Artur Klinaŭ – Schalom

So gerade hält er sich über Wasser. Um aber an der Oberfläche zu schwimmen, benötigt es vor allem eins: Umdrehungen im Getränk. Und gleich mit dem ersten Satz dieses Schelmenromans wird mit der Tür ins Haus gekracht: »Am Morgen weckte ihn ein mörderischer Durst.« Freilich, mit einem speziellen Saufbruder haben wir es hier zu tun – ohne Frage. Wie das Debüt des belarussischen Autors, Artur Klinaŭ, mit einem Wort beschrieben werden kann? Ganz einfach, mit: Knaller.

Artur Klinaŭ - Schalom

Auch sonst wird ordentlich geknallt, mehr mit Korken, der Flaschenboden ist anschließend stets parallel zum Himmel gerichtet. Und das Flüssige begehrt vor allem Andrej, ein erfolgsloser Künstler, der diese Geschichte erzählt und einen Road Trip durch Deutschland, Polen unternimmt, bis er schließlich in seinem Tolkien-Land Mordor – Belarus – ankommt, in dem die Orks die Oberhand haben, die kleinen Hobbits quälen, eingrenzen. Die zentrale Figur ist allerdings nicht Andrej, das wäre zu einfach, sondern eine preußische Pickelhaube, die einen Schnitt in Andrejs Leben bedeutet, je nach Betrachtung, für seinen Ab- oder Aufstieg steht.

Sie macht ihn, nachdem er sie auf einem Flohmarkt kauft, zum Soldaten der Kunstarmee, zum Revolutionären und dient als Symbol – als Mittelfinger, der demonstrativ ein Fuck you all! bedeuten soll. Der Vertreter des Nekroromantischen Turboabstraktionismus (WTF?) und selbsternannter Avantgardist hat es satt. Keine Fee im schwarzen Kostüm entdeckt, pusht ihn, sodass seine Stroh-Anfertigungen für Millionen bei Sotheby’s und Konsorten versteigert werden könnten. Denn niemanden verschlägt es nach Belarus, schon gar nicht nach Mogiljow. Dadurch bleibt er selbst ein Niemand, meint er, ein Künstler ohne Namen, d.h. ohne Geld und kein Teil des Spiels.

Dein Leben lang hast du als braver Soldat in der großen Kunstarmee gedient. Deine besten Jahre hast du im Schützengraben verpulvert, auf Märschen, unter Beschuss, in Scheiße, Schlamm und Schuld, auf der Suche nach Sinn und Schönheit. Und was ist der Lohn? Wo sind Ruhm und Anerkennung? Wo sind Titel und Orden? Was hat dir dein Dienst gebracht? Geld hast du nicht. Eine anständige Familie auch nicht. Deine Frau und deine Schwiegermutter verachten dich. […] Du bist ein Künstler! Erkläre der Welt dein Manifest! Mach den Helm zu Projekt! Aufstand! Revolution! (S. 23)

Den Deckel wird er bei dieser Perfomance fortan nicht mehr freiwillig absetzen, komme was wolle. Er verdient damit Geld in Berlin, macht Kontakte in Hannover, unter anderem mit einem Ledernietenengel, bei einem Kampf mit Neonazis dient dieser als Waffe. Doch zurück in seiner Heimat nach seinem Sanatorium ähnlichen Aufenthalt im Westen gehen die Probleme für den Helmmenschen erst richtig los. Die teuren Stiefel hat er für seine Schwiegermutter nicht besorgt, zumindest einer ist übrig geblieben, damit lässt sich der Drache allerdings nicht abfrühstücken. Für die Frau bleibt er eine missratene Schnapsnase, ein Alkoholiker, dessen Portemonnaie mal wieder leer ist. Bei seinen Studenten, die er als Kunst-Dozent unterrichtet, schwirren angesichts seines Kostüms auf dem Kopf die Fragezeichen. Und in der Stadt gehen üble Gerüchte rum. Andrej wird auf der Straße landen, auch weil er seine Kunst nicht an den Mann bringen kann – aber in gewisser Weise ist er erfolgreich mit seiner Demonstration. Meint er.

Was ich meine? »Schalom« ist eine alkoholgetünchte, skurrile und bizarre Satire, die endlich mal wieder die Lachmuskeln immens in Bewegung setzt. Grandios, wie das Finale, in dem Dostojewksi, Gott & Teufel und der Sensenmann, in einer Burka verkleidet, ihm von seinem Weg abbringen möchten. Sprich, ihm endlich dieses Stück da auf seinem Schädel abreißen wollen, das irgendwie schon verwachsen zu sein scheint, seine Umgebung zur Schande, zum Gespött macht. In gewisser Weise ähnelt es mit den Träumen, Monologen und Verweisen Wenedikt Jerofejews »Die Reise nach Petuschki«, der hochprozentigsten Sauftour der Weltliteratur, wenn der Protagonist Karl Marx oder Friedrich Engels beim Vodka-Kauf begegnet. Parallelen zu Joachim Lottmanns »Endlich Kokain«, worin die Kunstszene mächtig verarscht wird, lassen sich ebenfalls feststellen.

Und so könnte man weiterdenken, denn eine Satire hat bekanntlich neben dem Humor, der hier zweifelsohne meinen wunderbar trifft, noch eine andere Wirkung. Artur Klinaŭ, selbst Künstler, könnte die belarussische Kunst-Szene wiedergeben, in der jeder nur säuft und bis zum Tod unentdeckt bleibt, sich mit dem Minimum zufrieden geben muss. Wohin sollte Belarus schauen, auf den Westen oder Osten, wo gehört es politisch hin, wenn es durch seine dargestellten, kulturellen Werte und Strukturen immer noch stark an einen (Ex-)Sowjet-Staat erinnert, der zudem vom Vater und Sauron, Aljaksandr Lukaschenka, geführt wird? Wie sieht es mit dem Konsum aus, wenn Saufgelage wie Schlachten zelebriert werden?

Wenn Artur Klinaŭ im Ostpol-Interview erklärt, dass die belarussische Kultur in Europa überhaupt nicht vorkomme, kann er neben Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch dafür sorgen, dass sich das vielleicht mal ändert. An seinem Stück ist nichts auszusetzen, es vereint Komik, lässt gleichzeitig das Tiefgründige nicht außen vor. Man kann Klinaŭ zu diesem Schelmenroman nur gratulieren, genauso wie dem kleinen, aber feinen Berliner Indie-Verlag edition.fotoTAPETA, der immer wieder in den Osten blickt, Literatur von dort drüben veröffentlicht, auch wenn das meist nicht besonders erfolgsversprechend ist. Dieser Mut sollte jedoch belohnt werden, zweifelsohne, denn »Schalom« ist ein absolutes Highlight, der Blick über den Tellerrand lohnt sich.

[Buchinformationen: Klinaŭ, Artur (2015): Schalom. Ein Schelmenroman. Aus dem Russischen von Thomas Weiler. edition.fotoTAPETA. Titel der Originalausgabe: Шалом (2010). 272 Seiten. ISBN: 978-3-940524-35-5]

[Eine weitere Besprechung gibt es bei Zeichenundzeiten.]

6 thoughts on “Artur Klinaŭ – Schalom

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