Tamta Melaschwili – Abzählen

Tamta Melaschwili – AbzählenIhr Alltag ist grau. Eingeschränkt. Voller Bedürfnisse, die nicht erfüllt werden. Dennoch, der Versuch ist da, das Beste aus der Situation mitzunehmen. Sie besitzen die bunte Fantasie, welche Mädchen in ihrem Alter durch die Köpfe schwirrt. Ninzo und Ketewan, aufgrund ihrer zierlichen Gestalt Zknapi genannt, sind 13 und beste Freundinnen. Leben in einer Konfliktzone – im Krieg.

Das Bild der Menschen beherbergt die Niedergeschlagenheit. Männer gibt es kaum noch welche. Einen Krüppel, der aus vorherigen politischen Auseinandersetzungen Gliedmaßen abgetrennt bekommen und ebenso psychisch einen Knacks weg hat. Einen Säufer, der trotz des Rohstoffmangels an seinen Stoff kommt. Eine Mutter, aus deren Brust kaum noch Milch gesogen werden kann und die sich mittlerweile wünscht, am liebsten mit ihrem Baby im Sarg heruntergelassen zu werden. Einen Schmuggler, der verbotene Substanzen zwischen den Linien transportieren lässt. Kinder, die Interesse für eine Leiche zeigen, deren biologischer Prozess der Zersetzung startete und die das Gehirn ausgepustet bekam. Und mittendrin Ninzo und Zknapi.

Drei Tage von Ninzo und Zknapi sind in der Erzählung niedergelassen. Aus der Sicht von Zknapi, die sie in Tagebuchform festhält. Die Reihenfolge der jeweiligen 24 Stunden springt. Mal etwas zum Mittwoch, mal etwas zum Donnerstag, mal etwas zum Freitag.

Wenn ich bloß meine Augen schließen und nicht mehr aufwachen könnte, mein Gott, wenn wir bloß nicht mehr wären. Sie fliegen und fliegen, können sie nicht mal eine Bombe abwerfen und Schluss machen mit uns allen? Sag ich: Mutter, Mutter, du weckst ihn auf! Sie wiederholt: Sollen sie doch Schluss machen mit uns. Und steckt den Kopf ins Kissen. Ich setz mich aufs Bett. Sagt Mutter: Verflucht sei dein Vater, dass er uns hier allein hat sitzenlassen. Ich sag nichts mehr, leg mich zu ihr, umarme sie von hinten und drück sie fest an mich. Wenn ich nur wüsste, ob er lebt oder nicht, und wann er zurückkommt. Sag ich: Er lebt, Mami. Ich schmieg mich fester an sie. Sie haben die Liste der Toten gebracht. Er ist nicht dabei. Sagt sie leise: Sag, wozu brauche ich ihn lebend, wenn mir das Kind wegstirbt? Es stirbt nicht, Mami, du wirst sehen, bald wird wieder alles gut. Du wirst schon sehen, wie gut alles sein wird. Mein Kopf versinkt in ihrem Haar. (S. 81)

In der trostlosen Welt, in der alle auf die »Öffnung des Korridors« hoffen, gedeihen die beiden Kumpaninnen. Menstruation. Busen. Das Kindliche bleibt vor allem bei Zknapi erhalten. Am Ende steht die Freundschaft unter einem Unstern. Sie bricht wie ein dünner Ast.

Tamta Melaschwili bekam für »Abzählen« und die Schilderung zwischen den Fronten den Georgischen Literaturpreis Saba 2011 für den besten Debütroman verliehen. Ihre Sprache lebt ohne Verschachtelungen. Verinnerlicht kurze, prägnante Sätze. Sie ist eine Reminiszenz an die ersten Gehversuche der Autorin. »Spricht man von der linguistischen Eigenart dieses Textes, von seinem Rhythmus und seiner Authentizität, muss ich an »meine Sprache« aus meiner frühsten Kindheit denken.«

Wo sich die Handlung abspielt, erscheint zweitrangig. Vermutlich der Kaukasuskrieg 2008 in Georgien. Es könnte aber auch ein beliebiges Land sein, wie Melaschwili erklärt. »Mit diesem Buch wollte ich etwas sagen, woran ich schon immer geglaubt habe. Der Krieg im Jahr 2008 hat diesen Glauben in mir noch verstärkt. Ich glaubte und glaube immer noch daran, dass Gewalt keine Nationalität kennt. Auch keine Grenzen. Dass sie überall gleich vernichtend und überall die größte menschliche Tragödie ist. Ich wollte zum Ausdruck bringen, dass die Tragödie, wie sie in Abzählen geschieht, überall passieren kann: in Georgien, Kosovo oder Ruanda. Ich wollte zeigen, dass es außer dem Krieg der Politiker und des Militärs noch einen anderen Krieg gibt, den der Menschen und Kinder. Und eben dieser Krieg ist am grausamsten, auch weil darin soziale Ungerechtigkeit viel stärker zum Ausdruck kommt. Ich wollte auch sagen, dass Mädchen im Krieg immer noch Mädchen sind und dass ihre Freundschaft etwas ganz Besonderes sein kann.«

Keine Salven. Kaum Gewalt. Tamta Melaschwili geht es nicht um Brutalität. Nicht um die Etikettierung von Gräueltaten, sondern um subalterne Menschen, die beiseitegeschoben und ausgeblendet werden, die bei den Machtspielen der Oberhäupter nur mutmaßliche Nebendarsteller sind. Menschen wie Ninzo und Zknapi, die einem ans Herz wachsen. Von der auffallenden, beachtlichen Tamta Melaschwili wird man sicher bald mehr hören – ich hoffe es!

2 thoughts on “Tamta Melaschwili – Abzählen

  1. Lieber Muromez,
    dass ist ein Buch, das ich im vergangenen Jahr sehr gerne gelesen habe und das auf jeden Fall zu den Highlights meines Jahres gehört hat. Die Lektüre liegt schon beinahe ein Jahr zurück, so dass ich gerade erst einmal einen Blick in meine damalige Rezension werfen musste, um sie mir wieder in Erinnerung zu rufen. Besonders gefallen hat mir an dem Buch die reduzierte Sprache – das Buch ist ja auch für das, was es erzählt unheimlich schmal. Schön, dass dir die Lektüre auch „gefallen“ hat, wenn man dieses Wort angesichts des Inhalts verwenden sollte.
    „Abzählen“ ist definitiv ein Buch, dem ich möglichst viel Aufmerksamkeit wünschen würde.
    Liebe Grüße
    Mara

    • Liebe Mara,

      Aufmerksamkeit würde ich „Abzählen“ ebenso gerne wünschen. Glaube allerdings, dass es an dem wuchernden Preis hapert – es sind lediglich knapp über 100 Seiten in einer großen Schrift – dass es nicht weiter ins Scheinwerferlich rückt. 17 Euro sind zu hoch angesetzt! Hatte es in meiner Bibliothek ausgeliehen, bezweifle, dass es ansonsten in meinem „Einkaufswagen“ gelandet wäre.

      Grüße zurück 🙂

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