In eigener Sache | #blogfragen

Blogs sind für ihre Transparenz bekannt, da die Verfasser auf einer persönlicheren Ebene handeln und sich öffnen. Deswegen kann es nicht schaden, dosiert etwas über sich preiszugeben und einen Blick hinter die Kulissen zu geben. Listenliebhaber und Journalist Stefan Mesch, bietet einige Fragen an, die über die About-me-Seite hinausgehen und durch die Blogger sich analysieren sollen – denn das machen sie manchmal zu selten. Diese Gelegenheit möchte ich nutzen, lasst mich mal antworten.

20121108114616!Die_drei_BogatyrGemälde von Wiktor Michailowitsch Wasnezow. In der Mitte der Namensgeber dieses Blogs.

Das Lieblingsbuch meiner Mutter: Sie kann sich als Vielleserin nicht festlegen. Vielleicht eins von Iwan Bunin. Kein Konkretes. Meint sie. Wechsle ja ständig.

Das Lieblingsbuch meines Vaters: »Der Idiot«, »Die Brüder Karamasow« oder »Schuld und Sühne« (alle Dostojewski) könnte passen.

Ich führe einen typischen Buchblog, weil… sich hier genügend Rezensionen finden lassen. Damit wird der Vorwurf unterstützt, dass Blogger im Prinzip nichts anderes machen als die professionellen Literaturkritiker (nur schlechter), die medialen Potentiale nicht erkennen und lediglich – und das auch noch vermehrt in der bösen Ich-Form – tippen. Verwerflich, dass ich die Form der Literaturkritik (insofern hier eine stattfindet und das ist eine andere Frage!) benutze und nicht weiterentwickle.

Im Übrigen bezeichne ich Muromez als Literaturblog. Buchblogs sind für mich solche, die über wenig bis gar keine literaturkritische Gattungen verfügen, mehr mit Bildern (von Büchern) arbeiten. Zeigen, wie sich ihre Stapel ungelesener Bücher vergrößern, Gewinnspiele anbieten und so weiter.

Ich bin anders als die Blogs, die ich gern lese, weil… der Fokus vermehrt auf osteuropäischer Literatur liegt und regelmäßig Klassiker näher gebracht werden, die sonst scheinbar niemand mehr liest oder über die niemand mehr schreibt/schreiben will. Amerikanische Werke werden hier zum Beispiel kaum behandelt.

Auf Short-/Middle-/Long-/whatever-Lists habe ich genauso wenig Bock. Ein Marketing-Preis, den ich wenig bis kaum beachte und der mir nicht diktieren soll, was ich zu lesen habe, um up to date zu sein. Da verzichte ich und pflege lieber eine individuellere Auswahl, genieße meine Freiheit.

Ansonsten findet sich hier viel Häftlingsliteratur (Nationalsozialismus, Stalinismus), gerne werden auch Werke behandelt, die von Süchten und Kriegen/Konflikten handeln.

Am Bloggen überrascht mich, wie selbstkritisch ich mit mir und mit meinen Texten umgehe/umgehen kann (bei journalistischen Arbeiten ist das allerdings wesentlich ausgeprägter). Manchmal wird der Sinn in Frage gestellt, wozu ich die Mühe betreibe und ob inhaltlich überhaupt Qualität geboten werde. Wo will ich hin und was soll das eigentlich werden, wenn es fertig wird? Keine Ahnung. Beim Bloggen habe ich gelernt, dass… ich auch einfach mal auf veröffentlichen drücken muss, statt weiter stundenlang zu redigieren, herumzudoktern und zu verändern – irgendwann ist gut. Ich verdiene keinen Krümel damit. Es ist nicht mein Lebenswerk, mehr ein sinnvolles Hobby, ein Trainingsplatz und ein Gedankensortiergerät, das gleichzeitig einem persönlichen Literatur-Archiv gleicht. Ehrgeiz ist förderlich, hemmt manchmal aber dennoch.

Helfen Amazon-Rezensionen? Wobei? Wie?

Zumindest schaden sie nicht, wenn sie einige mehr Sätze enthalten und über gut, schlecht, herzzerreißend oder todtraurig hinausgehen. Mir helfen sie vor allem zu erkennen, ob ein Werk überhaupt aufgenommen und gekauft wird. Bei null Bewertungen tendiere ich dazu, zu behaupten, dass dieses Werk nur wenige Leser hat. Ist das (eigentlich) so?

Hilft Literaturkritik in Zeitungen und Magazinen? Wobei? Wie?

Schöne Frage. Ich schreibe gerade an meiner Master-Arbeit zu diesem Thema und könnte jetzt ganz, ganz weit ausholen. Dabei will ich das Verhältnis von Literaturbloggern und professionellen Literaturkritikern herausstellen und zeigen, welche Funktionen beide Parteien haben und ob sie nebeneinander ergänzend existieren können oder im Haifischbecken Literaturbetrieb schwimmen. Und, können beide sogar voneinander profitieren, ist das vorzustellen?

Um es kürzer zu machen: Wenn die Literaturkritik, die zweifelsohne Platz und Zeilen im Gegensatz zu Literaturtipps benötigt, eine Orientierungs- sowie Informationsfunktion einnimmt und gleichzeitig als Entscheidungshilfe agiert, kann sie helfen. Wobei? Ich glaube, es war Adorno, der gesagt hat, dass Kunstwerke zu ihrer Entfaltung auf Interpretation, Kritik und Kommentare angewiesen sind.

Mich muss professionelle Literaturkritik überraschen und sie muss von Expertise geprägt sein. Ich will daraus etwas entnehmen, was mir nach der Lektüre bisher noch nicht bewusst war und damit meine ich nicht den Inhalt oder die Biografie des Autors. Es muss Klick machen, ein Aha-Erlebnis muss sich formen.

Helfen Blogs? Wobei? Wie? Wem?

In erster Linie helfen sie vor allem den Bloggern, denk ich. Sie bieten ihnen eine Plattform, die diese sonst vermutlich nicht hätten. Auf der anderen Seite erweitern Literaturblogs das öffentliche Gespräch über Literatur – ein breiteres Publikum dient als Zielgruppe. Zudem können Blogs thematisch Literatur behandeln und näher bringen, die keine Chance hat, im Feuilleton erwähnt zu werden. Gerade für kleinere (Indie)Verlage ist das von Vorteil.

Wahr oder falsch: “Ich blogge vor allem, weil ich mich über Bücher austauschen will und im persönlichen Umfeld nicht genug Menschen habe, mit denen ich das könnte.” Weiß nicht. Ich blogge mehr, weil ich mich schriftlich besser als spontan mündlich ausdrücken kann. Und das Schreiben über Bücher ist ein viel längerer Prozess, als eben mal kurz verbal zwischen Tür und Angel zu urteilen. Währenddessen können sich beim Vertiefen ganz andere Dimensionen auftun. Ich blogge vor allem, weil ich gerne schreibe und in diesem Fall über Literatur schreiben kann.

Mein persönlicher Geschmack und meine Prinzipien beim Lesen und Bewerten:

»Scheiße, warum bin ich schon am Ende angelangt?«, wenn sich dieser Gedanke festigt, ist ein Buch auf jeden Fall gelungen und kann was. Das muss nicht immer vorkommen, aber Bücher dürfen mich nicht quälen. Damit meine ich nicht, dass sie keinen Anspruch haben sollen, nein. Schwere Kost und komplex darf es ganz im Gegenteil sein, aber sie müssen mich anlächeln und gleichzeitig kein Muss verursachen.

Ich muss mich mit dem Stoff anfreunden können, sprachlich, stilistisch, ästhetisch, Logik schätze ich dabei. Ein Buch muss mich weiterbringen, sonst hat es den Zweck verfehlt, und dann auch noch unterhalten. Ich muss entdecken können, worauf der Verfasser hinauswill, was er der Welt und mir als Empfänger senden möchte. Die Prinzipien können beim Lesen und Bewerten immer variieren. Ein Debüt hat z.B. einen Sonderstatus und darf vorsichtiger angefasst werden als ein hochgelobter und etablierter Verfasser.

Wer liest mich? Habe ich eine Zielgruppe?

Schwierig! Überwiegend Blogger und Menschen (Studenten?, Schüler?, Literaturliebhaber?), die hier zufällig durch Suchmaschinen hinzustoßen. Ansonsten vielleicht ein kleiner Stamm. Eine konkrete Zielgruppe besitze ich nicht (falls ja, winkt mal eben kurz!), aber vielleicht entwickelt sich das noch, sodass es für mich ersichtlich wird. Mein Blog ist spontan und möchte sich nicht gerne einschränken. Komme wer wolle! Der Tisch ist für alle gedeckt.

Habe ich Vorbilder?

Nein. Menschen, die ich bewundere, werden nicht automatisch zu Vorbildern. Sie alle haben Schwächen. So minimal sie auch im Vergleich zu ihren Stärken erscheinen.

Welche Ratschläge würde ich meinem früheren Lese-Ich geben? Kann man lernen, Bücher besser auszusuchen, zu entdecken und zu genießen? Wie?

Während der Lektüre regelmäßig den Notizblock zu zücken. Vereinzelt erschließt sich etwas, wenn man gerade auf den Bus wartet und in die Leere schaut. Schreib das auf, sonst vergisst dein löchriges Gehirn es rasch! Ansonsten würde ich meinem früheren Lese-Ich raten: Alles kann, nichts muss. Breche Bücher ruhig ab, zu denen du mittelfristig keinen Zugang findest! Gestalte deine Auswahl noch selektiver und versuche zu entdecken, was deine persönlichen sure shots sind oder sein könnten.

Verlage brauchen mich für PR. Sie brauchen mich mehr, als ich sie brauche” …oder “Toll! Autoren und Presseabteilungen suchen Kontakt und bieten mir Bücher an. Was für ein Glück!” Was überwiegt?

Hm, vielleicht sollte man nicht vergessen, dass es eine Intention gibt, warum Verlage dich anschreiben und ordentlich behandeln. Speziell bin ich auf keine Verlage angewiesen, möchte den Kontakt jedoch nicht missen. Es ist schon mehrmals vorgekommen, dass wunderbare Bücher angeboten wurden, die ich nicht auf dem Schirm hatte und die ohne diese Infos nicht zu mir gekommen wären. Ich schaue aber nicht nach jeder Anfrage freudig in den Spiegel und spreche mir zu, wie toll ich doch sei, indem was ich hier treibe. Insgesamt ist es ein Geben und Nehmen.

Was soll sich tun in meinem Blog und in meinem Leser-/Schreiber-Leben in den nächsten fünf Jahren: Ich weiß es nicht. Ich lasse ihn wie ein Floß im großen Ozean treiben und schaue dann, wo er ankommen wird. Eigentlich soll man sich ja Ziele setzen, ich habe in dieser Hinsicht keine. Außer, dass ich den Blog am liebsten auch über einen längeren Zeitraum hinaus mit Content füttern möchte.

Bei wieviel Prozent der Bücher, die ich gelesen habe, denke ich danach: Mist. Ich wünschte, ich hätte das nie gelesen…? Steigt oder fällt diese Prozentzahl, Jahr für Jahr. Und: Warum?

Die Prozentzahl sinkt durch eine gründlichere Vorbereitung. Warm machen! Anlesen, prüfen, vorfühlen, vergleichen! Mit einer voranschreitenden Kompetenz verfliegt der Mist danach. Das hat auch damit zu tun, dass man lernen muss, häufiger Nein zu sagen.

Was weitere Ausfüller und geschätzte Literaturblogger festhalten:

10 thoughts on “In eigener Sache | #blogfragen

  1. Pingback: Fragebogen für Buchblogger | SchöneSeiten

  2. Pingback: Stefan Meschs #blogfragen für Buchblogger: Unsere Antworten auf (mindestens) 15 Fragen 'zum Mitnehmen und Beantworten'.

  3. Wunderbar! Vieles, was Du formulierst, könnte ich so unterschreiben. An dieser Stelle auch ein Danke für Deine immer wieder Anstösse gebende Buchauswahl jenseits der Long- und Shortlists!

  4. Das Thema Short- und Longlist etc. hatten wir ja schon mal an anderer Stelle. Schön, dass du deine Meinung (die auch meine ist) dazu noch einmal auf den Punkt bringst. Für mich sehr interessante Antworten, zumal wir ja mit unseren jeweiligen Blogausrichtungen auf ähnlich abseitigen Pfaden unterwegs sind. Danke dafür.

  5. Pingback: #blogfragen: Literaturblogs, Buchblogs in 15 Fragen… und 133 Antworten | stefan mesch

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