Luca Di Fulvio – Das Mädchen, das den Himmel berührte

Luca Di Fulvio - Das Mädchen, das den Himmel berührteEine mächtige Marketingkampagne – Ein niedlicher Fratz schürte das Buchcover des Taschenbuchs – »Der Junge, der Träume schenkte« sorgte für eine kolossale Erfolgsgeschichte, war zwischenzeitlich bei vielen Buchhändlern nicht mehr zu bekommen – insbesondere zur Weihnachtszeit 2011. Diesmal mit einem femininen Sprössling auf dem Vordergrund, einem ähnlich geheimnisvollen, metaphorischen Titel, »Das Mädchen, das den Himmel berührte«, soll das positive Ergebnis des Italieners Luca Di Fulvio wiederholt werden – in fast schon altbewährter Manier.

Bei seinem neusten Buch dreht Di Fulvio gewaltig an der Uhr und geht weit in die Vergangenheit zurück. Er verlagert seine Figuren in das Italien (u.a. Republik Venedig und Heiliges Römisches Reich) des 16. Jahrhunderts. Zentrales Thema des 970 Seiten dicken Schmökers: die Liebe. Rund um dieses bringt er ebenso Freundschaft, Verrat, Kabale, Rache, Verderben, Sex, Adoleszenz, Aufstieg und Fall unter.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht das Waisenkind Mercurio, das sich mit krummen Geschäften und dank seiner Verkleidungskunst über Wasser hält. Als er mit einer Gruppe anderer Kleinganoven bei einem Beutezug einen jüdischen Kaufmann niedersticht und vermeintlich tötet, flieht Mercurio mit seinen Verbündeten Benedetta und Enzo aus Rom in Richtung Venedig. Auf dieser Reise trifft er auf das jüdische Mädchen Giuditta – Liebe auf den ersten Blick – und ihren skeptischen Vater Isacco, der wie Mercurio ebenfalls ein Betrüger ist, sich als Arzt ausgibt.

In Venedig kreuzen sich die Wege von Mercurio und Giuditta erneut. Doch die Schwierigkeit ihre Gefühle auszuleben, Vater Isacco ist gegen die Beziehung, zeichnet sich ab, als in Venedig ein jüdisches Ghetto errichtet wird und die Juden dort eingesperrt werden. Derweil steigt Mercurio als gewieftes Chamäleon, das in unterschiedliche, unerkennbare Outfits und Rollen schlüpfen kann mit seinem Schauspiel- und Schwindeltalent die Karriereleiter hinauf. Ähnlich wie Isacco, der fortan als Doktor im Bordell praktiziert und eine Geschlechtskrankheit bekämpft, und Giuditta, die als Modeschöpferin die Szene aufmischt. Mercurio und Giuditta treffen sich heimlich, erleben das erste Mal und schwören sich ewige Treue. Mercurio, der mittlerweile eine Adoptivmutter gefunden hat, möchte Guiditta mit einem eigenen Schiff an einen Ort der Neuen Welt, Amerika, bringen, wo beide frei sein können. Dann wird Guiditta der Hexerei bezichtigt und muss sich einem Inquisitionsverfahren stellen.

Atmosphäre? Welche?

Vermute stark, dass das Szenario der Frühmoderne viele Historiker auf die Palme bringen würde. »Der Junge, der Träume schenkte« hatte eine große Stärke: Es erschuf eine glaubwürdige Atmosphäre – ein authentisches New York zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Erinnerte an Sergio Leones großen Film »Once Upon a Time in America«. Bei »Das Mädchen, das den Himmel berührte« wurde keine Mühe verschwendet, den Leser in eine geeignete Zeitmaschine zu verfrachten. Die Darstellung der damaligen Orte, Kultur und Epoche ist dünn, manchmal höchst zweifelhaft, höchst fiktiv erscheinend.

Wie es um den aufgezeigten Antijudaismus steht? Kurzes enzyklopädisches Nachschlagen…ein Gheto novo gab es in Venedig tatsächlich. »Ihre weißen Haare waren von rosafarben und grün gefärbten Strähnen durchzogen.« Haarfärbemittel von Schwarzkopf eher nicht.

Die Sprache im historischen Roman ist eine einfache, wenn auch flüssige. Reich von Dialogen, die überwiegen und den Großteil des Buchs ausmachen. Leider lässt sich oftmals reichlich peinlicher Kitsch und Pathos finden wie »Guiditta spürte, wie ihr Herz zersprang, als wäre es aus Kristall.« – was in einer Teenie-Geschichte angebrachter wäre.

Luca Di Fulvio versucht, mit aller Kraft ein immens breites Publikum zu erreichen. Groß und Klein, alle sollen zwanghaft angesprochen werden, bei einem derartig breitem Spektrum soll inhaltlich alles dabei sein. Vereinzelte Unterhaltung lässt sich bescheinigen. Nur, war diese bei »Der Junge, der Träume schenkte« trotz einiger Schwächen deutlich ausgeprägter, zumal weitaus mehr poetischer gearbeitet wurde. Viele auf der Hand liegende Parallelen zwischen den beiden Romane wie Karriereaufstiege, problematische Liebe zwischen zwei jungen Menschen, die Betrachtung von Bordellen usw. zeugen von wenig Kreativität seitens des Autors.

Kopf auf Standby schalten, einfach alles aufnehmen und weglesen. Nichts fürs Herz und nichts für Geistesanstrengung. »Das Mädchen, das den Himmel berührte« berührt überhaupt nicht. Nicht im Geringsten. Ist vielmehr wie so ein mittelmäßiger Kinofilm, der aus Prinzip zu Ende geguckt wird. Eintritt bezahlt eben.

11 thoughts on “Luca Di Fulvio – Das Mädchen, das den Himmel berührte

  1. Du hast mir eine Menge Zeit erspart, denn ich wollte dem Autor noch einmal eine Chance geben und habe das Buch gekauft. Jetzt werde ich es ungelesen weggeben.

    Ml sehen, ob du es auch schaffst, so viele Flamer anzuziehen wie meine Rezi zum *Der Junge, der Träume schenkte. 😛

    • War mehr oder weniger Zeitverschwendung, aber manchmal braucht man das auch, diese Literatur auf vergleichsweise niedrigem Niveau, wobei es ohne Frage sicher bessere Alternativen gibt 😉 Kannst ja wenigstens die ersten Seiten probieren, befürchte allerdings, dass er dir wie beim „Jungen, der…“ ergehen wird 😉

      Werde berichten, wobei das eigentlich auch nicht unbedingt Sinn der Sache war 🙂

      • Danke, aber auf das Vergnügen werde ich verzichten. Ich habe es mit mehr ärgerlichen Büchern zu tun, als mir lieb ist.

        Ich weiß gar nicht, warum sich die Leute so aufregen, wenn sie eine Rezi lesen, die ihrer Meinung nach das Buch nicht genügend würdigt. Letztendlich ist dorch nur entscheidend, ob man es selbst mag oder nicht.

      • Tippe, dass die meisten nicht zwischen Subjektivität und Objektivität unterscheiden können und das der springende Punkt dabei ist. Aber bisher bin ich von solchen „Anfeindungen“ verschont geblieben… Wobei ich gerne gegensätzliche Meinungen höre.

      • Gegensätzliche Meinungen ja, aber entweder bin ich ziemlich sensibel (was Sprache angeht) oder die die Kommenatoren bei mir neigen ganz gerne zu Ausfällen. Wobei *Der Junge, der Träume schenkte* besonders viele Spinner angezogen hat.

      • Ich habe das öfters.

        Wobei ich mir schon überlegt habe, welchen Wert LitBlogs überhaupt haben, denn Meinungen über Bücher gehen zu sehr auseinander, wobei komischerweise auf keinem Blog Diskussionen stattfinden. Es melden sich immer nur die, die die gleiche Meinung wie der Blogger vertreten.

        Nehmen wir einmal *Roman mit Kokain*: Dir hat das Buch sehr gut gefallen, mir gar nicht und Recht haben gibt es dabei ohnehin kaum.

        Sieht man mal von Jargs Blog ab, wüsste ich auch keines, welches alleine durch die Literaturauswahl interessant wäre.

      • Ohne irgendeine Kritik von dir herauszupicken, sondern ganz allgemein: Sicherlich kommt es auf die Argumentation an, inwiefern man einen Verriss niederschreibt und dass man dabei nicht allzu respektlos wirkt. Nichtbeachtung der zwei Punkte, Schlampigkeit oder nicht genaues Arbeiten bieten Angriffsfläche.

        Das mit der Diskussion ist ein interessanter Gedanke, den ich so ebenfalls bemerkte.

        Was die LitBlogs angeht, würde ich widersprechen wollen – da finden sich für mich einige 😉

      • Sicherlich kommt es auf die Argumentation an, inwiefern man einen Verriss niederschreibt und dass man dabei nicht allzu respektlos wirkt. Nichtbeachtung der zwei Punkte, Schlampigkeit oder nicht genaues Arbeiten bieten Angriffsfläche.

        Nagut, ich bin alles, aber kein ausgebildeter Literaturwissenschaftler und fundiert ist da gar nichts. Ich schreibe einfach das runter, was ich über das Buch denke. Das war auch nie als Rezi-Blog mit Lesern geplant oder gedacht, sondern einfach als Büchertagebuch. Und wenn wir bei dem Jungen bleiben, haben mich sehr viele Punkte gestört, die ich dann einfach durchnummerierte.

        Was die LitBlogs angeht, würde ich widersprechen wollen – da finden sich für mich einige 😉

        Für mich immer weniger. Sowohl was die Auswahl der Bücher als den Geschmack des Bloggers angeht ist von den LitBlogs Jargs das einzige, bei welchem ich sicher sein kann, dass die vorgestellten Bücher für mich etwas sein könnten. Ich muss keine Liebesroman- / Fantasy-Blogs lesen, aber die anderen behandeln wieder Literatur, die mich ebenfalls nicht so richtig interessiert. Ich sehe zwar immer mal wieder andere Blogs durch, weil das im Reader auch kaum Zeit kostet, aber wirklich inspirierend finde ich die Bücher nicht, die dort vorgestellt werden.

        Das mit der Diskussion ist ein interessanter Gedanke, den ich so ebenfalls bemerkte.

        Dabei wäre es so spannend zu lesen, was es an gegensätzlichen Meinungen gibt.

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