Olivier Rolin – Der Meteorologe

Eigentlich, ja eigentlich befand sich der Franzose Oliver Rolin 2010 nur für einen Vortrag an der Universität von Archangelsk und verband damit einen Besuch auf den Solowezki-Inseln im Weißen Meer. Dort stieß Rolin auf ein nicht im Buchhandel erhältliches Album der Tochter eines Deportierten, gewidmet ihrem Vater Alexei Wangenheim zuliebe. Bestehend aus Briefen und Zeichnungen, die der Meteorologe seit seiner Inhaftierung 1934 im Solowezki-Lager anfertige, ihr und ihrer Mutter schickte, bis er – wie viele andere – spurlos verschwinden wird. Rolin hatte damit Stoff für ein Buch, erzählt darin das Leben des Wolkenforschers und des Gründers des ersten sowjetischen Wetteramts nach. Er recherchiert, beweist, was Wangenheim zugestoßen ist und wer ihn damals ermordete.

Olivier Rolin - Der Meteorologe

Der Name Wangenheim steht für den Irrsinn, der sich vor allem in den dreißiger Jahren (hier noch vor der »Großen Säuberung« 1936 bis 1938) in der Sowjetunion herumtreibt. Er ist ein Kommunist durch und durch, glaubt an die Partie, verehrt Stalin und tut alles ihm in der Macht stehende für die Ideologie. Der sich nicht erhebt und der niemals Kritik geäußert hätte, weil es für ihn schlicht nichts zu kritisieren gibt – ein kommunistischer Prototyp eben. Der Talent besitzt, förderliche wissenschaftliche Erkenntnisse liefert und seinen Anteil am Aufbau des Kommunismus darin sieht, »dem revolutionären Proletariat zu helfen, die Naturgewalten zu beherrschen«.

Der Naturwissenschaftler beschäftigt sich mit Fakten, interessiert sich für die Pegelstände von Flüssen, den Eisgang, Regen, die Winde, Energiewende, den Einfluss der Wetterphänomene auf die Landwirtschaft und das Leben der Sowjetbürger. Kurz: Er begriff als einer der Ersten, dass der Aufbau eines Imperiums ebenso mit dem Himmel zusammenhängt, den es im Hinblick auf die Landwirtschaft und andere strategische Ziele nicht zu vernachlässigen gilt. Er setzt sich ein, kämpft mit der Bürokratie und den Behörden, damit Wetterdienste in diesem riesigen Gebiet der UDSSR, das über unterschiedliche Zeitzonen und Vegetationen verfügt, etabliert werden. Von seinen Informationen sind Schiffe und Flugzeuge abhängig.

Aber wie so oft in dieser Zeit reichen Verdienste und Ideen nicht aus, um dem eisernen Besen zu entkommen. Eine falsche Tat, eine falsche Beziehung, ein falscher Ausdruck oder ein bei den Haaren herbeigezogenes Gerücht genügt schon, um auf die Abschussliste zu gelangen. Und die da oben reiben sich die Hände, weil sie wieder einen Konterrevolutionären – der in Wirklichkeit NIEMALS einer ist – erwischt und beseitigt haben. Dass dieser Feind dem Staate allerdings helfen könne wie vielleicht kein Zweiter, wollen die Verantwortlichen nicht wahrhaben.

Als Sohn eines Adeligen und Bruder eines Emigranten ist Wangenheim prädestiniert dafür, ins Visier der NKWD zu landen. Im März 1933 wird im Volkskommissariat eine konterrevolutionäre Gruppierung aufgedeckt, im November 1933 wird einer seiner engen Mitarbeiter, Michael Loris-Melikow, in Verhören aussagen, dass Wangenheim der Anführer dieser Komplotteure sei, »ein autoritärer Charakter und Karrierist mit einer feindseligen politischen Einstellung zur Partei«. Im Mai 1934 befindet sich Wangenheim bereits auf den Weg ins Solowezki-Lager. Der Vorwurf: »Organisation und Steuerung der konterrevolutionären Sabotagetätigkeit im Vereinigten Hydrologischen und Meteorologischen Wetterdienst der UdSSR.«

In Haft steigt er zum Leiter der Bibliothek auf. »Es ist eine kleine, bunt gemischte, gebildete, kosmopolitische Gesellschaft, die um die Bibliotheksräume kreist«, bestehend aus Hochintelligenten, Künstlern, Ingenieuren, Philosophen oder Ärzten, die meist alle aufgrund des gefürchteten Paragraphen 58 einsitzen. Der unschuldige Wangenheim wird eine Schuld nicht einsehen können. Er baut Luftschlösser, schreibt Stalin Briefe und zieht sich daran hoch, dass alles nur ein Missverständnis sei und die Sowjetunion ihn doch benötige. Fehlanzeige!

Im Oktober 1937 verlieren sich die Spuren des Meteorologen. 1116 Menschen »verschwinden mit Rauch über dem Schiff in der blutigen Nacht des Großen Terrors«. Niemand könne Auskunft geben, was mit ihm passiert sei. Ihm wäre lediglich ein Briefverbot aufgelegt, antwortet man seiner Frau. Aber Wangenheim wird nie wieder Briefe oder Abbildungen mit Rätseln – die in Rolins Buch auch abgedruckt sind – schicken können. Sein Körper befindet sich irgendwo unter der Erde verscharrt in einem Massengrab. Als etwas Gras über die Sache gewachsen ist, wird Wangenheim posthum 1956 rehabilitiert. Von Nutzen ist das ihm und seinen Angehörigen nicht mehr. Genauso wenig wie die Genugtuung, dass sein vermeintlicher Mörder Oberst Matwejew oder der Chef des NKWD Jagoda selbst irgendwann mit Kugeln in den Köpfen enden.

Olivier Rolin - Der Meteorologe Auszug

Wangenheim ist kein Held, dass demonstriert der Autor immer wieder – er habe kein Denkmal verdient. Nie weicht er von seiner Position ab, nie wird er diesen Umgang mit ihm in Frage stellen: »Man wünscht sich, er wäre hellsichtiger, aufmüpfiger, aber nein, er ist weiterhin ein guter Kämpfer für den Kommunismus, ein braver, mit Ideologie vollgestopfter Sowjet, das Schicksal, das ihm beschieden ist und das er ja keineswegs allein erleidet, scheint seine Überzeugungen nicht zu erschüttern.« Aber auch Rolin sieht diese Feststellung zurecht kritisch: »Es ist leicht, sich zum Richter über die Vergangenheit aufzuschwingen.«

Der Autor, Oliver Rolin, zeigt sich in diesem dokumentarischen Werk als ein Russlandkenner, der selbst nicht spezifizieren kann, was er an diesem gigantischen Land findet. Bei seiner Nachkonstruktion und Recherche verweist er häufig auf Bunin, Tschechow, Achmatowa, Grossmann oder Margolins, konnte sich an das Schicksal des Meteorologen nur mit Hilfe des Petersburgers Vereins Memorial nähern, das ihm zur Seite stand. Wangenheim ist nur einer von vielen, von Aberhunderten und Abertausenden. Er ist nur ein Sandkorn, das in einer Maschine steckte und diese nicht behinderte, aber warum auch immer beseitigt werden musste. Ein Leichnam von vielen, die irgendwo in der Weite der ehemaligen Sowjetunion verstreut sind, die alle nicht gefunden werden und denen nie die letzte Ehre erwiesen werden kann.

Es sind die kleinen Zufälle wie ein Fund eines verstaubten Buches voller Briefe, die manchmal Größeres entstehen lassen. Warum Rolin sich berufen fand, das Leben von Alexei Wangenheim festzuhalten? Dafür findet er eine plausible Erklärung. »Die grausame Geschichte dessen, was ›realer Sozialismus‹ war, ist bei uns immer noch weitgehend unbekannt, und so fehlt uns ein riesiger Teil des Jahrhunderts, aus dem wir kommen und das wir aus Gewohnheit schrecklich nennen.« Zeit, es nachzuarbeiten.

[Buchinformationen: Rolin, Olivier (24. August 2015): Der Meteorologe. Liebeskind Verlag. Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller. Titel der Originalausgabe: Le météorologue (2014). 240 Seiten. ISBN: 978-3-95438-049-7]

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