Christopher Wilson – Guten Morgen, Genosse Elefant

Ganz kümmerlich soll der Diktator gestorben sein, vollgepisst und hilflos lag er herum, bis nach mehreren Tagen sich irgendwer zu ihm ins Zimmer traute und seinen Tod attestierte. Um das Ableben  von Stalin ranken sich einige Mythen. Mediziner, die ihm helfen konnten, fehlten, weil er sie alle beseitigt hatte. Und auch die Bediensteten hatten Angst, Fehler zu begehen, die das Ende ihres Lebens bedeutet hätten. So die Legende, die Christopher Wilson wieder aufgreift. Der Brite erschafft eine Art Forrest Gump und eine Figur, die ganz nah an einen der größten Massenmörder heran darf.

Was können und dürfen Romane? Eigentlich fast alles, insofern sie logisch sind. Viele kennen bestimmt diese Typen, die nach Filmen sagen: »Das passiert nur in Hollywood.« Die analysieren, ob das was in einem fiktiven Werk erzählt wird, tatsächlich in der Realität passieren könnte. Bei Superman, Jurassic Park oder Science-Fiction ist man sich einig, da hinterfragt man erst gar nicht. Spannend ist es, wenn in Romanen oder Filmen (historische) Personen und Ereignisse auftauchen, die es wirklich gegeben hat – wie in »Guten Morgen, Genosse Elefant«. Hätte ein zwölfjähriges Kind mit Handicap und Engelsgesicht wirklich den mächtigen Josef Stalin an seinem Sterbebett begleiten dürfen? Natürlich nicht. Der Autor umgeht clever dieses Problem, in dem er die Geschichte von Juri Zipit als fast wahr bezeichnet.

Zufällig wird Juri zum Vorkoster, Spielgefährten und Zuhörer von Stalin. Er trifft die rücksichtslosesten Menschen des Landes, die mit den Hufen scharren und die Macht nach Stalins Tod an sich reißen wollen. Er lernt die Strategie hinter eine Diktatur kennen, die »Poesie der Macht, den Rhythmus der Pflicht, die Reime der Ordnung«. Er sieht, wie Feinde beseitigt und Menschen zermalmt werden. Und trotz all dieser Einblicke behält er die naive Perspektive eines Kindes, das die Strukturen nicht richtig einschätzen kann. Da kommt der mehrwissendere Leser ins Spiel: Der Rezipient kann das, was Juri mitkriegt, kritisch einordnen, hinterfragen und die Diktatur entlarven. Mitunter lassen sich auch einige Schwächen etwa ab der Hälfte finden. Zwischendurch verliert die lakonische, kindliche Sprache in der ersten Person manchmal ihre Wirkung, weil die Story zu überdreht wirkt.

Entstanden ist ein satirischer Roman, der den Totalitarismus mit einem Augenzwinkern aufs Korn nimmt und der funktioniert. Wilson demaskiert ein menschenunwürdiges, politisches System und die Machtinhaber dahinter. Bestsellerpotenzial!

[Buchinformationen: Wilson, Christopher (August 2018): Guten Morgen, Genosse Elefant. Verlag Kiepenheuer & Witsch. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. 272 Seiten. ISBN: 978-3-462-31659-9]

4 thoughts on “Christopher Wilson – Guten Morgen, Genosse Elefant

  1. Pingback: Vorfreude aufs Gastland – Herbstvorschau 2018 | Muromez

  2. Ich musste das Buch nach der Hälfte weglegen, mochte es überhaupt nicht. Ich finde lustige Bücher über Diktatoren wie Stalin, Hitler & Co. sowieso fragwürdig, konnte auch „Er ist wieder da“ von Vermes nicht zu Ende lesen. Schöne Grüße!

    • Es gibt einen Unterschied: Geht man mit dem Diktator als Person satirisch um oder mit seinen Taten? Letzteres fände ich kritisch und geschmacklos, ersteres wie in diesem Fall legitim. Schöne Grüße zurück!

  3. Also mich konnte das Buch leider nicht überzeugen. Viel zu unentschieden, sowohl in seiner ganzen Anlage, als auch in der Erzählhaltung, in der er immer wieder mit dem Ich-Erzähler Juri bricht. Das war leider gar nichts für mich. Aber in Zeiten, in denen ein Hundertjähriger von Jonas Jonasson zum jahrelangen Bestsellerphänomen werden kann, würde mich auch ein großer Erfolg dieses Romans nicht überraschen …

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