John Boyne – Der Junge im gestreiften Pyjama

johnboyne_derjungeimgestreiftenpyjamaEs ist eine Kunst, den Holocaust mit all seinen Facetten, dem Schrecken, dem Grauen und der Furcht so authentisch wie möglich zu verbildlichen, so dass man hinterher erleichtert festhält, – zum Glück – in dieses dunkle Kapitel nicht hineingeboren zu sein. Im Umkehrschluss an diejenigen denkt, denen es schuldlos in der Opferrolle widerfahren ist. Ebenso bedarf es einer künstlerischen Gabe, die Völkermorde aus unschuldigen, naiven Kinderaugen zu zeigen.

Tatsächlich erinnert mich „Der Junge im gestreiften Pyjama“ (2006) stark an Roberto Benignis Meisterwerk und Film „Das Leben ist schön“. Dort wird einem kleinen Jungen namens Giosuè, der gemeinsam mit seinen Eltern in ein Konzentrationslager deponiert wird, erklärt, dass das Ganze nur ein Spiel sei. Am Ende die gewinnen, die die meiste Punktezahl sammeln.

Wie auch Giosuè versteht der neunjährige Bruno in „Der Junge im gestreiften Pyjama“ ebenfalls nicht, was wirklich in einem Lager, in diesem Fall „Aus-Wisch“, wie er es ausspricht, vor sich geht. Schon gar nicht, was der ganze Hype um diesen komischen „Furor“ soll, warum getrennt wird.

Aber wo genau lag der Unterschied?, fragte er sich. Und wer entschied, welche Leute die gestreiften Anzüge und welche Leute die Uniformen trugen? (S. 127)

Durch Brunos Vater, einem SS-Kommandanten, muss die Familie von Berlin ins graue Auschwitz ziehen. Der Senior wurde befördert. Doch Bruno kann mit dem grauen Ort, wo er aus seinem Fenster Menschen hinter Stacheldrahtzäunen in identischen Anzügen (Pyjamas) sieht, rein gar nicht vertraut werden. Bis er seine geliebten Forschungen unternimmt und dem gleichaltrigen Häftling Schmuel begegnet. Daraus entwickelt sich eine Freundschaft, die nicht einmal durch Barrieren getrennt werden kann, bis dass der Tod sie scheidet (oder auch nicht).

Er hob den Zaun unten an, wie sonst immer, wenn Bruno ihm etwas zu essen mitbrachte, aber diesmal streckte er seine Hand durch und wartete, bis Bruno das Gleiche tat, und dann gaben sich die beiden Jungen die Hand und lächelten einander an. (S.218)

Der irische Autor John Boyne nahm nicht nur Auszeichnungen entgegen, er musste sich ebenso zahlreicher Kritik stellen. Wischiwaschi wäre der historische Umgang, mit zahlreichen Entgleisungen bestückt – was für ein Jugendbuch im höchsten Grade fatal ist.

Demgegenüber hätte die Figur Brunos nicht infantiler charakterisiert werden können, obwohl sie die „Die Schatzinsel“ liest und eins und eins zusammenzählen kann. Dieser ist im wahrsten Sinne des Wortes ein „Dummkopf“ (eine Bezeichnung, über die er sich immer aufregt, wenn sie aus dem Mund seiner Schwester kommt).

Okay, Mitglied der Hitlerjugend war er noch nicht in seinem Alter. Nur durch Propaganda  hat wahrlich jeder Junge zu dieser Zeit Rassenideologie, Adolf Hitler etc. pp. eingetrichtert bekommen – Bruno nicht, der kaum hinterfragt.

Was John Boyne auf der anderen Seite relativ gelungen ist, sind die Situationen auf dem Drahtseilakt. Die Worte aller mussten ordentlich gewählt werden, Ausrutscher durfte sich niemand leisten, Kritik schon gar nicht. Die aufgeklärten Erwachsenen in „Der Junge im gestreiften Pyjama“ sind ständig auf der Hut, Bruno nicht – seine Unwissenheit und Kindlichkeit entschuldigen vieles.

Keine Entschuldigungen lassen sich dann, jedoch nicht für einige Makel im Sujet finden. Die größte davon, die Stelle an dem Zaun, wo Bruno zum Schluss auf Schmuels Seite gelangt, durch ein kleines Anheben. Fraglich, dass es in einem Hochsicherheitstrakt wie Auschwitz Orte gab, die nicht beobachtet wurden, gar zur Flucht einluden.

John Boyne versucht sich weich in einer interessanten Art und Weise an den Holocaust heranzutasten, driftet allerdings allzu oft ins Nebensächliche ab. Die Nachricht, die er damit senden will, kommt unglücklicherweise nicht an. Eins kann „Der Junge im gestreiften Pyjama“ insgesamt dann eventuell doch noch: die Sensibilisierung für das sensible Thema – wem es genau mit all den Schwächen empfindsam gemacht werden soll, darüber bin ich mir nicht ganz im Klaren.

3 thoughts on “John Boyne – Der Junge im gestreiften Pyjama

  1. schön, schön.. die meisten loben dieses buch ja, einige sogar über den grünen klee… mich hat es seinerzeit nicht überzeugt, ähnlich wie dir ist mir die allzu plumpe ahnungslosigkeit des immerhin neunjährigen irgendwann einfach auf die nerven gegangen….

  2. Deine Buchbesprechung gerade gelesen… Stimmen uns im Großen und Ganzen überein. Mir wurde das Buch auch mit größter Empfehlung gereicht – wie schrecklich es doch sei. Schrecklich fand ich nur den schwerfälligen Jungen!

  3. Pingback: Kürze und Würze #2 | Muromez

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