Nobelpreis für die Menschenforscherin

Der Literaturnobelpreis geht in diesem Jahr an Swetlana Alexijewitsch. Man kann von dieser Auszeichnung halten, was man will, in Frage stellen, ob Autor X oder Y ihn verdient habe. Aber Fakt ist, und das lässt sich nicht bestreiten: Es ist der größte Preis, den ein Schriftsteller erhalten kann. Und mit dieser globalen Würdigung steigt die Aufmerksamkeit ins Unermessliche und die Leserschaft vergrößert sich automatisch. Gerade aufgrund dieser Tatsache freue ich mich für die Belarussin – denn ihre Werke gehören unbedingt gelesen, damit die (östliche) Welt verstanden werden kann.

Swetlana Alexijewitsch - Nobelpreis

Hierzulande mag manch einem das Thema Vergangenheitsbewältigung beinahe zum Hals heraushängen. Trotzallem war und ist man stets dafür, sich mit der Historie auseinanderzusetzen, sie zu verarbeiten und offen damit umzugehen. Da wird nichts geleugnet – von den wenigen Tatsachenverdrehern mal abgesehen – und beispielhaft reinen Tisch gemacht. Besuche von Gedenkstätten und zahlreiche mediale Programme sowie Inhalte verdeutlichen das. Doch nicht überall wird so mit dunklen Kapiteln umgegangen – wie in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Der Sieg im Zweiten Weltkrieg, dieses Ereignis wird immer noch groß gefeiert bei den Russen, täuscht immer wieder über die Schandtaten von u.a. Josef Stalin hinweg und sorgt stattdessen mehr für Patriotismus. Es ist, so mein ich aus der Ferne, eine verfälschte Erinnerungskultur. Mit Perm-36 Gulag gibt es nur eine einzige Gedenkstätte, die den politischen Repressionen gewidmet wurde und die besichtigt werden kann, aber schon öfters geschlossen werden sollte. Die Lubjanka in Moskau, wo zahlreiche Menschen u.a. während der Großen Säuberung gefoltert, erpresst und getötet wurden, ist nicht öffentlich zugänglich und wird weiter vom Geheimdienst genutzt. Vergangenes soll nicht unbedingt aufgewärmt werden, das Vaterland könnte ja ins schlechte Licht rücken.

Aber genau dafür gibt es Chronisten wie Swetlana Alexijewitsch. Die Belarussin hat eine spezielle literarische Gattung geschaffen. Es sind die Stimmen des einfachen Volkes, die Alexijewitsch wählt und Auszüge von Interviews, die sie wiedergibt und daraus Non-Fiction-Literatur formt. Dennoch, man kann durchaus kritisch mit dieser Erzählweise umgehen. Denn, wo liegt die Eigenleistung, wenn man lediglich Interviews transkribiert und wiedergibt? Zeugt das von Innovation? Ist das literarisch und ästhetisch überhaupt Nobelpreis-würdig? Kurz: Ja, das ist es!

Die Menschenforscherin und Stimmensammlerin gibt die Gespräche nicht einfach wieder, sondern schneidet sie zurecht. Und diese Collagen sind wie Puzzlestücke, sie ergeben am Ende ein eindrucksvolles Ganzes. Wie es bei »Secondhand-Zeit« der Fall ist, ihrem Lebenswerk, in dem sie den Homo Sovieticus und den Zerfall der Sowjetunion behandelt. Wie es bei »Die letzten Zeugen« ist, in denen frühere Kriegskinder ihre Erinnerungen preisgeben. Alexijewitsch ist in ihren Werken nie laut – sie zieht sich fast gänzlich zurück und kommentiert wenig. Dafür gibt sie den Stummen und Leisen eine Stimme, die sonst keine bekommen hätten und lässt Raum für Interpretationen sowie Schlussfolgerungen.

An jedem Buch arbeite ich insgesamt zehn bis 15 Jahre. Es häufen sich immer wieder Berge von Material. Das muss sich dann absetzen, bis sich Kraftlinien bilden, bis man einen Eindruck davon gewinnt, wie sich das Ganze zu einem Buch gruppieren könnte. Dieser Prozess ist schwer zu beschreiben. Ich habe ein sehr geschultes Ohr. Manchmal gelingt es mir, aus einer einzelnen Erzählung ein Stück Literatur herauszuhören. (Interview im Buchjournal)

SwetlanaAlexijewitsch2_klein(c)MargaritaKabakowa

© Margarita Kabakowa

Erstaunlich ist vor allem, dass sie trotz diesem Skizzenhaften immer einen ähnlichen Ton trifft und einen eigenen Stil behält, der sich einprägt und den man wiedererkennt. Herausgefunden, wie das funktioniert, habe ich noch nicht gänzlich, da sie im Prinzip lediglich Gesprächsfetzen festhält. Diese Auszüge aber wahrscheinlich genauso kunstvoll wählt, dass sie einem Alexijewitsch-Stil ähneln. Ebenso hat sie den Preis verdient, weil sie den politischen Gegenwind, der ihr ins Gesicht geblasen wurde, auswich und immer standhaft blieb. Drohungen und Zensur musste sie über sich ergehen lassen. Dennoch, die Entscheidung für Alexijewitsch ist keine rein politische. Das kann nur von Personen behauptet werden, die noch nie etwas von ihr gelesen haben. Natürlich, sie sieht Putin kritisch, dadurch könnte die westliche Marschroute gegenüber Russland sowie die Gratulation von Außenminister Frank-Walter Steinmeier diese fälschliche Meinung zumindest unterstützen und für mit den Händen reibende Verschwörungstheoretiker sorgen.

Swetlana Alexijewitsch steht jetzt auf einer Stufe mit Alexander Solschenizyn, zu dem es einige Parallelen geben kann – sie wird definitiv in die Literaturgeschichte eingehen, das hat auch sie mittlerweile bemerkt: »Ich bin sehr glücklich. Und überwältigt von einem Ansturm komplexer Gefühle. Freude natürlich. Aber auch Beunruhigung. Die gewaltigen Schatten von Iwan Bunin, Boris Pasternak und Alexander Solschenizyn sind erwacht. Der längere Abschnitt meines Weges liegt hinter mir, doch viel Arbeit und neue Gabelungen warten noch auf mich. Nun kann ich mich nicht ausruhen.«

Iris Radisch meinte zu der Verleihung, dass der Literaturnobelpreis große Literatur und nicht großartigen Journalismus auszeichnen solle. Sie hat nicht verstanden, dass großartiger Journalismus ebenso große Literatur entstehen lassen kann.

11 thoughts on “Nobelpreis für die Menschenforscherin

  1. Ein toller Beitrag! Ich finde es nicht so einfach so ein Lebenswerk auf den Punkt zu bringen. Ich kannte die Dame vor dem Preis tatsächlich gar nicht. Aber nach dem Artikel ist sie mir sehr sympathisch!

    • Danke sehr. Sicher nicht vollständig und skizziert nicht ihren Lebensweg. Aber dafür gibt es andere Angebote, die das bereits ausführlich getan haben. Wie gesagt, ich freue mich unheimlich für sie, dass sie nun bekannter wird, obwohl der Hanser Verlag jüngst mit den Neuauflagen die Autorin wieder ins Rampenlicht brachte. Ohne diesen großartigen Verlag und diese Entscheidung hätte ich sie vor dem Nobelpreis vermutlich ebenso nicht gekannt.

  2. Es ist ja tatsächlich was Hybrides an ihren Texten, weil sie aus der Wirklichkeit schöpfen, aber die Bücher deshalb nicht Literatur zu nennen, so wie sie komponiert sind? Das erinnert mich an Leute, die ihre Dosen-Erbsen peinlich genau neben die Dosenkarotten legen. Mag auch ein Lebensstil sein.

  3. Pingback: Blogbummel September/Oktober 2015 | buchpost

  4. Hallo Muromez, habe heute ein Interview mit dem weißrussischen Regisseur Wladimir Petrowitsch gelesen, der Secondhand Zeit als Theaterstück aufführt oder aufführen will. Er sagt, dass Swetlana Alexexijewitsch und ihr Werk in Belarus überhaupt nicht bekannt waren, und dass die Menschen erst jetzt, stolz darauf, dass jemand aus ihrem Land den Nobelpreis gewonnen hat, anfangen ihre Bücher zu suchen. Das ist doch paradox, oder?
    Das Interview ist bei der Deutschen Welle erschienen, wenn du magst, kann ich dir den Link senden.

  5. Es gibt ein russisches Sprichwort, das lautet: „Spucke nicht in den Brunnen!“ (Не плюй в колодец!) – Auch der Lügner Solzhenizyn spuckte in den russischen Brunnen…

  6. Pingback: Rückkehr zur Monarchie – Andrej Kurkow im Interview | Muromez

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