Davide Enia – So auf Erden

Einen rasanten und etwas anderen Coming-of-Age-Roman präsentiert der sizilianische Dramaturg, Schauspieler, Regisseur und Autor Davide Enia, der mit »So auf Erden« sein Debüt vorlegt. Darin wird nicht nur die steile Karriere eines jungen Boxers verdeutlicht, der sich den Problemen des Heranwachsens stellen muss, auch die schicksalhafte Geschichte seiner Familie wird erzählt. Ein Ringen mit der Vergangenheit und der Gegenwart, in einem Milieu, in dem der weiche Kern ertastet werden kann.

Davide Enia - So auf ErdenEs benötigt etwas Eingewöhnungszeit, um mit Enias Schreibe klarzukommen. Zu häufig wird mit der Tür ins Haus gefallen, zu häufig die Perspektive gewechselt. Das wirkt anfangs alles etwas sprunghaft, chaotisch und anstrengend – bis zu einem gewissen Punkt. Sobald man sich mit dem Stil angefreundet hat – zwei Seiten können drei Erzählstränge anreißen –, gibt es keine Hintertür mehr.

Im Mittelpunkt steht der Halbwaise Davidù, der inmitten von Polizeisirenen, die Mafia lässt grüßen, trotzallem wohlbehütet in Palermo und den 80ern aufwächst. Die Bezugspersonen sind seine Großeltern und der Onkel Umbertino, Besitzer einer Boxschule. Davidù, der Poet, tritt an der Seite seines treudoofen Freundes Gerruso in die Fußstapfen des verstorbenen Vaters, der Paladin genannt, und steigt ebenfalls in den Ring, um den Fluch zu besiegen: Keiner aus seiner Familie durfte sich je Italienischer Meister nennen und das soll er nun ändern.

Enia verbindet dabei typische südländische Klischees, die omnipräsent sind. Der homophobe Onkel ist auf dem ersten Blick ein klassischer, oberflächlicher Machismo und Chauvinist, der Huren bevorzugt. Mit seiner eigentümlichen Weltanschauung gibt er Davidù Ratschläge und Weisheiten fürs Leben mit, die er zum Glück nicht alle für bare Münze nimmt. Durch das schwierige Verhältnis mit Nina kann er dann seine eigenen Erfahrungen mit Frauen sammeln und erfährt, dass eine Beziehung komplizierter ist, als einen Gegner mit den Boxhandschuhen umzunieten.

»Liebes Herz, es geht gar nicht darum, was du weißt oder nicht weißt, sondern darum, was du willst. Es gibt kein Recht auf Eigentum an anderen Menschen. Wenn du mit einer zusammen bist, besteht ein Pakt. Wenn du nicht willst, dann sind wir frei. Die Verletzungen des Fleisches – Nadel und Faden, und schon bluten sie nicht mehr. Die Verletzungen der Seele dagegen sind wahre Blutfontänen. Du musst dir darüber klar werden, was du wirklich willst.« (S. 322)

Darüber hinaus werden die Geschichten und Legenden einer Generation erzählt, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wenig zu lachen hatte. Die des schweigsamen, in sich gekehrten, zähen Großvaters Rosario, der im 2. Weltkrieg kämpfte und in Afrika zum Kriegsgefangenen wurde. Die des Onkels, den eine Bombe nur nicht traf, weil er gerade mit einer Prostituierten zu Gange war und der von einem amerikanischen Deserteuren, dem Neger, das Box-Einmaleins eingetrichtert bekam. Davidùs Duelle werden mit diesen Szenen verglichen, wenn der Autor die Kamera gekonnt und passend schwenkt – eine besondere Erzähltechnik.

Entstanden ist ein Erstling, der Blut, Schweiß und Tränen in diesem Entwicklungsroman vereint. Trotz dem Kitsch am Rande, kann »So auf Erden« reichlich Humor und Tiefe nachgewiesen werden, auch weil die Protagonisten Rückgrat besitzen und Davide Enia mehr als einen ordentlichen Prosaisten verkörpert.

[Buchinformationen: Enia, Davide (September 2014): So auf Erden. Berlin Verlag. Aus dem Italienischen von Moshe Kahn. Titel der Originalausgabe: Così in terra (2012). ISBN: 978-3-8270-1220-3]

5 thoughts on “Davide Enia – So auf Erden

    • Ja, ist es mir auch fast. Hierbei war es mal wieder so, dass das wunderbare Cover meine Aufmerksamkeit geweckt hat. 😉 In Deutschland scheint der Autor aber ansonsten scheinbar noch nicht so angekommen zu sein wie in seiner Heimat. Nur sehr wenige hiesige Kritiken lassen sich zu diesem Werk finden … Eigentlich schade!

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