Die Frau mit den 5 Elefanten

Die Haare grau, der Rücken gekrümmt und die Augen, die Weisheit versprühen, trüb. Swetlana Geier ist über 80 als dieser Dokumentarfilm gedreht wird. Er zeigt ein außergewöhnliches Leben einer Kulturvermittlerin und Übersetzerin. Entstanden ist eine Biografie der Grande Dame, die u.a. Tolstoi, Bulgakow und Solschenizyn ins Deutsche übersetzt und sich seit den 90ern auf Fjodor Dostojewski spezialisiert hat. Die fünf bedeutendsten Schriften wie »Verbrechen und Strafe« neu übertrug und korrigierte. Mehrere tausend Seiten mussten dafür umgeschlagen, internalisiert werden, bis diese fünf Elefanten, wie Geier sie nennt, bezwungen werden konnten.

Die Frau mit den 5 ElefantenDie stärksten Momente hat der Film, wenn die Kamera auf den Alltag gerichtet ist. Nicht, dass die Stellen, in denen übersetzt wird, nicht sehenswert wären, nein. Eine andere Dimension nimmt die Biografie an, wenn Geier kocht oder Tee trinkend metaphorische Bilder auspackt. Wenn sie Dostojewskis Werke mit einer Zwiebel vergleicht, das Bügeln und damit verbundene Glätten mit dem Übersetzen gleichsetzt, behauptet, dass sie für Pausen zu alt, dem Leben noch so viel schuldig sei, oder das Wort Sehnsucht auf der Zunge zergehen lässt, weil es sie begeistert. Diese Szenen vermitteln nicht nur den Eindruck einer Frau, für die Altersschwäche ein Fremdwort ist, die voller Energie strotzt und Charme ausstrahlt, sondern verkörpern auch einen gewissen Enthusiasmus und Intellekt.

Und doch stößt auch Geier manchmal an ihre Grenzen, als ihr Sohn sich schwer verletzt und durch den Unfall umkommt. Wenn sie einer Mitarbeitern, die auf einer alten Olympia-Schreibmaschine tippt, diktiert. Angesichts der Pluralität, schließlich bewegen sich die Texte, wenn sie hochwertig sind, und der beiden Sprachen, die häufig nicht kompatibel sind. Das Geheimnis einer gelungenen Übertragung? Man müsse den Text im Herzen verinnerlichen, meint Geier, auch wenn das Original immer unerreichbar bleibe. Vor allem müsse man lesen lernen. Richtiges Lesen, versteht sich.

Meine Lehrerin hat immer gesagt: ‚Nase hoch beim Übersetzen‘. Das heißt, man übersetzt nicht von links nach rechts, wie die Sprache läuft, sondern nachdem man sich den Satz angeeignet hat. Er muss nach Innen genommen, ans Herz gelegt werden. Ich lese das Buch so oft, bis die Seiten Löcher kriegen. Im Grunde kann ich es auswendig. Dann kommt ein Tag, an dem ich plötzlich die Melodie des Textes höre.

Swetlana Geier, die ein Jahr nach der Veröffentlichung des Films 2008 mit 87 verstarb, ist nicht nur eine der wichtigsten Übersetzerinnen Deutschlands gewesen, gleichsam war sie eine Zeitzeugin, was die Doku verbindet. Gemeinsam mit ihrer Enkelin reist sie nach ihrer Flucht 1943 darin zum ersten Mal in ihr Geburtsland Ukraine. Besichtigt das Grab ihres Vaters, der ein politischer Häftling war, durch den stalinistischen Terror und die Folter starb. Ihre ehemalige Wohnung.

Geier hat miterlebt, wie die Nationalsozialisten Kiew erobern, in der Schlucht Babyn Jar ein Massaker anrichten, bei dem zahlreiche Juden beseitigt werden. Sie kooperiert mit den Deutschen, arbeitet für sie als Übersetzerin. Ihr wird ein Studienplatz in Deutschland versprochen, den sie schließlich zugesprochen bekommt. Sie siedelt um, weil für eine Deserteurin ohnehin kein Platz in der Sowjetunion ist.

Vor allem zeigt der Film auch, wie sehr Swetlana Geier die Sprache geliebt hat – einzelne Wörter und die Poesie. Der Regisseur Vadim Jendreyko hält sich dabei größtenteils zurück, nur selten ist eine Off-Stimme zu hören. Das verstärkt die Wirkung, denn Bilder sprechen häufig für sich selbst. In diesem Fall kommen sie einer Frau nah, die sicherlich kein zweites Mal in dieser Form geboren werden wird.

12 thoughts on “Die Frau mit den 5 Elefanten

  1. Toller Film. Hab ich mal vor etlichen Jahren gesehen. Und ihre Dostojewski-Übersetzungen sind heute mit am Besten zu lesen. Danke für den tollen Beitrag,
    viele Grüße, Gerhard

    • Ja, er lief auch mittlerweile ziemlich oft im TV. Hab mir allerdings die DVD zugelegt, die ein wunderbares Booklet enthält und auch so optisch wunderbar aussieht. Ihre letzte Übersetzung, die es mir angetan hat, war die von „Untertauchen“. Da hat sie ebenfalls ordentliche Arbeit geleistet. Kann mir vorstellen, dass das für sie eine Herzensangelegenheit war, weil es darin ebenfalls um stalinistisches Unterdrücken ging, was ihrem Vater letztlich das Leben gekostet hat.

      Viele Grüße zurück!

      • Vielen Dank für die Anmerkung. Stimmt, in arte lief er glaub ich inzwischen schon öfter. Hat er auch verdient.
        Viele Grüße,
        Gerhard

  2. Vielen Dank, dass du auf diesen wunderbaren Film aufmerksam machst. Der Kinoabend wird mir in Erinnerung bleiben, zum einen, weil der Film so gut ist, zum anderen, weil nur 5 Zuschauer ihn sehen wollten… LG, Anna

    • Sehr gerne. Es ist sicherlich ein Film, der nichts für typische und durchschnittliche Kinogänger ist. Von daher wundert es mich nicht, dass du dich im Saal breit machen konntest. 🙂 Aber sonst schien der Film relativ erfolgreich gewesen zu sein und wurde in vielen Ländern vorgeführt, was mich nicht überrascht.

      Viele Grüße von der Nordsee und ein schönes Wochenende! 🙂

  3. Pingback: Sonntagsleserin Juli 2015 – Teil 1 | buchpost

  4. Sie hat ein charmantes Lächeln, etwas verschmitzt. Swetlana Geier, der Name ist mir bekannt, aber vom dokumentarischen Film wusste ich nichts. Und während ich deine Worte lese, geht auch mein Herz auf. Ganz ehrlich. Ich habe die DVD Box gerade eben bestellt und sende liebe Grüße. 🙂

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