Zwanzig Mark und sonst nichts – #BloggerFuerFluechtlinge

Anfang der 90er bin ich mit meiner Familie immigriert. Meine Eltern besaßen bei unserer Ankunft ganze zwanzig Deutsche Mark im ansonsten leeren Portemonnaie. Wir hatten also bis auf die paar Kröten fast nichts. Dafür Verwandte im Umkreis, die halfen, die übersetzten, vermittelten, unter die Arme griffen und bei Behördengängen unterstützten. Zu Beginn lebten wir – wie viele – im abseits gelegenen Asylantenheim, der von einem Wald umgeben war. Es war eng, kalt und ein bisschen niederschmetternd, meine ich. Doch war es nur ein Start, ein hoffnungsvoller, wie es sich herausstellen sollte.

Zwanzig Mark und sonst nichts

Mein Vater strebte danach, sofort Arbeit zu finden, was ihm gelang. Eine körperlich anstrengende, Säcke mussten geschleppt und verladen werden. Stundenlange Monotonie, die zehrte. Zum Wohle seiner Liebsten nahm er die Rolle als Ernährer der Familie trotz dieses Traumjobs in Kauf. Wahrscheinlich ist sein mittlerweile kaputter Rücken die Folge dieses Auftakts in der BRD. Mit dem ersten Geld wurde ein alter Audi 80 gekauft – schrottreif natürlich, aber dennoch fahrtüchtig. Viele wunderten sich und waren neidisch.

Meine Mutter, eine Akademikerin, reiste täglich mit dem Zug in eine nahegelegene Großstadt, weil dort spezielle Sprachkurse angeboten wurden, die extra für ausländische Menschen mit universitären Abschlüssen ausgelegt waren. Neben ihr saßen Ingenieure, Doktoren und büffelten. Für eine Integration. Um sprachliche Barrieren so schnell wie möglich zu beseitigen. Bis heute ist sie mit vielen von ihnen befreundet. Auch spricht sie perfektes Deutsch wie eine Muttersprachlerin, die Mutter, von der niemand erahnen könnte, dass sie gar nicht von hier, sondern von außerhalb stammt.

Ich erinnere mich, dass ich nach meinen ersten Tagen im Kindergarten über Kopfschmerzen klagte. Die fremde Sprache und Kultur waren nicht zugänglich, anders und irgendwie nervig, wenn du dich nicht ausdrücken kannst und unverstanden fühlst. Doch Kinder sind besonders lernfähig und können scheinbar am besten mit interkulturellen Problemen umgehen, sie bewältigen. Sie sind resistent und passen sich besser als Erwachsene in einem anderen Umfeld an. Wohl auch, weil sie die Vorurteile und Stereotypen noch nicht begreifen. Es dauerte nicht lange und die ersten deutschen Wörter flutschten nur so.

Ich erinnere mich, dass ich stets den Kontakt zu Menschen mit ähnlichem Hintergrund gesucht habe. Mit solchen, die ebenfalls andere Wurzeln hatten, weil diese uns verbunden haben. So war es nicht verwunderlich, dass ich selbst Freunde besuchte, die dort nach Jahren ihrer Einreise leben mussten. Dort, wo auch wir nach der Emigration unseren ersten Wohnsitz hatten. Es war merkwürdig, durch diese Räume zu schreiten. Einiges wurde geweckt. Mit einem Lächeln verließ ich dieses Haus. Mir schwebte vor, wo wir einst waren und zu was wir gereift sind – wir hatten festen Boden unter den Füßen. Es war Stolz, der geteilt war. Ebenso äußerte sich Mitleid, weil andere vor einer Ungewissheit standen, wohin ihre Reise gehen sollte und wir Gewissheit hatten.

Blogger für FlüchtlingeBei dieser ganzen Flüchtlingsdebatte bemerke ich natürlich diese Idioten, Pegida, (unfreiwillig) Rechten und Konsorten, die – ähnlich wie im Nationalsozialismus – Gründe für ihr eigenes Scheitern in Hassobjekten suchen, statt selbst ihren faulen Hintern zu bewegen und zu erheben. Menschen finden immer wieder Argumente, von sich abzulenken und mit den Finger auf andere zu zeigen. Es ist ihr Naturell. »Ich? Nein, die sind dafür verantwortlich, dass …« Bemerke Einstellungen und Befürchtungen, die sich bis hin zur Hetze, Diskriminierung und zu Rassismus wandeln. Die Sozialen Medien sind voll davon und irgendwie verspüre ich keine Lust, auf solchem Wege dagegen ermüdend anzukämpfen und Minderbemittelte vom Gegenteil zu überzeugen. Von Großmäulern, die in ihrer Anonymität frei heraus trommeln, selbst wie irgendwelche Versager erscheinen, die mit sich nichts anzufangen wissen und für die Bildung ein Fremdwort ist. »Ich? Nein die …« Die argumentieren, dass die deutsche Kultur durch internationale (Flüchtlings)Zuwächse abhandenkommt. Welche genau? Lebst Du diese mit Pommes rot-weiß und Currywurst vor? Die argumentieren, dass ihre reizenden Töchter gefährdet seien, weil männliche Flüchtlinge im Dorf sind und die sicherlich ihre Triebe ausleben wollen, werden und müssen. Die argumentieren, dass es sich gar nicht um Flüchtlinge handelt, sondern um Schmarotzer, die sich an einem ihnen nicht zustehenden Anteil am Steuertopf bedienen wollen, ohne etwas dafür getan und einkassiert zu haben. »Es herrscht doch kein Krieg dort, woher sie kommen …« Die argumentieren, dass sie sich gar nicht mehr so richtig wohl fühlen, wenn nirgends mehr die deutsche Sprache gesprochen werde. Die argumentieren, dass sie Angst von einer Überfremdung haben. Selbst allerdings keine Ahnung davon haben, dass der Opa, der seit 25 Jahren ihr Nachbar ist, tatsächlich namentlich Heinz heißt. In einem demokratischen System, insofern wir noch in einem solchen leben, dürfen diese Befürchtungen geäußert werden. Nein, sie sollen es gar. Kritik auf einer bestimmten Ebene fördert. Solange (körperliche) Gewalt als Demonstrationsform ausbleibt, betrachte ich diese bis zu einem gewissen Grad, vorsichtig ausgedrückt, als legitim, auch wenn ich dieses Scheuklappen-Denken verurteile und eine Gegensteuerung hilft. Pauschalisiert werden sollte allerdings nie – und das wird leider zu oft.

Was richtig anwidert sind dagegen Tatsachenverdrehungen und Aussagen von Personen, die einst selbst in die Bundesrepublik gekommen sind (oder ihre Eltern/Vorfahren) und das, aus welchen Gründen auch immer, scheinbar beiseitegeschoben haben. Die eine Position einnehmen, die nicht mehr tragbar ist und die unheimlich vergesslich, undankbar daherkommt. Die sich beschweren, dass Flüchtlinge so verdammt adrett angezogen sind. Die sich beschweren, dass sie mit den neuesten Autos (ist klar!) fahren, überall mit Smart Phones in der Hand herumlaufen und abhängen. Die sich beschweren, dass sie selbst dafür arbeiten müssen, die da aber für ihr Nichtstun belohnt werden. Leute, wacht auf und denkt bitte dringend zurück, falls es euch möglich ist.

Vergessen tun auch viele, dass sie wie Maden im Speck leben – Leistungsgesellschaft hin oder her. Wenn sie schwerwiegende Entscheidungen treffen müssen. Hm, zu welcher Zigarettenmarke greife ich? Instant- oder Filter-Kaffee? Das Bier aus dem Sauerland oder das Weizen aus Bayern? Einen privaten oder öffentlich-rechtlichen Sender für 20:15? Welches Fleisch soll auf den Tisch, Hähnchen oder Schwein? »Lass uns doch lieber zum Italiener oder Türken.«

Vergessen tun viele, weil es ihnen, im Gegensatz zu anderen, mehr als nur gut geht – sie gucken weg. Vergessen werden viele erst dann nicht, wenn es ihnen nicht so entsprechend geht. Wenn sie herauf, statt herunter schauen müssen. Wenn sie Hilfe benötigen, diese aber nicht bekommen. Wenn sie über ihre eigene Zukunft nicht mehr entscheiden können. Wenn sie selbst einmal – es sei ihnen nicht zu wünschen – irgendwann Ähnliches durchmachen müssen oder durchgemacht haben. Zwanzig Mark und sonst nichts.

***

#BloggerFuerFluechtlinge ist eine Spendenaktion für »Moabit hilft«, die von Karla Paul, Nico Lumma, Paul Huizing und Stevan Paul ins Leben gerufen wurde. Bisher sind bereits über 8.000 Euro eingegangen. Wer ebenfalls spenden möchte, hier entlang. Andere Literaturblogger wie Buchblog um die Ecke, Bücherwurmloch, Kaffeehaussitzer, Literaturen, lustauflesen, lust zu lesen, Sätze&Schätze, sounds&books oder Zeilenkino haben dazu ebenfalls lesenswerte Beiträge veröffentlicht.

Wer nicht spenden kann oder möchte, sollte Alternativen suchen, sich einzusetzen – das ist die Intention dieses Textes. #BloggerFuerFluechtlinge sollte, unabhängig von »Moabit hilft«, zu einem Hashtag reifen, der eine Appellfunktion verinnerlicht und zum Handeln sowie Helfen bewegt.

14 thoughts on “Zwanzig Mark und sonst nichts – #BloggerFuerFluechtlinge

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  5. Danke für dein bewegendes Statement!! Und Danke dafür, dass du uns an der Geschichte deiner Familie teilhaben lässt. Es ist bewundernswert, wie ihr die schwere Zeit bewältigt habt. Viel mehr sollten ihre Stimmen erheben, viele Stimmen ergeben einen Chor – und bald wird sie niemand mehr überhören können, die Stimme der bislang schweigenden Mehrheit.

    • Viel mehr sollten ihre Stimmen erheben, viele Stimmen ergeben einen Chor – und bald wird sie niemand mehr überhören können, die Stimme der bislang schweigenden Mehrheit.

      So ist es. Schweigen hilft in diesem Fall nicht weiter!

      Liebe Grüße

  6. Hi Muromez! Deine Geschichte kommt mir sehr, sehr bekannt vor. Meine lief da sehr ähnlich ab. Als ich im Alter von sechs Jahren nach Deutschland kam, musste ich allerdings zunächst mit einem Kulturschock fertig werden. Zur Schule ging ich sehr ungerne. Und das lag nicht nur daran, dass ich nur wenige Worte verstand. Auch ich suchte den Kontakt zu Kindern, denen es ähnlich ging. Ich finde es sehr mutig von dir, dich hier zu öffnen und die Geschichte deiner Familie zu erzählen. Zu Zeiten wie diesen ist dies sicher ein wichtiger und richtiger Schritt. Danke dafür!

    • Hallo Alexa,

      ich finde, dass viel mehr Leute ihre eigene Geschichte erzählen und den Mut dafür aufbringen sollten. Das sensibilisiert und sorgt dafür, dass verstanden wird. Glaube, dass sich so einige Lebensläufe ähneln, ohne dass es den Personen dahinter vorher wirklich auffällt. Dir vielen Dank für deinen wohltuenden Kommentar, der motiviert.

      Liebe Grüße

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