Eduardo Halfon – Der polnische Boxer

Vorweg, Boxen ist nicht das zentrale Thema dieses Buches, was man ja nicht von ungefähr glatt meinen könnte, denn das Cover und der Titel täuschen ein wenig – der osteuropäische Boxer kommt im Werk von Eduardo Halfon nur vereinzelt vor. Stattdessen hat Halfon, geboren in Guatemala und mittlerweile in Nebraska lebend, einen vielschichtigen und gleichzeitig überraschenden Roman vorgelegt, der für mich gleichzeitig ein Geheimtipp ist.

In zehn Runden erzählt Halfon GeschichEduardo Halfon - Der polnische Boxerten, die offensichtlich nicht immer miteinander verknüpft sind, aufeinander aufbauen und bezieht seine Person mit ein. Schon eingangs wird die Verfahrensweise Halfons deutlich. Er selbst mimt einen Dozenten für Literaturwissenschaft (auch in der Realität übt(e) er diesen Job aus) und stößt auf Juan Kalel, der abrupt, ohne jeglichen Grund sein Studium abbricht und sich von seinen Kommilitonen unterscheidet, die kaum etwas mit Literatur, Poe, Hemingway oder Tschechow anfangen können. In dieser Handlung jedenfalls stellt Eduardo Auszüge aus seinem Unterricht dar. Für ihn sei ein Schriftsteller erst dann genial, wenn er die Sprache so verwende, »dass eine feine, flüchtige Metasprache daraus werde«. Diesem Konzept folgt Halfon im weiteren Roman stetig und der Leser versucht, den Code zu entschlüsseln. Eine wunderbare Angelegenheit!

Eine Erzählung ist eigentlich eine Lüge. Eine Vorspiegelung. Und die funktioniert bloß, wenn wir uns darauf einlassen. Mit Zaubertricks ist es das Gleiche, sie beeindrucken uns, obwohl wir genau wissen, dass es bloß Tricks sind. Das Kaninchen verschwindet nicht. Die Frau wird nicht durchsägt. Trotzdem glauben wir das. Es handelt sich um eine wirkliche, ehrliche Täuschung. Die Literatur hat Plato geschrieben, ist eine Täuschung, aber der, der uns täuscht, ist ehrlicher, als der, der das nicht tut, und wer sich täuschen lässt, ist klüger als der, der das nicht zulässt. (S. 18)

Eine andere Runde handelt von einem Kolloquium über Mark Twain, eine andere von einer Begegnung mit jüdischen Hippies in einer guatemaltekischen Bar. Eduardo, selbst jüdischer Herkunft, erklärt bei dieser neuen Bekanntschaft, dass er »ein Jude in Rente« sei, was auf völliges Unverständnis trifft. Doch bei diesem Treffen, das eine Mädchen zieht ihn sexuell an, gibt es wieder einen Effekt und Link, eine Verbindung zum Großvater, der auch ein Kapitel abbekommt und Auschwitz nur überlebte, weil ihm scheinbar (mehr wird an dieser Stelle nicht verraten) ein polnischer Boxer in der Zelle half.

Beim Pinkeln stellte ich fest, dass ich bereits eine leichte Erektion hatte, obwohl ich angetrunken war. Danach, beim Händewaschen, musste ich an meinen Großvater denken, an Auschwitz und an die fünf grünen Zahlen, die in seinen Unterarm tätowiert waren. Als Kind hatte ich geglaubt, sie stünden dort – er selbst hatte das behauptet –, damit er jederzeit seine Telefonnummer parat hätte. Und auf einmal hatte ich fast ein schlechtes Gewissen, warum auch immer. (S. 87)

Der Auftritt der Figur Milan Rakić, einem serbischen Pianisten, sorgt schließlich für reichlich Bewegung, obwohl in diesem Roman sowieso viel gereist wird. Es entwickelt sich eine Diskrepanz. Während Eduardo das Judentum so weit wie möglich hinter sich lassen möchte, sehnt sich Rakić nach seinem Ursprung. Rakić selbst, halber Zigeuner, halber Serbe, bewegt sich damit zwischen zwei Kulturen und gehört keiner so richtig an. Die Serben beschimpften ihn einst als Cigo und warfen Steine nach ihm, die Zigeuner bezeichneten ihn als »beschissenen Nichtzigeuner«.

Von ebendiesem Rakić geht eine Faszination aus. Nach seiner Abreise aus Guatemala, sendet er Eduardo, der Tabak und Thelonious Monk liebt, ständig Postkarten, führt ein Nomadenleben. »Ich lebe auf dem lungo drom, was in der Sprache der Zigeuner langer Weg bedeute, Weg ohne festes Ziel und ohne Rückkehr. Ich bin eine Ein-Mann-Karawane.« Die Inhalte dieser Sendungen sind kleine Rätsel, handeln aber oft von der Kultur der Zigeuner: »Wir Zigeuner, Eduardito, besitzen drei große Fähigkeiten – Musik machen, Geschichten erzählen, und die dritte ist ein Geheimnis.« Das Geheimnis von Rakić? Er möchte nichts anderes als ein Teil der Zigeunerwelt sein, doch die Tür ist ihm versperrt, da er nicht akzeptiert wird. Als Eduardo keine Nachrichten mehr von Rakić erhält, beschließt er ihn im Belgrad der Nachkriegszeit ausfindig zu machen, das Gespenst zu suchen und taucht damit tief in die Zigeuner-Community ein.

In der vorletzten Runde sinniert Eduardo über das Thema (»Die Literatur zerreißt die Wirklichkeit«) eines Vortrags: »Literatur muss sich selbst zerstören, um sich anschließend aus ihren eigenen Bruchstücken aufzubauen.« Ein wunderbarer Anknüpfungspunkt, der möglicherweise die Intention des Romans erklärt, denn bei Halfon zerfließt alles: Realität, Fiktionalität, Autobiografie. Gab es den Großvater wirklich, gab es Milan Rakić? Was ist mit Halfons Freundin, die nach dem Akt stets Zeichnungen von ihren Orgasmen skizziert? Was ist frei erfunden, was tatsächlich passiert, was Faktum? »Ich habe die Schreibmaschine ins andere Zimmer gestellt, so kann ich mich beim Schreiben im Spiegel sehen.« Dieses Zitat von Henry Miller steht auf der ersten Seite und man fragt sich tatsächlich, wie oft der Autor aus dem Spiegel herauskommt.

Beim Schreiben wissen wir, dass es in Bezug auf die Wirklichkeit etwas sehr Wichtiges zu sagen gibt, und wir wissen auch, dass dieses Etwas durchaus erreichbar ist, es befindet sich ganz in unserer Nähe, auf der Zungenspitze, und wir dürfen es nicht vergessen. Aber wir vergessen es trotzdem jedes Mal, zweifellos. (S. 205)

Wie ein Jongleur geht Eduardo Halfon in seinem Buch vor. Mal schwebt ein Traum in der Luft. Mal zeigt er, wie sich die Figur versucht zu finden und zu verwirklichen. Und Halfon ist ein außerordentlicher Artist, der sein Handwerk versteht. Fast könnte man meinen, dass Musik, Religion, Ethnie, Sex und die Sache mit der Fiktion/Realität etwas zu viel für so einen kurzen Roman wären. Könnte man … denn Halfon gelingt es, alles zu vereinen. Er formt es zu einem ausgezeichneten Konstrukt, sodass »Der polnische Boxer« bisher zu den Büchern in diesem Jahr gehört, die mich am meisten begeistert und beschäftigt haben – eine literarische Entdeckung.

[Buchinformationen: Halfon, Eduardo (Juli 2014): Der polnische Boxer. Roman in zehn Runden. Hanser Verlag. Aus dem Spanischen von Peter Kultzen und Luis Ruby. Titel der Originalausgaben: El boxeador polaco (2008)/ La pirueta (2010). 224 Seiten. ISBN 978-3-446-24599-0]

4 thoughts on “Eduardo Halfon – Der polnische Boxer

  1. Meine vorläufige Lieblingssequenz »ein Jude in Rente« und die daraus folgende Konfusion, die Du beschreibst: es sieht ganz so aus, als ob dieses Buch etwas für mich sein könnte! Ich habe es auf meine Leseliste ganz nach oben gesetzt. Danke für diesen ausführlichen Überblick 🙂

    • Jupp, unsere Meinungen stimmen wirklich überein, bemerke ich nun, nachdem ich deine Besprechung gelesen habe. Faszinierend, wie aus einer eher losen Ansammlung von Geschichten (ungewollt/gewollt?) am Ende ein derartiges, zusammenhängendes Stück Literatur entstehen kann – das hast du noch mal treffend beschrieben.

      Ich zumindest habe den polnischen Boxer mit Genuss aufgesaugt und hoffe, ebenfalls wie du, dass noch mehr hierzulande von Halfon erscheinen wird. Drücken wir die Daumen!

  2. Pingback: Revue passieren lassen | Muromez

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