A. F. Th. van der Heijden – Tonio – Ein Requiemroman

A. F. Th. van der Heijden - Tonio - Ein RequiemromanUnumgänglich dieses Prozedere: Ein Anfang bringt auch ein Ende mit sich. Jemand taucht auf, jemand verschwindet. Der Lauf der Dinge eben. An dieser Verbindung – von Geburt und Tod – kann nicht gedreht werden. Während der Anbeginn eines Lebens noch gebührend gefeiert wird, registriert sich beim Abgang, besonders wenn das Sterben urplötzlich geschieht, Gegenteiliges. Die Welt bricht zusammen. Der Boden wird unter den Füßen weggezogen. Über diese Situationen und die Trauer um seinen 21-jährigen Sohn Tonio hat der niederländische Ausnahmeautor Adrianus Franciscus Theodorus van der Heijden in seinem Requiemroman geschrieben.

Es klingelt. »Das laute Schrillen brachte mich wie immer auf die Palme […], jetzt war es aber auch Beunruhigung, die mich senkrecht sitzen ließ.« Sofort meldet sich ein innerer Impuls von A. F. Th. van der Heijden. Angst. Irgendetwas könnte nicht stimmen. Und tatsächlich, zwei Polizeibeamte stehen vor der Tür. Der Zustand des Sohnes sei kritisch. Die Eltern sollen doch schleunigst mitkommen – ins Krankenhaus. Nicht zu definieren, erscheint dieses ›kritisch‹. Was impliziere es exakt?, denkt sich der Vater im Polizeiwagen sitzend. »Ich war unaufhörlich, fieberhaft, damit beschäftigt, diese Aussage zu analysieren.«

Im Hospiz schwanken die Gedanken. Das ewige, beunruhigende Warten bringt Erinnerungen mit sich, an Tonios Geburt. Die Ursache wird klar: Tonio ist angetrunken auf seinem Fahrrad unterwegs im Amsterdamer Zentrum angefahren worden, ein Lungentrauma und schwere Hirnverletzungen machen es zu alledem schwieriger, immer kritischer. Dann folgt das Abschiednehmen von dem klinisch Toten. »Er liegt im Sterben. Man sieht, wie die Farbe aus seinem Gesicht weicht. […] Tonio war bereits dabei, sich unerkennbar zu verformen.«

Am Morgen des 15. Juni 1988 hatte ich gesehen, wie er, unterstützt von den behandschuhten Händen einer Gynäkologin, aus seiner Mutter herauskam. Er riß sie auf, um sich Zugang zur Welt zu schaffen. Sie erlaubte ihm mit einem langgedehnten Schrei der Hingabe, ihren Damm aufzureißen, um sich den Weg hinaus zu bahnen. Knapp zweiundzwanzig Jahre später war ich Zeuge, wie er wieder in seiner Mutter verschwand – nicht in Gestalt eines Toten, sondern in Form einer dunklen Trauerwolke, die sich ihrer unauflöslich bemächtigte. (S. 171)

Entsetzen. Suizidgedanken. Angst. Tränen. Betäubung durch Alkohol und Pharmazeutika. Doch eine Lösung für das Problem kann nicht gefunden werden. Eine Lösung existiert schlichtweg nicht. Nichts kann geändert, verändert werden. Nach und nach versuchen, van der Heijden und seine Gattin Mirjam zu verstehen und vor allem zu realisieren. Ihr liebevolles und einziges Kind, das ach so große Ziele hatte, als kreativer Fotograf durchzustarten, wird nicht mehr unangekündigt in ihrem Haus auftauchen. Nie wieder!

A. F. Th. van der Heijden skizziert einprägsame Rückblenden, von Tonios Kindheit, Heranwachsen bis hin zu seinem Unfall. Dazwischen den nicht enden wollenden Seelenschmerz, den die Eltern ertragen. »Sollten wir uns dem Schmerz hingeben oder uns, im Gegenteil, gegen ihn zur Wehr setzen?« Doch die Wahrheit seines Todes dringt irgendwann durch – sie muss es unausweichlich. Dabei reiht der Schriftsteller unterschiedliche Formen der Emotionen an: Gehetztheit, Nervosität, Schmerz, Auflehnung, Rational- und Irrationalität, Scham, Stolz, Wut, Ergebenheit, Angst.

Die Wirklichkeit ist, dass am 23. Mai der Keim eines Alptraums ins uns gesät wurde, der im Laufe der nachfolgenden Wochen zu sprießen begonnen hat. Der Alptraum entfaltet sich, entrollt sich, unvorhersehbar, und wird, wie auch immer, versuchen, uns zu verschlingen oder zu zermalmen. Das Monster wächst wild und dehnt sich blindlings aus. Während alle die wohlmeinenden Menschen denken, wir hätten diesen Alptraum allmählich unschädlich gemacht, ist der Kampf gegen einen an Umfang ständig zunehmenden Gegner in vollem Gang. Der Ausgang ist ungewiß: Wir bleiben auf der Strecke, oder der Kampf wütet bis ans Ende unserer Tage. (S. 377)

Zwischen Beerdigung und Kondolenzpost versuchen die verwaisten Eltern den tödlichen Unfall nachzukonstruieren. Befragen Freunde, die Tonio bei seinen letzten Stunden begleitet haben. Finden das mysteriöse Mädchen, das Tonio wenige Tage vorher als Fotomodell diente. Verzetteln sich in Verstrickungen und im Konjunktiv. Was wäre, wenn er anders gefahren wäre? Was wäre, wenn er da und da lang abgebogen wäre? Schieben sich die Schuld in ihrer Verzweiflung sogar manchmal selbst in die Schuhe.

Dieser Requiemroman sei vor allem Tonio gewidmet, schreibt van der Heijden. Nicht damit er Seelenruhe finde. Nein, seine Seele solle aufgebracht, aufmerksam werden, um zu verstehen, welchen Schmerz sie übertragen habe.

Für und über ihn zu schreiben ist die Art und Weise, ihm möglichst nahezukommen, demjenigen, der er war, und dem Abwesenden, der er jetzt ist, und mit ihm zu reden und zu schweigen. […] Eine andere Antwort auf den schrecklichen Verlust, als über ihn zu schreiben, habe ich nicht – um nach einer gewissen Zeit zu entdecken, daß auch Schreiben keine Antwort sein kann, denn es wurde keine Frage gestellt. Das macht den Verlust noch grauenerregender: daß er keine Frage enthält, sondern nur ein Ausrufezeichen wie ein messerscharfer Eiszapfen. (S. 584-585)

Adri van der Heijden serviert ergreifend seine Erfahrung und hat dabei meine Empathie angeregt. Ich folge der Trauer, fühle die Qualen. Bedauere, als ich nach der Beendigung des Buches auf Tonios Facebook-Seite stoße, ohne ihn gekannt zu haben. Halte inne. Gedenke. Wirke ausgelaugt, ergriffen. Van der Heijdens Trauerbewältigung erscheint samt der Alkoholexzessen und der Beschreibung seines Eheverhaltens ungemein ehrlich, lässt scheinbar nichts aus. Dokumentiert unverdaut die Verzweiflung und den Pein. Wie er den krisenhaften Zustand verdeutlicht: Sein Inneres schaut dabei aus wie das Gesicht der Person von Edvard Munchs expressionistischem Gemälde »Der Schrei«.

Der Niederländer van der Heijden hat das Leben seines Sohnes literarisch – überwältigend – konserviert und ohne Hemmungen die eigene Trauer festgehalten, die ewig anhalten wird. Trotzdem, Trost bieten die Andenken im Gedächtnis, die ebenso nicht auszuradieren sind. Vor allem die Liebe als zentraler Punkt, das zeigt er einprägsam, bietet Zukunftsglaube. »Tonio« kann, wenn man so will und beachtet, ob es in diesem Kontext verwendet werden darf, als ein Glanzstück angesehen werden, aber auch als großherzige Literatur.

[Buchinformationen: van der Heijden, Adri (2011): Tonio – Ein Requiemroman. Suhrkamp Verlag. Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen. Titel der Originalausgabe: Tonio. Een requiemroman (2011). 671 Seiten. ISBN: 978-3-518-42259-5]

[Anmerkung: Weitere Rezensionen zu »Tonio – Ein Requiemroman« sind bei Buzzaldrin, die mich auf das Buch gebracht hat, und bei Sätze&Schätze zu finden.]

3 thoughts on “A. F. Th. van der Heijden – Tonio – Ein Requiemroman

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