Jun’ichiro Tanizaki – Tagebuch eines alten Narren

Je tiefer die Falten, je krummer der Rücken und größer die Schmerzen – umso mehr bringt das Altwerden automatisch Abschiede mit sich. Aktivitäten, die einst einen wichtigen Bestandteil bildeten, können mit der Zeit nicht mehr ausgeübt werden, weil das von der Natur derartig vorgesehen ist. Die körperliche Liebe sei da erwähnt – der Sex. Was ist jedoch, wenn sich das Lustzentrum des Gehirns eines Greises regelmäßig meldet? Der japanische Autor, Jun’ichiro Tanizaki (*1886 – †1965), einstiger Kandidat für den Literaturnobelpreis, greift den Umgang mit Sex im Alter auf: Was ist noch normal, wo beginnt die Perversion und darf man so etwas überhaupt verspüren, wollen?

Jun'ichiro Tanizaki - Tagebuch eines alten Narren

Als Tanizakis Spätwerk in den 1960er Jahren auch hierzulande übersetzt wurde, sorgte es für einen kleinen Aufschrei und Skandal. Vielleicht war die Gesellschaft (noch) zu prüde? Vielleicht durfte man gar nicht ein solches Bild eines geilen Opas zeichnen. Natürlich sind wir heutzutage abgehärtet, spätestens durch das Netz um nichts mehr verlegen. Natürlich schockt dieses Buch nicht mehr. Dennoch, stellen wir uns mal vor: Was denken wir, wenn wir an einen alten Sack denken, der noch will, aber nicht mehr kann? Richtig, an einen Perversen, womöglich Pädophilen, dem sabbernd die Spucke heruntertropft. Nicht gerade lecker, nicht wahr?

Dabei zwingt der Protagonist dieses Werkes, Utsugi, mittlerweile 76 Jahre gar niemanden. Mit der Zeit hat das Oberhaupt eines wohlhabenden Clans immer mehr Wehwehchen. Der Körper macht nicht mehr mit, im Mund befinden sich die dritten Zähne und auch da unten regt sich nichts mehr – Impotenz. Mit dem Leben hat er abgeschlossen und dennoch hält ihn alleine die Lust noch auf der Erde. Ein Faible für einen bestimmten Frauentypen ist geblieben, dem verruchten, dominanten, der Intrigen schmiedet und die Männer um den Finger wickeln kann.

Satsuko heißt die Auserwählte – seine verlockende Schwiegertochter. Sie kauft ihn, indem sie ihn kosten lässt. An der Jugend, Weiblichkeit. An dem Duft. Die ihn gezielt bedient, auf seinen Fetisch eingeht. Sie raubt ihm Macht, sorgt aber für einen Elixier. Denn durch die Befriedigung seiner Wünsche rappelt er sich immer wieder auf. Die Lust wird zum Antrieb seines Lebens, denn vor dem Tod hat er keine Angst mehr. Plant bereits intensiv die Zeit danach, den Grabstein, den Platz für die ewige Ruhe. Je hässlicher er wird, desto schöner erscheint sie ihm. Und Satsuko spielt dieses Spiel mit, das einen Preis hat, den Utsugi bereit ist zu zahlen.

Gemeinsam überschreiten sie Grenzen und der Leser wird durch Utsugis Tagebucheinträge unweigerlich zum Zeugen, der am liebsten wegschauen möchte, wenn Füße geleckt oder Speichel in den Mund getropft werden. Aber was genau spricht dagegen, wenn alles auf einer freiwilligen Basis passiert und beide Parteien Nutzen aus diesen intimen, phasenweise sadomasochistischen Begegnungen ziehen? Richtig, rein gar nichts, oder? Wäre das Dargestellte nur nicht so abstoßend für den sittlichen, braven Bürger.

Der Autor führt immer wieder den natürlichen Verfall des Mannes vor. Die ganzen Krankheiten, Beschwerden, Medikamente, die er schluckt, und die Behandlungen werden immer wieder im Tagebuch erwähnt. Gleichzeitig vergisst die Figur nicht in den Spiegel zu blicken: »Aber so tränenselig und sentimental ich auch sein mag, im Inneren bin ich pervers und gefühlsarm. Das ist mein Charakter.« Die Highlights bleiben (für ihn) die Treffen mit der Femme fatale: »Was für einen Sinn hat ein solches Leben noch? Nur wegen meiner Liebe zu Satsuko möchte ich weiterleben, sonst ist es sinnlos, noch länger auf dieser Erde zu verweilen!«

Krasse Diskrepanzen lassen sich in diesem Werk finden. Auf der einen Seite wäre der Umgang mit dem Altern, Schwachwerden und Abschließen. Auf der anderen Seite wären da die Beichten über einen nicht nachlassenden Trieb und die Libido. Verbindet man beide Seiten, kommt man zu dem Resultat, dass diese nicht zueinander passen können – auch wenn man keine rationalen Gründe dafür findet, warum das Eine das Andere ausschließt. Dieses Versinnbildlichen ist die große Stärke dieses Tagebuch-Romans.

[Buchinformationen: Tanizaki, Jun’ichiro (Juli 2015): Tagebuch eines alten Narren. Manesse Verlag. Aus dem Japanischen von Oscar Benl. 256 Seiten. ISBN: 978-3-7175-4089-2]

3 thoughts on “Jun’ichiro Tanizaki – Tagebuch eines alten Narren

  1. In der beschriebenen Konstellation gönne ich dem „alten Sack“ seine Affäre. Und offenbar findet auch die Frau eine adäquate Befriedigung. Doch der Sohn? Was ist mit seinem Sohn? Ein arme Sau?

    • Bin mir nicht sicher, ob sie eine adäquate Befriedigung dabei findet, jedenfalls gefällt ihr das Dominante, vielleicht ist es mehr Prostitution auf einer gewissen Weise. Was mit dem Sohn ist? Beide führe eine Art „offene Beziehung“: Sie und er haben darüber hinaus andere Partner. Und am Ende toleriert der Sohn gar dieses Verhalten, damit es dem Vater besser geht, auch wenn er sicherlich nicht weiß, wie weit seine Frau bei der „Behandlung“ geht.

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