Wolfgang Herrndorf – Tschick

wolfgangherrndorf_tschickEin Bildungsroman in Form eines Roadmovies. Ganz nach der Art Huckleberry Finn und Tom Sawyer. Statt aber mit einem Floß reisen beide Figuren in einem geklauten, blauen Lada. Mit Lobeshymnen überschüttet. Mit Auszeichnungen geehrt. Aber zu Recht dieser monströse Hype um „Tschick“?

Zwei pubertierende Sonderlinge begegnen sich. Der eine, Maik, rennt bis dato mit einer sozialen Phobie durchs Leben. Manchmal Psycho gerufen, meist aber den Stempel des Langweiligen tragend – ein Unbeachteter, der seinem Umfeld als Durchsichtiger daherkommt. Die adrette Tatjana, seine heimliche Abgöttin, registriert ihn absolut nicht. Mutter Pichlerin, die an einem schlechten Tag auch mal mit dem Küchenmesser hantiert. Vater kurz vor seinem finanziellen Ruin, der sich lieber mit seiner jüngeren, heißen Assistentin vergnügt, als sich um die pubertären Probleme seines Sohnemanns zu kümmern.

Der andere, Tschick, eigentlich Andrej Tschichatschow, dagegen ist ein russischer Spätaussiedler, ein „Asi“ – ein „jüdischer Zigeuner“. Manchmal besoffen in die Schule kommend, mit einem „Mongolengesicht“ und Kleidung von Kik ausgestattet, umringt ihn die Aura eines nebulösen Mafiamitglieds.

Und da beginnen die Sommerferien und Klassenkamerad Tschick fährt mit einer Karre lässig beim deprimierten Maik vorbei. Im Gepäck ein Vorschlag, in die Walachei zu seinem Großvater zu reisen. Ohne Führerschein, ohne geografisches Wissen – mit einer „geliehenen“ Karosserie.

Tschick lädt Maik nicht nur einfach auf eine Reise ein. Während dieser macht das lyrische Ich, Maik, einen Prozess der Reife durch. Die Sichtweise zur Natur verändert sich. In ihm lodern die Wünsche nach Freiheit, der Ferne und der sinnigen Freundschaft auf, welche befriedigt werden. Die eintönige Norm zu brechen, der Monotonie ein Ende zu bereiten, die weite Welt zu erobern – das macht den Reiz dieses Abenteuers aus.

Dabei versuchte Autor Wolfgang Herrndorf seinen Protagonisten auch, die Sprache der Jugend zu verpassen. Der Jargon, äußert fragwürdig, ob er im Alltag derartig angewendet wird, ist meist jedoch verfehlt („superporno“, „alter Finne“) und stellt oft Klischees (wie auch die stereotype Figur des Tschick) dar. Dennoch gelingen ihm manchmal heitere Gesprächsfetzen, seine drolligen Beschreibungen der Aktionen der weltfremden Vagabunden sind aber bei weitem wertvoller:

Ich stellte mich an den Straßenrand, und Tschick musste zwanzigmal an mir vorbeifahren, damit ich gucken konnte, wie er am erwachsensten rüberkam. Er legte beide Schlafsäcke als Kissen auf den Fahrersitz, setze meine Sonnenbrille wieder auf, schob sie ins Haar, steckte eine Zigarette in seinen Mundwinkel und klebte sich zuletzt ein paar Stücke schwarzes Isolierband ins Gesicht, um einen Kevin-Kuranyi-Bart zu simulieren. Er sah allerdings nicht aus wie Kevin Kuranyi, sondern wie ein Vierzehnjähriger, der sich Isolierband ins Gesicht geklebt hat. Am Ende riss er alles wieder runter und pappte sich einen kleinen, quadratischen Klebestreifen unter die Nase. Damit sah er aus wie Hitler, aber das wirkte aus einiger Entfernung tatsächlich am besten. Und weil wir eh in Brandenburg waren, konnte das auch keine politischen Konflikte geben. (Wolfgang Herrndorf: Tschick. S. 106-107)

Ein Jugendbuch, zugleich für Erwachsene, soll „Tschick“ sein. Kann es – zumindest partiell. Denn es fordert zum Kopfkino auf. Reminiszenzen an die eigenen „jungen, wilden Jahre“ tauchen auf. Die Entdeckungen, die Erfahrungen, die Enttäuschungen. Alles summiert sich, angeleiert durch Wolfang Herrndorf, vor dem geistigen Auge – die Nostalgie. Dennoch ist der Roman, eher der breiten Masse irgendwie zwanghaft gewidmet als der Hochkultur. Dies muss nicht unbedingt mit Abzügen gewertet werden, darf es auch nicht, wie der Buecherblogger treffend anführt: „Bücher darf man gar nicht erst nur für eine bestimmte Zielgruppe schreiben. Gute Literatur scheint sich einer rigorosen Einordnung immer zu verweigern.“ Die Konsequenz jedoch ist, dass der Stoff kaum einer Herausforderung genügt, anders als die beschriebene Reise für die Charaktere. Für Maxim Biller (FAZ) erschien „Tschick“ so „wichtig für die deutsche Literatur wie (…) Grass‘ verdammte Blechtrommel.“ Ganz so weit würde ich aufgrund dessen bedauerlicherweise nicht gehen …

2 thoughts on “Wolfgang Herrndorf – Tschick

  1. Dieses Buch steht auf meiner “to read”-Liste ganz oben. Ich habe es schon einmal verschenkt. Und vor ein paar Monaten lief das Stück als Kammerspiel im Theater und jede Vorstellung war ausgebucht.
    LG
    Sabine

    • Meinst du zufällig die Inszenierung in Dresden? Verwandte fanden sie großartig. Und das Buch sollte man sich auf jeden Fall zu Gemüte führen.

      Grüße zurück!

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