Lesen Sie blau! – Interview mit Verleger Andreas Rostek von edition.fotoTAPETA

Seit fast zehn Jahren existiert der Berliner Verlag edition.fotoTAPETA, der von Andreas Rostek geführt wird. Das Besondere an diesem unabhängigen Verlag sind nicht nur die blauen Cover, auch das Programm ist eher ungewöhnlich. Denn Andreas Rostek veröffentlicht neben italienischer Literatur immer wieder Werke aus Osteuropa und diese haben es bekanntlich nicht ganz so leicht auf dem Markt. Warum er das trotzallem macht, verrät er in diesem Interview. Außerdem blickt er auf die Geschichte der edition.fotoTAPETA zurück, erklärt, wie er an ausländische Bücher kommt und wie die Rolle der Literaturblogs für einen kleinen Indie-Verlag zu bewerten ist.

Andreas Rostek

Die Aufmerksamkeit der edition.fotoTAPETA liegt unter anderem auf den östlichen Nachbarn. Sie haben bisher Werke von einigen polnischen, ukrainischen oder belarussischen Autoren veröffentlicht. Nun sind das – ökonomisch betrachtet – nicht unbedingt die Titel, die dafür sorgen, dass Sie wie Dagobert Duck im Geld baden. Weshalb liegt der Fokus auf solchen Bücher?

Das hat zunächst mit unserer Geschichte zu tun: Den Verlag haben wir mit polnischen Partnern in Berlin und in Warschau gegründet; wir wollten den Austausch zwischen West- und Ost-Europa pflegen. Das versuchen wir auch weiterhin. Die edition.fotoTAPETA versteht sich zudem als durch und durch europäischer Verlag – und zu Europa gehörte und gehört stets eben auch der östliche Teil, mit den jüngeren EU-Ländern, aber auch mit Ländern wie der Ukraine und Belarus. Die krisenhafte Zuspitzung der Lage in der Ukraine, der ja gerade die Orientierung gen Westen, gen Europa bestritten wird, wurde darüber hinaus zu einer Herausforderung, der wir uns nicht entziehen wollten.

Wie läuft das Scouting ab? Sind es heiße, ausländische Tipps, die dazu führen, dass sie gewisse Bücher verlegen? Sprechen Sie slawische Sprachen oder lesen Sie zuerst die Gutachten oder Übersetzungen, um zu entscheiden, ob ein Buch zu Ihrem Verlag passt?

Das läuft  ganz stark über befreundete Übersetzerinnen und Übersetzer, deren Urteil ich oft und gern gefolgt bin, unter anderem dem Netzwerk trans.lit oder dem europäischen Übersetzerprojekt TransStar. Inzwischen wenden sich auch immer mehr AutorInnen oder Übersetzer mit Projekten an die edition.fotoTAPETA, der nachgesagt wird, ein kleiner, aber feiner Verlag zu sein. Ich selbst übersetze aus dem Italienischen und schaue mich deshalb auch in dieser Gegend Europas um.

Betrachtet man die deutschen Verlagsprogramme, tauchen gefühlt immer weniger osteuropäische Titel auf. Woran könnte das liegen? Ist das politisch bedingt? Hinkt der Osten literarisch hinterher oder ist das nur unentdecktes Terrain, das man vorsichtig betritt, weil es mit einem verlegerischen Risiko verbunden ist?

Es gibt historisch betrachtet in Europa schon immer eine Aufmerksamkeitsrichtung, die von Ost nach West geht, nicht umgekehrt. Die lange Zeit der Abgrenzung hinter Mauer und Stacheldraht hat das noch verstärkt, und es wird lange dauern, dass man sich als Deutscher in der Gegend von Krakau genauso vertraut und angeregt fühlt wie in der Gegend von Florenz.  Umso mehr sollte man daran arbeiten, diese Defizite abzubauen. Und politisch gesehen sind die ost-europäischen Länder keine einfachen Mitglieder der EU; auch da fehlt ein Stück Erfahrung mit liberaler Öffentlichkeit, bzw. mit historischen Besonderheiten.

Seit 2007 gibt es Ihren Verlag, der als Kooperation zwischen Partnern in Polen und in Deutschland entstanden ist. Können Sie noch mal intensiver zurückblicken und genau erläutern, wie die edition.fotoTAPETA geboren wurde und wie die Namensgebung zu deuten ist?

Der Verlag entstand eigentlich, weil wir ein Buch mit Arbeiten unseres Freundes Tadeusz Rolke machen wollten, der ein in Polen sehr bekannter Fotograf ist. Er arbeitet seit Jahrzehnten an einem Projekt unter dem Titel »Wir waren hier«, bei dem er fotografische Spurensicherung bei den letzten Zeugnissen chassidischer (und anderer) Juden meist im Osten Polens betreibt. Ein weiterer, gemeinsamer  Freund war an dem Anfangsprojekt beteiligt: Marek Grygiel, der einer der besten Kenner polnischer und europäischer Fotografie ist und seit  langem eine Zeitschrift und dann eine Internet-Seite mit dem Titel fototapeta betreibt. Wir wollten schlicht die Buch-Edition zu der Seite machen, daher der Name edition.fotoTAPETA. Der polnische Buchmarkt ist aber ziemlich schwierig und nicht anders ist das mit dem Markt für Fotobücher; beides mussten wir schließlich aufgeben – sonst hätten wir überhaupt keine Bücher mehr machen können. Das Buch von Tadeusz Rolke ist natürlich erschienen: mehr dazu hier.

Sie leiten den Verlag zusammen mit ihrer Ehefrau Dagmar Engel. Beide sind Sie Journalisten,  welche Vorteile hat das bei der Verlagsarbeit?

Wir haben beide einen über Jahre geschulten Blick für Texte. Das hilft. Und wir sind, wenn es sein soll, ziemlich schnell. Auch darin, Informationen zu neuen Projekten zusammen zu tragen.

Wie betrachten Sie als »kleiner Indie-Verlag« Literaturblogs? Inwiefern helfen (Ihnen) diese?

Ich finde, Blogs sind für uns kleinere Verlage eine nicht zu unterschätzende Chance. Ohne Werbeetat, mit wenig Personal und tollen Büchern muss man schnelle, unkomplizierte Kanäle nutzen, um die Bücher ins Gespräch zu bringen. Und die Leitmediumfunktion der großen Blätter wie SZ, NZZ, FAZ oder ZEIT reicht einfach nicht mehr überall hin. Die bringen immer wieder differenzierte Besprechungen unserer Bücher (auch dank unserer großartigen Pressefrau, Stephanie Haerdle); aber das Lese-Publikum nutzt inzwischen ja längst auch andere Kanäle, um sich zu orientieren.

Wie zufrieden sind Sie mit der Entwicklung, die der Verlag genommen hat, der nun seit fast zehn Jahren besteht? Welche Titel waren die erfolgreichsten? Welche sorgten für Überraschungen, weil sie vielleicht unerwartet besonders verkauft wurden?

Wir sind zufrieden. Wir hören immer mal wieder, dass der Verlag einen guten Ruf hat. Das ist schön, und es ist das Ergebnis unserer Arbeit. Ich bin auch immer wieder begeistert von unseren Büchern, und das gilt immer besonders für die, die gerade erst dazu gekommen sind: Wie toll ist »Bestiarium« von Tomasz Rózycki, wie virtuos geschrieben ist »Sewastopologia« von Tatjana Gofman, wie genau am Thema ist die »Ukraine-Krise« von Jerzy Maćków, wie breit rezipiert »Ein deutsches Tagebuch« von Stefan Chwin und wie interessiert aufgenommen jetzt »Alessandro und Assunta« von Alberto Asor Rosa. Und dann sind da noch unsere geheimen Lieblingsbücher, die Palermo-Trilogie von Nino Vetri. Und dann war da, schnell, wichtig und einflussreich die »Flugschrift« MAJDAN. Aber ich kann ja nun nicht alle Titel aufzählen…

→ Website der edition.fotoTAPETA: www.edition-fototapeta.eu / edition.fotoTAPETA auf Facebook: www.facebook.com/edition.fototapeta / Herbstvorschau 2016

→ In diesem Blog besprochene Bücher des Verlags:

→ Foto im Interview: © e.fT

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