Uli Borowka – Volle Pulle (Lesung)

Uli Borowka - Volle Pulle 1Seinerzeit galt Ulrich, »Uli«, Borowka als harter Hund. »Die Axt« oder »Eisenfuß« lauteten die Spitznamen während seiner Fußballkariere. Bekannt für seinen harten Einsatz lehrte er so manchem Gegner das Fürchten. Europapokalsieger und Deutscher Meister; Titel von denen andere nur träumen können. Aber Borowkas Laufbahn hat auch ihre Makel. Der Sauerländer war süchtig. Süchtig nach Alkohol. Als Profisportler griff er regelmäßig zur Flasche. Bis ihm irgendwann seine Frau die Augen öffnete und er sich therapieren ließ. Heute ist Borowka trockener Alkoholiker, hilft suchtkranken Sportlern, betreibt Prävention und hat 2012 seine Autobiografie »Volle Pulle. Mein Leben als Fußballprofi und Alkoholiker.« veröffentlicht, an der er ein Jahr gearbeitet hat. Seit mittlerweile 15 Monaten befindet sich der Wahlberliner auf Leserreise, besucht Schulen, Vereine, JVAs, Suchtkliniken und stoppte auch in der Paderborner Kulturwerkstadt.

Uli Borowka spricht dieses Wort ungeschminkt aus: S-A-U-F-E-N. Es klingt hart – ähnlich wie fixen oder kotzen. Aber Borowka will nichts verbergen, nichts verschönern. Früh stellt sich bei der Veranstaltung heraus, dass er niemand ist, der sich den Mund verbieten lässt. Stattdessen geraderaus eine Eigenschaft von ihm ist.

Sein Trinkverhalten war exzessiv, ohne Limit. Ein Kasten Bier, eine FlaschUli Borowka - Volle Pulle 3e Whiskey und zusätzlich eine Pulle Wodka waren für ihn an der Tagesordnung. Am nächsten Morgen war er dann derjenige der trotz der vorherigen Betäubung als erster auf dem Trainingsplatz stand und alles in Grund und Boden spielte. »Ich hatte Glück«, sagt Borowka. Sein Körper konnte die Drogen unheimlich schnell abbauen. Die Leberwerte nach 20 Jahren Saufen waren durchschnittlich, im grünen Bereich. Aber vor allen Dingen hatte Borowka Glück, als er in seiner leeren Villa saß. Die Frau samt den beiden Kindern hatte ihn verlassen, nachdem er handgreiflich wurde.

»Ich besaufe mich, das kann ich gut«, denkt er sich. Er hört Schreie seines Sohnes, der sich nicht im Raum befindet und halluziniert. Stellt sich die Frage, ob ihn jemand nach seinem Tod vermissen würde. Mischt sich dann vollkommen benebelt 1996 ein Cocktail voller Schlaf- und Schmerztabletten und will den Schlussstrich ziehen. Nach 14 Stunden wacht er auf. Alles ist beim Alten. Der Mix hat seine Wirkung verfehlt. Er lebt und kann sich bei seinem resistenten Körper bedanken, der das Gift schneller abbauen konnte als angenommen. Ein Normalo wäre wohl draufgegangen.

Neben dem Saufen nahm Borowka zudem zusätzlich 14 Jahre lang Schmerzmittel. Leistungsbezogene Verträge mit Prämien, die bei x vielen Einsätzen erst ausgeschöpft wurden, ließen den »Eisenfuß« sogar mit Bänderrissen spielen. »Viele Bausteine sind bei mir zusammenkommen«, klärt der über 50-Jährige, wie es zu seiner Sucht kam, auf. Seit 1984 war er bereits psychisch abhängig. Tagsüber überlegte er sich, wie er abends seinen Stoff herunter kippte. 20 Altbier hatte er auf seinem Deckel stehen, als seine Frau in Düsseldorf für zwei Stunden shoppen ging und er sich in dieser Zeit in eine Kneipe verzog.

»Ich konnte nie über meine Gefühle und Ängste reden. Ich hatte ein Image zu verteidigen«, bemerkt der ehemalige Fußballer von unter anderem Borussia Mönchengladbach und Werder Bremen (hier flog er wegen seiner ständigen Trunkenheit raus). Zudem habe er unter einer falschen Selbsteinschätzung gelitten. Denn auf dem Platz trug er stets eine Ritterrüstung. Der Alkohol diente ihm außerdem als Ventil, um vor sich selbst Ruhe zu haben. Vier Jahre vegetierte der einstige Star, völlig abgebrannt, in seiner 20m² Wohnung. Nach einem Monat Klinikbesuch und Entzug merkte er dann, dass er krank sei. Danach gab es nach seiner Heilung keine Rückfälle. »Jeder trockene Tag ist höher einzuschätzen als jeder Titel, den ich gewonnen habe«, betont er.

Aber Borowka übt Kritik. Kritik an dem Deutschen Fußballbund (DFB), der nicht mit ihm und seinem Verein Suchtprävention und Suchthilfe kooperieren will. Scheinbar versucht, zu verschleiern, dass es tatsächlich Fußballer gibt, die suchtkrank sind. In England wäre dies anders. Führt er als Beispiel sein britisches Pendant Tony Adams (ebenfalls früher Alkoholkrank) an, der eine Klinik gegründet hat und sogar von Elton John und der englischen Profispielervereinigung Professional Footballers‘ Association (PFA) unterstützt wird. Ebenso kommt die Gesellschaft bei ihm nicht gut weg. »Wenn dUli Borowka - Volle Pulle 2u Leistung bringst, wird über vieles weggesehen«, sagt er. Sei es im Fußball oder in anderen Branchen. Diese Leistungsgesellschaft interessiere dann nicht die Suchtprobleme eines Individuums, insofern es funktioniere.

Zudem habe sich wenig nach dem Selbstmord von Robert Enke geändert, der an Depressionen litt. Ebenso würde sich Borowka nie outen wollen, wie es Thomas Hitzlsperger getan hat. Die Vorstellung bei einem Auswärtsspiel einzulaufen und von 60.000 Zuschauern wegen seiner Sexualität ausgepfiffen zu werden, wäre sogar für den früheren Adrenalin-Junkie zu viel. »Etwas stimmt nicht in unserer Gesellschaft«, findet er selbst keine Gründe.

Borowka liest an diesem Samstagvormittag lediglich drei Auszüge aus seinem Buch. In den zwei Stunden beantwortet er überwiegend Fragen, erzählt und erklärt. »Ich muss niemanden mehr etwas beweisen«, betont er. Sein Lebensgefühl habe unheimlich zugenommen mittlerweile. Etwas, was kein Geld der Welt sonst vollbringe könne. Er hat alles aufgearbeitet, sei mit sich vollkommen im Reinen.

[Buchinformationen: Borowka, Uli/Raack, Alex (2012): Volle Pulle. Mein Doppelleben als Fußballprofi und Alkoholiker. Edel Germany. 304 Seiten. ISBN: 978-3841901798]

[Anmerkung: Rezensionen zu dem Buch bei JogisJungs, Worum und Bookwives.]

10 thoughts on “Uli Borowka – Volle Pulle (Lesung)

  1. Hallo!

    Ein toller Bericht! Auf der Lesung wäre ich ja auch gerne dabei gewesen. Schlimm, was diesem beinharten Fußballer so passiert ist. Und unvorstellbar, wie manch einer auch jetzt noch die Augen davor verschließt…
    Lieben Dank fürs Verlinken meiner Rezi. 😉

    Viele Grüße,
    SaCre von den Bookwives

    • Hallo SaCre,

      ja, ich bin, muss ich ehrlich gestehen, von dieser Person begeistert. Nicht die fußballerischen Erfolge sind es, die ihn so außergewöhnlich machen. Sondern wie er den Kampf annahm, den Kampf gegen einen fast unbesiegbaren Gegner – die Sucht. Ebenso wie er sich einsetzt, das ist einfach großartig und verdient Respekt. Eine ganz ehrliche Seele scheint er zu sein, habe ich zumindest so gefühlt.

      Grüße
      Muromez

  2. Pingback: Bücher die ich noch lesen möchte « Familienbande

  3. Danke für den schönen Bericht! 🙂 Ich habe anno dazumal Borowka noch live im Weserstadion erlebt und habe seine Geschichte und die Veröffentlichung des Buches deshalb mit Interesse verfolgt.

      • Ach doch, die Fußballleidenschaft hat sich zwar mittlerweile etwas verflüchtigt, aber ich war jahrelange Besitzerin einer Dauerkarte und habe zeitweise mehr Geld für neue Trikots, als für Bücher ausgegeben. 😉

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