Kleine Kulturkritiker?

Theodor W. AdornoJüngst habe ich Theodor W. Adorno gelesen und wieder einmal feststellen müssen: Es braucht Zeit. Viel Zeit. Um seine Aussagen 100-prozentig nachzuvollziehen. Sie zu ordnen, anzuwenden und sie letztlich zu verstehen. Thema: Kulturkritik. Plastisch dargestellt, beginnt diese bereits in TV-Zeitschriften. Eine Redaktion bewertet irgendwelche Streifen, unterteilt bei ihrer Einschätzung unterschiedliche Kategorien und klassifiziert. Grundlegend schaltet der Konsument dann ebenso ein, sobald einem Blockbuster die volle Punktzahl ausgehändigt wird. Tagestipp eben. Doch erst mal zurück zu Adorno…

»Dem Kulturkritiker paßt die Kultur nicht, der einzig er das Unbehagen an ihr verlangt«, schreibt Adorno. Was so viel heißen soll wie: dass der Kultur die Kritik doch nicht sonderlich tangiere. Dass der Kulturkritiker gar von ihr abhängig sei – andersherum ja nicht –, denn ohne diese könne er seinem »Job«, weiter gedacht, nicht nachgehen. »Seine Eitelkeit kommt der ihren zu Hilfe: noch in der anklagenden Gebärde hält er die Idee von Kultur isoliert, unbefragt, dogmatisch fest«, heißt es weiter. Hier wirft Adorno dem Kritiker vor, von oben herab zu urteilen. Aus welchem Grunde sehe er sich überhaupt in der Lage, zu richten?

Zum anderen wirft der Frankfurter Philosoph dem Kulturkritiker Einschränkung vor. Schließlich steht dieser im Verhältnis zur Ökonomie. Denn verkauft sich seine Krittelei nicht, wird sie nicht gelesen/erhört, ist sie (für ihn) ohne Nutzen. Ganz zu schweigen, von der nicht abwerfbaren Subjektivität. »Das Vorrecht von Informationen und Stellung erlaubt ihnen, ihre Ansicht zu sagen, als wäre sie die Objektivität. Aber es ist einzig die Objektivität des herrschenden Geistes.«

Ja, auch wir Literaturblogger sind Kulturkritiker, oder?! Beschäftigen wir uns doch mit Kulturgütern, analysieren, beschreiben sie und werte diese aus. Zwar sind wir nicht mit der Ökonomie im Bunde. Nur was würde es bringen, wenn sämtliche Stunden Aufwand, keinem Aufruf generieren würde? Wo genau Kulturkritik anfängt und beginnt, will ich nicht genau einschätzen…ob sie ebenso aus einem Telefongespräch stammen kann, bei dem jemand einen Verriss eines kürzlich gesehenen Theaterstücks weitergibt?

Im Grunde genommen, können wir dafür verantwortlich sein, dass ein Blogbesucher ein bestimmtes Buch nicht rezipiert. Sollte unser Resümee ein vernichtendes Urteil fällen. Sollte der Gast Vertrauen in uns besitzen. Sollte er noch nie von uns enttäuscht gewesen sein.

Sitzen wir an diesem einen Hebel, wodurch bei einer Betätigung bestimmte Literatur möglicherweise boykottiert, unbeachtet bleibt? Expertisen? Nah dran, im Feuilleton veröffentlicht zu werden? Eher eine Ergänzung zu dem oftmals aufgeblasenem Stoff darin? Begegnen wir der Literatur mit Hochachtung? Bedienen wir uns lediglich Art. 5 Abs. 1 Satz 1 1. des Grundgesetzes, der Meinungsfreiheit? Sind wir kleine Kulturkritiker? Was sind wir überhaupt?

[Anmerkungen. Zitate stammen aus: Adorno, Theodor W. (1976): Prismen: Kulturkritik und Gesellschaft. Suhrkamp Taschenbuchverlag, Erste Auflage. // Foto von Adorno: Jeremy J. Shapiro.]

5 thoughts on “Kleine Kulturkritiker?

  1. Ganz klar habe ich eine Vorstellung von Kultur. Vielmehr sind es Vorstellungen. In erster Linie wundere ich mich. Also kann ich niemals objektiv sein. Ich bin ein Subjekt und also immer subjektiv. Das gestehe ich selbstverständlich auch den anderen zu. Darauf lege ich Wert. Alles andere ergibt sich …

    • So ist es – laut Adorno. Zu beachten, stellt es ja mehr oder weniger in diesem Kontext eine Schelte gegenüber denjenigen dar, die sich als erhaben sehen. Fast ausnahmslos wäre demnach die wertende Sprache (und Kommunikation) in diesem Sinne subjektiv, sobald keine festgelegten Zitate (Nachrichtensprecher), Fakten, Gesetze o.Ä. in Betracht gezogen werden.

      „Er hat mir die Vorfahrt genommen!“ – Mischung aus Subjektiven und Objektiven.
      „Das Wetter ist schön!“ – Subjektiv.
      „Unternehmen X hat Y Mitarbeiter.“ – Objektiv, falls belegt und keine Mutmaßung.

      Oder?

      • Und im Umkehrschluss wäre Adorno bei seiner Betrachtung ja selbst subjektiv, wenn man darüber nachdenkt, und würde sich kaum von ihnen unterscheiden 😉

      • Natürlich ist Adorno immer auch subjektiv. Er ist ebenso wenig ein Objekt wie du und ich.
        Ich glaube, es gibt keine Objektivität in Aussagen von Menschen. Sicher gibt es eine reine Objektivität aber wer will sie für sich reklamieren?
        Jedes Zitat hat einen Sitz im Leben, so habe ich einmal gelernt. Für mich heißt das soviel wie: jeder hat hat Beziehungen, Umstände, vermeintliche Freiheiten und Abhängigkeiten – kleine oder größere – in denen er lebt. Daraus resultiert seine Weltsicht und er formuliert schlußendlich Aussagen.

        Zitate sind immer aus dem Zusammenhang gerissen. Man kann mit ihnen hü oder hott belegen. Jeder Polizist lernt die Aussagen von Zeugen relativ zu sehen. Wenn also jemand sagt: „Er hat mir die Vorfahrt genommen,“ ist das nicht der Abschluß von Ermittlungen, sondern deren Anfang. Eine Antwort wirft immer locker zehn neue Fragen auf. Die ganze Weltliteratur besteht daraus.

        „Gott würfelt nicht,“ sagte wohl Einstein einmal. A: wann sagte Einstein das? B: zu wem sagte er das? C: hat er das wiederholt? D: sind wir Gott? E: wer ist Gott? F: versteht er Spass? … Das ist nur der Anfang von Fragen, die man stellen kann. Aber muß man das? Sicher muß man das. Jedes Subjekt hat den Wunsch irgendwann Objektivität zu erlangen. Als Subjekt wundere ich mich über andere Subjekte. Immer in der Hoffnung, deren und meine Antriebe auseinander zu halten, um sie zu verstehen.

        Die einzige wissenschaftliche Disziplin, die mit Wahrheit handelt ist die Philosophie; und selbst da werden oft genug Gebäude aufgebaut, die auf einer Grundanname basieren. Alle anderen Arbeiten mit Hypothesen. Was gestern war ist heute Grundlage für neue, andere oder gerne auch alte Erkenntisse, die heute neu bewertet werden müssen. Insofern befinde ich mich immer noch am Anfang meiner Überlegungen. Das ist für mich gut.

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