Sebastian Fitzek/Michael Tsokos – Abgeschnitten

sebastianfitzek/michaeltsokos_abgeschnittenEine Kapsel wird bei einer Obduktion im Kopf einer Leiche mit entfernten Händen und herausgetrenntem Kiefer gefunden. Darin eine Botschaft, eine Telefonnummer. Was an einen neuen Streifen der Filmreihe Saw erinnert, ist der Startschuss für die brutale Schnitzeljagd im Psychothriller Abgeschnitten (Droemer/September 2012).

Der fiktive Rechtsmediziner Paul Herzfeld, der den gleichen Beruf ausübt wie Autor, Professor Dr. Michael Tsokos, ist im Visier der Killer. Nicht nur er, sondern auch seine entführte Tochter, zu deren Mailbox die Nummer führt. Niemand darf informiert, involviert werden, sonst droht ihr der Garaus.

Man musste kein Genie sein, um das Muster zu erkennen: Der Entführer spielte eine morbide Schnitzeljagd. Er spickte seine Opfer mit Hinweisen, die Herzfeld entweder zu seiner Tochter führten. Oder zu ihrer Leiche. (S. 84)

Herzfeld stößt auf weitere Leichen. Alle beinhalten Symbole, Zeichen und sollen ihm bei Richtigdeutung, die Fährte zu seiner Tochter zeigen. Dabei bewegt sich die Narration rasant auf der Überholspur. Action, Action und nochmals Action. Keine Zeit durchzuatmen. Neue, zugerichtete Tote, viel Blut, Brutalität und Gewalt. Und mittendrin Professor Herzfeld, der nicht nur sezieren kann, sondern eben auch ordentlich kombiniert und geschickt für jede Sackgasse eine Lösung findet.

Trotz des dringlichen Hinweises niemanden einzuschalten, schon gar nicht die BKA, weiht Herzfeld dennoch einige ein. Comiczeichnerin Linda, die von ihrem Ex-Freund, einem Stalker, flieht, sich genau wie der Hausmeister des ansässigen Krankenhauses, Ender, auf Helgoland befindet und aufgrund eines Sturmtiefs nicht weg kann. Sie muss mehrere Leichen obduzieren, da auch Herzfeld nicht auf die Nordseeinsel gelangen kann. Mit Herzfelds Anweisungen übers Telefon öffnet sie die Toten und findet weitere Wegweiser.

Gerade aus solchen Szenen hätte man noch mehr herausholen können, wenn man einen renommierten Rechtsmediziner in seinem Autorenstab hat, der expliziter aus dem Nähkästchen plaudern könnte. Vielen haben sich die Nackenhaare gesträubt nach diesen Darstellungen. Mir nicht – bin ich zu abgehärtet? Mit bildhafter Sprache wurde kaum gearbeitet. Sie hätte sich gelohnt. Sicherlich, sind die Obduktionsbeschreibungen keine leichte Kost, aber leider (mir) buchstäblich nicht eindringlich genug. Stattdessen werden anatomische Regeln, wie, dass die eigene Zunge nicht verschlungen werden kann, erläutert.

Ingolf von Appen ist ein weiteres (eigentlich recht unnötiges) internes Fahndungsmitglied von Herzfeld. Der gegellte Praktikant mit Millionen auf dem Konto, Sohn eines Senators, BWL-Student und Porsche Cayenne-Fahrer „ermittelt“ ungewollt an Herzfelds Seite und begibt sich ebenfalls in Todesgefahr. Infolgedessen merkt/-en der/die Entführer natürlich nicht, dass Herzfeld gezwungenermaßen doch wen in Kenntnis setzte.

Während Herzfelds Suche kritisiert Abgeschnitten das hiesige Rechtssystem und stellt es moralisch infrage. Kinderschänder bekommen nur einige Jahre, werden wegen guter Führung früher entlassen und dann zu Resozialisierungsmaßnahmen geladen. Anders dagegen sieht es bei Veruntreuungen aus, wo die Zügel viel fester angezogen werden. Es spricht für die Schreiberlinge, dass nicht nur Psycho, Terror und Spannung vereint werden sollten, sondern auch diese Thematik, die jedoch nicht immer kohärent wirkt.

Anfangs wollte der Funke bei Abgeschnitten nicht überspringen, da alles in einem hastigen Tempo geschieht. Man kann das so deuten, dass dem Protagonisten ebenfalls wenig Zeit bleibt, seine asthmakranke Tochter zu befreien. Irgendwann fesselte Abgeschnitten dann doch – zumindest als ich merkte, den falschen Täter auf dem Schirm gehabt zu haben. Zum Ende und Finale hin folgte wieder Ernüchterung. Zu viele Verstrickungen, Wendungen und weiteres, unnötiges „noch-einen-draufpacken“.

Um Abgeschnitten von der Außenwelt zu sein und sich in einen Leserausch zu steigern – dafür reicht Sebastian Fitzeks und Michael Tsokos Thriller trotz einiger gelungenen Stellen nicht ganz aus. Die Essenz zielt darauf ab, dass Ekel und Schockstarre ausgelöst werden sollen, was bei immunen und resistenten Gemütern auf Widerstand stößt. Das Sujet funktioniert glasklar nur bei einer fiktiven Einordnung und mit reichlich viel Fantasie. Lässt man diese Aspekte jedoch außer Acht, kann Abgeschnitten kurzweilige Unterhaltung mit einer kleinen Spur Nervenkitzel bedeuten.

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