Deniz Utlu – Die Ungehaltenen

Deniz Utlu - Die UngehaltenenDer Schritt durch eine unbekannte Tür und die Sinnesorgane strengen sich besonders an. So viele Eindrücke wie möglich möchten sie sammeln, sortieren. Ähnlich ergeht es bei den ersten Sätzen in einem Buch, die Aufschlüsse über die Tendenz geben. »Meine Stadt bestand aus zwei Straßen. Die eine führte ins Hühnerhaus, die andere zu Onkel Cemal.« Na, Neugierde geweckt? Meine schon. Derartig gelungen beginnt das Debüt »Die Ungehaltenen« von Deniz Utlu. Es handelt von Integration, Zerwürfnis, Liebe, Trauer und einer Selbstsuche.

Das Leben von Elyas, der kürzlich seinen krebskranken Vater verlor, dümpelt so vor sich hin. Der Deutschtürke lebt in Kreuzberg, schlägt sich die Nächte um die Ohren, hängt bei Onkel Cemal rum, der von der Wende sowie allgemein von damals erzählt, und bekommt trotz seines Talents so gut wie nichts auf die Reihe. Das Jurastudium schließt er wohl nicht ab und arbeiten geht er auch nicht.

Ich dachte über unlösbare Aufgaben nach. Ich fand eine, sie hatte nichts mit Privatrecht zu tun, nichts mit Versicherungen und Bürokratie. Die Aufgabenstellung, die unlösbar war, bestand nur aus zwei Silben, nur aus einem einzigen Wort. Sie hieß: lebe. (S. 64)

Hier und da mal eine Bettgeschichte, dort mal ein Besäufnis. Elyas wirkt trotz seines jungen Alters müde, aggressiv, frustriert und derbe abgefuckt. Zum einen von Berlin (»Ich wollte, dass diese Stadt aufhört.«), zum anderen von Integrationsdebatten (»›Da soll mal keiner behaupten, dass es unseren Einwanderern nicht gut gehe bei uns‹, sagte der Bürokrat […]«). Auf einer Veranstaltung, der Jubiläumsfeier zum 50. Jahr des Deutsch-Türkischen Anwerbeabkommens, zu der er wegen einer Publikation eingeladen wurde, platzt ihm fast vollständig der Kragen, als Türken wie Zirkuspferde in der Manege vorgeführt werden.

Ich hatte das Gefühl, dass ich mit einer Schaufel durch mein Leben gehen konnte, mit einem Kran. Durch meine Gegenwart und durch meine Vergangenheit. Ein großer Komposthaufen, alles angefressen von Würmern. Nur die Zukunft konnte ich nicht wegschaufeln. (S. 95)

Dann lernt er bei dieser Feier die Ärztin Aylin kennen, an der er sofort interessiert ist. Beide verinnerlichen eine Frustration und beide packt der Drang, die eigenen Wurzeln zu erforschen, sie hinter sich zu lassen. Sie beginnen einen Road-Trip durch die Türkei, kommen sich näher. Wandeln auf den Spuren der Eltern. Häuten sich wie eine Schlange, die ihren alten Ballast abwerfen will, um unter anderen, neuen Voraussetzungen zu leben. Eine Art Wiedergeburt.

»Die Ungehaltenen« lässt sich in die Kapitel ›Berlin‹ und ›Türkei‹ unterteilen. Während gerade das erste Kapitel in der Hauptstadt, obwohl es kein Tempo und keinen stringenten Erzählstrang enthält, als besonders stark einzustufen ist, ebbt der Roman leider im zweiten Teil ab, weil er sich dort doch zu sehr verheddert und mir zu wenig Aufklärung betreibt. Anfangs dagegen skizziert der Autor wunderbar den verletzten und verbitterten Elyas, der an etwas nagt – dem Schicksal eines Gastarbeiterkindes – und fast darin zerbricht. Der seit dem Tod seines Vaters, den er nicht betrauern kann, eine Scheiß-Egal-Einstellung verfolgt und am liebsten alles kurz und klein schlagen würde. Mit der Verbündeten namens Aylin wendet sich das Blatt. Beide fühlen sich weder im Hier noch im Dort geborgen. Diese Zwiespältigkeit lässt sich ebenso auf ihre Eltern übertragen.

Deniz Utlu, so scheint es mir, will aber keinen typischen Roman über Integration und die damit verbundenen, bereits durchgekauten Themen auf den Markt werfen, wie es viele vor ihm bereits gemacht haben. Er sucht nach keinen Lösungen und kritisiert genauso wenig, ausgeklammert sei die Betrachtung der hippen Kreuzberger Partyszene und die mangelnde Wertschätzung für ehemalige Gastarbeiter. Vielmehr charakterisiert er intelligente Menschen mit ausländischen Vorfahren, die sich als gescheitert ansehen und zum Teil ihren Platz noch nicht gefunden haben. Utlus Debüt ist in einer simplen, locker-flockigen Sprache verfasst, die an einigen Passagen mit herrlicher Poesie angereichert wurde. »Die Ungehaltenen« bündelt interessante Aspekte, könnte andererseits jedoch genauer, deutlicher und illustrativer sein.

[Buchinformationen: Utlu, Deniz (März 2014): Die Ungehaltenen. Graf Verlag. Ullstein Buchverlage. 240 Seiten. ISBN: 13 9783862200498]

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