Lucía Puenzo – Wakolda

Lucía Puenzo – WakoldaÜber fünfzigtausend Seelen hatte der Todesengel alleine aufgrund seiner Anordnungen auf dem Gewissen. Seine Richtschnur: die Wissenschaft mit der Ideologie zu verknüpfen. Degoutante Versuche mit Zwillingen, Kleinwüchsigen und Kindern. Ruchlos war dieses Scheusaal. Und dennoch entkam er straffrei. Wurde nie an den Pranger gestellt. Lebte bis an sein Lebensende relativ unbeschwert in Südamerika, führte die Behörden mit seinem Versteckspiel an der Nase herum. Auch in Argentinien war dieser José präsent – hinter der wahren Identität verbarg sich: KZ-Arzt Josef Mengele.

Filmregisseurin und Romanautorin Lucía Puenzo, stammt aus Buenos Aires, greift in »Wakolda« die Flucht »Onkel Mengeles« auf. Massensterilisationen, Eingriffe an lebenden Menschen, Versuche die Hautfarben zu ändern, alles für den Zweck der Rassenreinheit. Die Experimente kann Mengele nicht einfach aus seinem Kopf löschen, nicht einmal auf einem anderen Kontinent. »Er hatte sein Leben der Aufgabe gewidmet, die Welt von Ratten zu befreien, und nun verwandelte er sich selbst in eine, menschenscheu und feige, ganz am Rande dieser Welt. Das kann doch nicht alles gewesen sein, dachte er.«  Dann wird er auf ein kleinwüchsiges Mädchen namens Lilith aufmerksam – die Finger jucken.

Er schob die vergilbte Gardine beiseite. Auf dem Parkplatz spielten ein paar Mädchen. Zwei von ihnen schwangen ein Springseil, ließen es immer schneller kreisen und sangen etwas, das nach einem Mantra klang, mit solch hypnotischer Hingabe wiederholten sie den monotonen Reim. Alle waren sie dunkelhäutig und dunkelhaarig, kleine Mischlinge, bis auf eine, ein wahres Prachtexemplar (sie war blond, hatte helle Haut und Augen), wäre da nicht ihre Körpergröße gewesen: sichtlich zu klein für ihr Alter, aber mit Gliedmaßen, deren Proportionen für eine Zwergin zu normal waren und zu groß, als dass sie als Minderwüchsige durchgegangen wäre. Das Mädchen, das er dort unten immer schneller über das Seil springen sah, war eine Herausforderung für sein liebstes Forschungsfeld: die Zwergwüchsigkeit, verstanden als beispielhafte Form der Anomalie. Die Kleine hatte einige arische Gene in sich aufgenommen, doch nicht genug, um ihre tierischen Züge ganz verschwinden zu lassen. Laborratten, die bis auf einen nicht hinnehmbaren Makel perfekt waren, faszinierten ihn mehr als alles andere. (S. 9)

Selbstverständlich kann er sich mit den Menschen – der Rassenmischung, den Bastarden – in seinem warmen Exil nicht anfreunden, worein er als Mediziner einreisen durfte, Tierversuche seien sein Metier. Erneut argumentiert er mit Rassenhygiene. In seinen Kreisen, die Anhängerschaft anderer NS-Verbrecher ist groß, plädiert er weiter dafür.

Oft hielt man seine Ratschläge für Scherze. Doch er ließ sich nicht beirren. Den meisten fehlte eben der Mut. Gelobt sei der Glaube, jener, die es wagen, das Antlitz der Erde zu erneuern, indem sie das Ideal verfolgen, dem sie anhängen, ging es ihm durch den Kopf, auch wenn er es nicht wagte, Drieu la Rochelle in Anwesenheit des Generals zu zitieren, der der sein Glas erhob, um die weiteren Gäste willkommen zu heißen. Die Zähne im Champagner versenkt, murmelte er leise: Mit dem Stolz der reifen Rassen nahmen wir in mächtigen Gehorsam den Schmerz hin, in unser Blut die Größe der Welt eindringen zu spüren. (S.12)

Mit seinem vornehmen, adrett gekleideten Aussehen gewinnt er Lilith sofort für sich, reist mit ihrer Familie quer durch die Wüste und nistet sich in ihrer Gaststätte am Fuße der Anden in Bariloche ein. Lilith zeigt sich begeistert von dem interessanten, zugänglichen und intelligenten José. Durch einige Psychotricks klebt sie an ihm. Ebenso entdeckt José, dass Liliths deutschstämmige Mutter Eva Zwillinge erwartet. Seine Domäne, die er in Auschwitz nicht zu Ende erforscht hatte, sein Spezialgebiet – Mengele lässt es sich nicht entgehen, geht trotzdem das Risiko ein, dass sein Deckmantel Schäden tragen könnte.

Die kleine Lilith wird mit Wachstumshormonen behandelt, wie sie hat er mittlerweile auch die Familie in der Hand. Den Babys reicht er auch präparierte Mittel. Deutsche Kameraden und Fans decken José. Als Dankeschön lässt er, arische Puppen herstellen, Spuren für den ermittelnden israelischen Geheimdienst Mossad, Zeichen, dass die ideologischen Gedanken weiter existieren. Schließlich verschwindet Mengele, so plötzlich wie er gekommen ist und die vollgedröhnte Lilith spürt, dass sie seine Komplizin war.

Ruhelos

Kursierende Gerüchte, was Mengele wo machte, gab es zu Genüge. Aus all diesen glorifizierenden Erzählungen baut Lucía Puenzo ohne große Wertungen das Bild eines Mannes mit zwei Gesichtern. Auf der einen Seite, der gesellige Mann, auf der anderen der fantastische Nazi. Die Autorin übt sich in Zurückhaltung, zügelt sich und verurteilt den Hochkriminellen für seine Schandtaten nicht. Mitnichten versucht sie kaum, sich in der tiefen Psychoanalyse zu probieren. Erklärungen zu finden, warum Mengele zu dem geworden ist, was er war.

An vielen Stellen schafft Puenzo Ruhelosigkeit zu bezwecken. Während Mengele mit Lilith alleine verkehrte, wollte ich meine schützende Hand über sie legen. Sie warnen. Von vorne bis hinten ist »Wakolda« raffiniert durchdacht. Die stilistischen Mittel sowie die ständigen Perspektivwechsel der Charaktere in Verbindung der Antipathie, die man für Mengele hegt, ergänzen sich.

Lucía Puenzo hat sich einem Verführer und Verderber gewidmet, dem soziale Normen ohne Belang waren – dem personifizierten Bösen, das in Albträumen auftaucht. Die Komplikation, sich fiktiv mit Anstand und bündig dem Holocaust zu widmen, bewerkstelligte sie. »Wakolda« zeigt, dass Gerechtigkeit keineswegs immer siegt – so schön es doch wäre.

[Buchinformationen: Puenzo, Lucía (2012): Wakolda. Verlag Klaus Wagenbach. Aus dem argentinischen Spanisch von Rike Bolte. 192 Seiten. ISBN 978-3-8031-3246-8]

2 thoughts on “Lucía Puenzo – Wakolda

  1. Also ich wollte 5 Stücke Kuchen geben , nicht eines wie es mir wohl versehentlich passiert ist. Technik…. Diese Rezension wird mich dazu veranlassen, mir das Buch am Donnerstag auszuleihen , zu kaufen , was auch immer.Ich lese hier sehr gern, weil ich in diesen Rezensionen immer einen sehr guten Eindruck vom Buch bekomme. Danke!

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