistischen, wurde aber durch ›Tote Seelen‹ zum Vorbild der Natürlichen Schule, der Keimzelle des Realismus«, schreibt Reinhard Lauer in »Kleine Geschichte der russischen Literatur«. Auch war die Rezeption damals gespalten. Nicht wenige sahen darin eine Verleumdung Russlands. Denn der Meister der Groteske, den eine Freundschaft mit Alexander Puschkin verband, aus der er Inspiration zog, zielte auch darauf ab, die Bürokratie, den Leibeigenenadel und die Korruption infrage zu stellen. Andererseits wollte er durch seine Tragikomödie aufzeigen, wie verworren das gesellschaftliche und ökonomische Land war, zu was es eigentlich ohne die Probleme fähig wäre.

Die Rabenschwärze, der Ulk und die satirischen Elemente zeichnen »Tote Seelen« aus. Tschitschikow begibt sich auf eine abwechslungsreiche und absurde Reise, während der Leser sich mit auf seine Kutsche setzt, dem Betrüger über die Schulter schaut und dabei aus vollem Halse lacht. Ein einfallsreiches, immer noch originelles und gleichzeitig musisches Werk von einem hellen Geist.

[Buchinformationen: Gogol, Nikolai (2013): Tote Seelen. Ein Poem. Deutscher Taschenbuch Verlag. Aus dem Russischen von Vera Bischitzky. Titel der Originalausgabe: Мёртвые души. 635 Seiten. ISBN: 978-3-423-14263-2]

9 thoughts on “Nikolai Gogol – Tote Seelen

  1. Was soll ich anderes machen als mit auf die Kutsche zu steigen, über die Schulter zuschauen und dir aus voller Inbrunst zustimmen? Danke fürs WiederEntdecken!

  2. „Als Russe, als ein Mensch, der durch die Bande des Blutes mit euch verbunden ist, wende ich mich an euch. Ich richte meine Bitte an diejenigen unter euch, die noch eine Begrifft von dem haben, was edle Gesinnung ist. Ich fordere uch auf, euch eurer Pflicht zu besinnen, die vor einem jeden, wo immer er stehen mag, gebietend sich erhebt. Ich ermahne euch, eurer Pflicht und eures Amtes hier auf Erden genau zu achten, weil uns allen nur eine dunkle Ahnung davon vorschwebt und wir kaum…..“ Vielen Dank, dass du mich daran erinnert hast.

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