Andrej Kurkow – Picknick auf dem Eis

Manch einer wird vielleicht über den Namen Andrej Kurkow im Rahmen der vergangen Fußball-Europameisterschaft in Ukraine und Polen gestolpert sein. Schließlich war der deutsch sprechende Ukrainer ein oft gebetener Interviewgast, wenn es um die politische Situation in Verbindung mit den angekündigten EM-Protest-Aktionen ging. Ansonsten ist Kurkow Schriftsteller. Arbeitet für Radio und Theater. Mit „Picknick auf dem Eis“ gelang ihm sein erster Welterfolg, wobei das Genre nicht eindeutig definiert werden kann: eine Mischung aus Unterhaltung, Krimi und Thriller im Zeitalter des Postkommunismuses – so in etwa.

Viktor, ein Kreativer und Schriftsteller, der von seinen Ergüssen mehr schlecht als recht lebt, ist jüngst von seiner Freundin verlassen worden. Dafür findet er einen neuen, außergewöhnlichen Lebenspartner – einen Königspinguin, der auf den Namen Mischa „hört“ und den sein einstiger Arbeitgeber, der Zoo, nicht weiter über Wasser halten konnte. Viktor steht vielleicht für eine prototypische Art in den Oststaaten, einen talentierten und trostlosen Literaten, der im Großen und Ganzen kaum Wege findet, seine Werke an die Öffentlichkeit zu bringen. Geprägt von einer Schaffenskrise und Orientierungslosigkeit, ist der Kiewer selbst nicht genau auf der Höhe, ob er denn nun journalistisches Zeugs oder Kurzgeschichten niederlegen soll. Und selbst wenn er was Größeres beginnt und plant, bleibt es bei Anfängen, die derweil nie ein richtiges Ende finden.

Da kommt der Anruf eines Chefredakteurs plötzlich gelegen, mit dem jedoch auch gleichzeitig sein komplettes Leben umgekrempelt wird. Viktor bekommt die Aufgabe, Nekrologe zu Papier zu bringen. Klingt dies auf dem ersten Blick nach einer sporadischen Tätigkeit, mausert es sich zu etwas ganz anderem. Im Gegenteil, soll er nicht darauf warten, bis irgendjemand die letzte Reise antritt, sondern die Nachrufe  – Kreuzchen genannt –  bereits im Voraus anfertigen. „Top Secret“ und unter einem Pseudonym, versteht sich. Nach einigen Tagen Produktion, bleibt die Frage nach dem Warum nicht aus: Heißt, warten bis einer krepiert – nur dann steht das Kreuzchen zur Publikation bereit? Falsch gedacht. Je mehr er anfertigt, desto offensichtlicher, dass gerade die Personen, für die er bereits Nekrologe anfertigte, sterben. Die politischen Mächtigen fallen stürzend aus dem Fenster oder werden Opfer diverser Schießereien. „Verdächtig merkwürdig“, denkt sich irgendwann auch Viktor. Es kristallisiert sich heraus, dass Viktor „die unterste Karte eines Kartenhauses“ gezogen hat und das Unheil seinen Lauf nimmt.

Zu seiner Wohngemeinschaft mit Mischa-Pinguin gesellt sich bald das Mädchen Sonja, das ihm von einem der ominösen Männer, ihrem Vater, anvertraut wird, da dieser vorläufig untertauchen muss. Der Mafiosi erklärt ihm, dass Viktor genau wie er für die Morde mit verantwortlich war. Eine hinterlassene Pistole und mehrere Dollarscheinchen sollen dafür sorgen, dass der Kleinen nichts passiere. Viktors kleine Welt steht Kopf – insbesondere dann, als auch er von der Bildfläche verschwinden muss und er herausfindet, dass ein Dritter bereits einen Nekrolog über ihn verfasst:

Und wieder die Anspielung auf irgendeine Protektion, auf irgendein „Dach“, das Viktor nicht kannte. All dies teilte sein Leben in zwei Hälften; die eine Hälfte kannte er, die andere Hälfte seines Lebens blieb ihm rätselhaft. Was existierte in dieser zweiten Hälfte? Woraus bestand sie?

Andrej Kurkow schreibt nicht gestochen scharf. Die Sprache ist nicht verschaltet, nicht zu kompliziert. Kurkow mag nicht der größte Autor aller Zeiten werden, hat derweil jedoch andere Fähigkeiten. In seinem Werk kritisiert er durch die Blume vieles: die Korruption in Ukraine [„Der Arzt sagt, dass ich noch drei Monate leben kann, wenn ich ihm meine Wohnung vermache…“], die Situation [„Eine seltsames Zeit für Kinder“, dachte Viktor. „Ein seltsames Land, ein seltsames Leben, das man gar nicht wirklich kennen möchte, man möchte bloß überleben, c’est tout…“], die Kriminalität.

Die eigentliche Stärke Kurkows ist jedoch die Situationskomik, die Slapstick-Einlagen, die kaum besser beschrieben werden können. Der vermeintliche Nebendarsteller, Pinguin Mischa, das Tier im Frack, das von Natur aus ein Trauertier in schwarz und weiß ist, verzaubert einen. Zauberte mir und vielen Personen, denen ich einige Abschnitt vorlas, ein Lächeln ins Gesicht. Wenn er sich an sein Herrchen schmiegt und Viktor versucht, die Gefühle des herzkranken Tiers zu deuten, zu übertragen auf sein von Tristesse geprägtes Leben, unverstanden von Anderen und völlig fehl am Platz. Wenn Viktor mit Mischa zur gefrorenen Dnepr geht, betrunkene Angler erschrickt, die damit nicht rechnen, dass plötzlich ein Pinguin aus einem Eisloch springt und Viktor Mischa in ein Handtuch hüllt, damit dieser sich nicht erkältet. Das hat was. An einigen Stellen schimmert jedoch auch die philosophische Ader Kurkows durch:

Die Vergangenheit glaubt an Daten. Und das Leben jedes Menschen besteht aus Daten, die dem Leben ihren Rhythmus geben, das Gefühl eines stufenartigen Fortgangs, als könne man sich von der Höhe des Datums aus umdrehen, hinunterschauen und die eigene Vergangenheit sehen. Eine klare, verständliche Vergangenheit, Quadrate für die Ereignisse und Linien für diese Wege.

Andrej Kurkows „Picknick auf dem Eis“ steht für Unterhaltung, die auf dem ersten Blick tatsächlich nur fiktiv wirkt, in Wahrheit jedoch viel mit dem Kiew der 90er Jahre gemeinsam hat und kein Märchen ist. Kurkows Werk prägt ein makaberer Touch. Es ist eine rabenschwarze Komödie, in der reichlich pointiert wird. Aber gleichzeitig wirkt die melancholisch-depressive Stimmung auch erdrückend. Alles in allem ist Kurkow für seine Möglichkeiten ein kleiner Geniestreich gelungen, der ihn gleichzeitig in den „Olymp“ hochschoss. Als ebenbürtiger Nachfolger der Generation Nikolai Gogol, Lew Tolstoi & Co gehandelt, zählt er nach seinem Picknick zu den bedeutendsten, lebenden Literaten der Ukraine und gar der ehemaligen Sowjetunion – kann man getrost so stehen lassen!

7 thoughts on “Andrej Kurkow – Picknick auf dem Eis

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