Vladimir Sorokin – Der Schneesturm

vladimirsorokin_derschneesturmDraußen stürmt es. Zieht es wie Hechtsuppe. Dicke Regentropfen prasseln gegen die Fensterscheibe. In unregelmäßigen Abständen. Platsch. Platsch, Platsch. Ich drehe an dem Heizkörper, schlage das Buch auf und freue mich insgeheim, dass mein Gemüt in der sicheren Festung von einem milden, dennoch ungemütlichen Winter geschützt ist und tauche ein.

Tauche ein und werde Zeuge einer Reise. Der Reise von Landarzt Platon Garin und dem Kutscher Kosma, Rufname: Krächz. Garin muss Impfmittel in dem nicht ganz so weiten, 17 Werst entfernten Dorf Dolgoje spritzen, denn dort hat sich eine aus Bolivien kommende Epidemie ausgebreitet, die Menschen zu zombieähnlichen Kreaturen macht.

Früh wird deutlich, dass beide Weggefährten wohl kaum an der Endstation antreffen. Krächz Minipferdchen kämpfen zwar gegen den „Widerstand der Naturgewalten“, dem Schneesturm, an, doch nicht nur einmal müssen die Kufen des Mobils repariert werden. Nicht nur einmal stoßen beide auf fantastische Wesen oder Gegenstände.

Da wäre ein kleinwüchsiger, griesgrämiger Müller, der aus einem Fingerhut Schnaps süppelt und mit dessen Gattin der Doktor sich bei einer Rast vergnügt. Da wären Dopaminierer, Nomaden, die in Filzzelten hausen, durch ein pyramidenartiges Konstrukt in Räusche verfallen und dadurch das Glückshormon Dopamin ausschütten – das sich Arzt Garin ebenfalls zuführt. Da wäre ein sechs Meter großer, totgesoffener Riese, der kurz vor seinem Ableben einen kolossalen Schneemann inklusive gigantischem Phallus baute und dem die beiden ungleichen Protagonisten, der bäuerliche Krächz und der gelehrte, aber orientierungslose Garin, mit ihrem Schlitten in die Nase fahren, wodurch erneut eine Kufe bricht. Dabei wird Garin ständigen Gewissensbissen ausgesetzt, die je nach Not in die Motivationslosigkeit abdriften oder Rechtfertigungen mit sich tragen.

Gegen den Wind zu Felde ziehen! Alle Fährnisse überwinden, allen Wahnwitz und Widersinn. Nichts und niemanden fürchten, unbeirrt seinen Weg gehen, wie das Schicksal es will. Eisern, standhaft, geradeaus. Darin liegt der Sinn unseres Lebens! … So dachte der Doktor. (S. 132)

Drei Dinge sind es, die wir uns vor Augen zu halten haben: Wer sind wir, woher kommen wir und wohin gehen wir. Ich zum Beispiel, Doktor Garin, Homo sapiens, geschaffen nach dem Ebenbild Gottes, fahre jetzt durch die Nacht in ein Dorf zu meinen Patienten, um sie vor der Epidemie zu beschützen. Darin liegt ein Stück des mir vorbestimmten Lebensweges, hier und heute. Und fiele dieser leuchtende Mond plötzlich herab auf die Erde und das Leben hörte auf, dann stünde es mir in dieser Sekunde doch an, die Bezeichnung Mensch zu tragen, da ich keinen Fingerbreit von meinem Weg abgewichen bin. Und das ist wunderbar! (S. 146)

Ob Wirklichkeit oder Fiktion? Ob beeinflusste Tagträume oder nüchterne Beobachtungen? Das lässt sich in Vladimir Sorokins „Der Schneesturm“ oftmals nur schwer erkennen. Der regimekritische Autor zeigt aber die Differenzen zwischen der Moderne, der Technologie, und der Vergangenheit, dem Hinterwäldlerischen, die immer noch präsent ist, und möchte damit eins im übertragenden Sinn auf Russland verdeutlichen: die (kulturelle) Entwicklung stagniert. Zumindest erklärt Sorokin dies so im Magazin Stilbruch: „Wenn man heute die Machthaber in diesem Land sieht, die Elite Russlands – sie fahren Mercedes, telefonieren mit Smartphones usw., aber mental, kulturell stehen sie im 16. oder 17. Jahrhundert. Ich habe den Eindruck, Russlands Zukunft, das ist unsere Vergangenheit plus Hochtechnologie.“

Und am Ende? Knecht Krächz findet seinen inneren Frieden und Egoist Garin wird natürlich nie im Zombieort ankommend gerade noch so vorm Erfrieren von Chinesen aufgefunden. Ein Wink mit dem Zaunpfahl? Wer die Russen aus ihrer Lethargie befreien könnte?

„Der Schneesturm“ (Kiepenheuer & Witsch / August 2012), erzählt in einer teils etwas altertümlichen Sprache, gleicht einer surrealen Novelle, die im übertragenden Sinne scheinbar viel mit der Gegenwart Russlands und der einhergehenden Perspektivlosigkeit gemeinsam hat und äußerst skurril vorkommt. „Schonungslos kritisch“ soll es sein, urteilt die Welt auf dem Buchrücken, doch, wie friNtze in ihrer Rezension bemerkt, leuchtet auch mir anscheinend nicht jeder versteckte Hieb ein, was jedoch nicht weiter schlimm ist. „Der Schneesturm“ lädt nämlich zu einer äquivoken und verblüffenden Expedition ein, die Vladimir Sorokins Argwohn serviert.

11 thoughts on “Vladimir Sorokin – Der Schneesturm

  1. Das klingt sehr interessant, danke für die schöne Besprechung. 🙂 Die Meinungen, die ich bisher dazu gelesen hatte, gingen etwas auseinander, du machst mich aber doch noch einmal neugierig auf die Lektüre des Buches! Klingt wie ein Buch, das ich unbedingt noch im Winter lesen sollte, auch wenn mich die Zombies ein kleines bisschen abschrecken.

    • Die Zombies lösten im Vorfeld ebenfalls Bedenken bei mir aus, kommen aber eigentlich überhaupt nicht vor und sind nur ein kleines, (symbolisches?) Etwas am Rande. Dafür andere märchenhafte Figuren 🙂

      • Das beruhigt mich, denn Zombies sind nun eigentlich nicht Figuren, die die Bücher bevölkern, die ich gerne lese … 🙂 Ich werde berichten, wie mir „Der Schneesturm“ gefallen wird, wenn ich ihn gelesen habe …

    • Haha! Ja, die Nase. Wobei ich mich im Nachhinein frage, ob das nicht wieder ein Verweis sein könnte – die Säufernase – auf das große, bekannte Problem der Russen 🙂 War mir nie sicher, worauf Sorokin immer hinaus wollte, geschweige denn ob.

      Habe mir übrigens nun „Die Schlange“ von Sorokin zugelegt. Da bin ich auch drauf gespannt. Mal schauen, was er sonst noch so praktiziert(e).

  2. Hallo Muromez- danke fürs Verlinken! Ich muss ja gestehen, ich hab die Zombies n bisschen vermisst – man hätte doch gerne gewusst, was es mit dieser Seuche so auf sich hat. Hoppla, vielleicht bin ich etwas zu sensationslüstern! Aber der Traum im Öl hat mich noch nachhaltig amüsiert. Oh, und bei „Die Nase muss ab“ fällt mir auf – ob das eine Anspielung an dieses Buch sein soll? http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Nase
    Beste Grüße!

    • Nichts zu danken 🙂

      Interessante Assoziation, obwohl ich Gogols „Nase“ bisher nicht las, aber der Wikipedia-Eintrag klingt plausibel, um’s zu verbinden. Jaja, die Hermeneutik. Manchmal Fluch und Segen zugleich. 😉

  3. Pingback: Viktor Jerofejew – Die Akimuden | Muromez

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