Rückkehr zur Monarchie – Andrej Kurkow im Interview

Das Problem mit den Flüchtlingen, der Krieg in Syrien, die Anschläge in Paris und dann eine neue drohende Eskalation zwischen Russland und der Türkei. Vergessen wird dabei oft, dass in der Ukraine nach wie vor nichts geklärt ist, weiter geschossen wird und der Konflikt im Osten des Landes anhält. Andrej Kurkow, der zu den populärsten ukrainischen Autoren gehört, spricht über die dortige Lage. Darüber hinaus erzählt der sympathische und reisefreudige Schriftsteller, der auch häufig in Deutschland anzutreffen ist, unter anderem von seinem neuen Projekt, von der Bekanntschaft mit Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch und von der Verfilmung seines Erfolgsromans »Picknick auf dem Eis«.

Andrej Kurkow

Vor einem Jahr, 2014, haben Sie auf der Frankfurter Buchmesse gesagt, dass Russland die Truppen abziehen muss und keine Waffen mehr ausliefern darf, damit die Ukraine nicht weiter destabilisiert wird. Wie lautet ihre Meinung heute? Was muss passieren, damit der Krieg ein Ende nimmt?

Im vergangenen Jahr hat Russland erneut demonstriert, dass es von ihrem Bestreben und ihren Plänen nicht abweichen will, wobei eine andere Marschroute durchaus möglich gewesen wäre, um die Ziele zu erreichen. Auf der Demarkationslinie im Donbass setzen sich Waffenruhen und Feuergefechte abwechselnd fort. Geschossen wird vor allem in Donezk, aber die ukrainische Armee hat damit nichts zu tun, sie erwidert das Feuer bis auf einige wenige Fälle auch nicht – und hält sich an die Beschlüsse. So beschießen sich unterschiedliche Gruppierungen, sogenannte Landwehrmänner, manchmal weil sie betrunken sind, manchmal aus anderen Gründen. Derweil verschlechtert sich die Situation in den Regionen, die von den Separatisten kontrolliert werden, also in der »Grauzone« und im Donbass.

Russland, so scheint es mir, sendet momentan den Separatisten keine Waffen, aber davon gibt es ohnehin noch genügend. Denn diese werden von Russland nicht wieder entwaffnet. Die Separatisten wissen, dass ihnen bei einer Kapitulation in der Ukraine Prozesse drohen … deswegen sprechen sie sich auch nicht für eine Eingliederung aus, sondern hantieren weiter. Das »Budget« für ihre Aktionen dagegen hat Russland ihnen ausgestellt und es scheint, dass weiter die Rechnungen übernommen werden. Russlands Ziele haben sich jedoch gewandelt: Es geht nicht mehr primär darum, Krieg in der Ukraine zu führen. Es geht vielmehr darum, die Ukraine weiter zu destabilisieren – sowohl wirtschaftlich, als auch politisch.

Stichwort Medienkrieg: Westliche Medien pressen Putin in ein Feindbild und stellen ihn als Diktator dar. Die russischen Medien haben eine komplett andere Meinung, was zu Propaganda-Vorwürfen führt. Wem soll man glauben? Woher nehmen Sie ihre Quellen? Was macht Sie so sicher, dass Putin in diesem Konflikt seine Finger im Spiel hat? Er behauptet ja immer etwas vollkommen anderes wie jüngst auf der Jahrespressekonferenz!

Putin stellt den Lenker dar, er ist damit der wichtigste Akteur im Ukraine-Konflikt. In den vergangenen Jahren hat er die Russische Föderation de facto erweitert: Südossetien und Abchasien, die Krim und fast Teile des Donbass. Auch im Jahr 2014 gab es den offensichtlichen Versuch, gegen die pro-westliche Politik in der Ukraine anzugehen und für Unruhen in Kiew, in den acht Regionen im Osten und Süden zu sorgen – vom Donbass bis zur Gegend nach Odessa.

Wäre ihm das alles gelungen, wäre die Ukraine heute ein zweites Weißrussland. Aber – Gott sei Dank – ging der Plan nicht auf, dennoch herrscht Enttäuschung aufgrund dieses Scheiterns, auch was Transnistrien betrifft. Die Regierung Transnistriens hatte im Frühjahr 2014 offiziell an die russische Regierung bezahlt, damit sie ein Teil der Russischen Föderation werden sollte. Das russische Fernsehen hat mitgeholfen, wie die russische Außenpolitik, die zu Provokationen bereit war.

Was wir nun miterleben, ist eine Rückkehr zur mo­n­ar­chis­tischen Tradition. Die meisten Russen sehen in Putin einen alternativlosen Leader des Staates, er hat eine ähnliche Rolle wie die eines Zaren. Und er versucht sich, ebenso in den Köpfen derartig festzusetzen. Seine öffentlichen Aussagen wie »Wir werden sie in den Toiletten tünchen« (während des Tschetschenien-Kriegs) oder »Russland hat noch nie jemand auf die Knie gezwungen« (zu neuen Wirtschaftssanktionen der USA und Europa) zeigen, dass er von seiner Idee nicht abweichen wird und wie es weitergehen soll: Und der Weg geht in eine Richtung – Expansion.

Was ist die Meinung des ukrainischen Volkes – speziell im Osten? Was hat sich seit 2013 und dem Euromaidan auf den Straßen Kiews geändert?

Dort gibt es immer noch viele Menschen, die Putin und den Kreml verehren. Sie hoffen darauf, dass die russische Armee einmarschiert. Der Anteil dieser Befürworter liegt zum Beispiel in Sjewjerodonezk (Oblast Luhansk), das sich in der Nähe der russischen Grenze befindet, bei 70 Prozent, In Slowjansk (Oblast Donezk) bei 40-50 Prozent. Jetzt schweigen die Personen jedoch und warten ab. Vielen von ihnen glauben nicht mehr an ein künftiges russisches Donbass. Sie bezeichnen sich jedoch nicht als ukrainische Patrioten. Die Politiker und die Vertreter der Wirtschaft verdeutlichen dagegen, um ihre Macht nicht zu verlieren, dass nur noch die Nationalisten ukrainisch sprechen, dass diese, wenn sie sich komplett im Donbass breit machen, versuchen werden, den Leuten beizubringen, dass sie die russische Sprache komplett vergessen müssen und nur noch auf Ukrainisch kommunizieren sollen.

In Kiew geht das Leben weiter – natürlich mit Veränderungen. Neben gewöhnlichen Flüchtlingen aus dem Donbass, die nach Kiew und in weitere größere Städte gezogen sind, befinden sich auch zahlreiche kriminelle Flüchtlinge, nach denen gefahndet wird. Die Sache ist die: Als die Separatisten in Teilen des Donbass die Macht ergriffen haben, haben sie Vertreter der Unterwelt – Drogendealer, Diebe und Plünderer – erschossen. Im Anschluss verbündeten sich die Kriminellen mit den Separatisten und bekamen Zugang zu Waffen – oder sie flohen und suchten Schutz in den Gebieten, die von den ukrainischen Behörden kontrolliert werden. Aus diesem Grund steigt die Kriminalitätsrate in Kiew durch Autodiebstähle, Wohnungseinbrüche und Raubtaten. Über den Euromaidan, so scheint es mir, versuchen die Einwohner nicht mehr zu sprechen. Dieser ist nun ein Stück weit Geschichte. Die Krim-Annexion wird dagegen häufiger thematisiert. Das Thema Nummer eins bleibt aber der Donbass.

Wie bewerten Sie denn die Interventionen Russlands in Syrien?

Ich sehe das als eine Art Rache an Europa für die Sanktionen hinsichtlich des Ukraine-Konflikts. Außerdem soll Syrien weiterhin ein militärischer Partner bleiben, denn dort gibt es schon seit längerem russische Militärstützpunkte, die Russland in dieser Region nicht verlieren möchte. Eines der Hauptziele ist jedoch Europa weiter zu ertränken. Denn mit dem Einmischen Russlands in den Syrien Konflikt steigt auch die Zahl der Flüchtlinge.

Dann kommen wir gleich zur nächsten Frage: Was halten Sie als regelmäßiger Besucher Deutschlands von der Flüchtlingspolitik Merkels?

Neulich war ich in Hamburg und war überrascht davon, wie gut organisiert und effizient die Logistik bei der Aufnahme von Flüchtlingen funktioniert. Sogar bei den Bahnhöfen von kleineren deutschen Städten sah ich helfende Hände und Freiwillige.

Alles was gerade geschieht, erinnert mich an einige biblische Volkswanderungen. Kolonnen von Syrern – Kinder, Frauen und Männer – stehen in Schlangen an Bahnhöfen und warten darauf, dass sie nach Skandinavien geschickt werden. Ich habe eine Gruppe von Syrern gesehen, die von einem Mann angeführt wurde, der ein Schild in die Höhe hielt: Sowohl auf Englisch als auch Arabisch war »Schweden« darauf zu lesen.

Sie gehen offen mit politischen Fragen um, das wird bisher auch in diesem Interview deutlich. Sehen Sie sich in ihren Büchern selbst als politischen Autor, wenn man das »Ukrainische Tagebuch« ausklammert, in dem Sie ihre Eindrücke von dem Euromaidan beschreiben?

In Artikeln für die Presse versuche ich, objektive, politische Kommentare abzugeben. In meinen Büchern bevorzuge ich, Schriftsteller zu sein. Im »Ukrainischen Tagebuch« wollte ich jedoch mehr das Leben der Menschen während des Euromaidan und der Krim-Annexion festhalten, statt jede politische Entscheidung der Ukraine und Europas zu analysieren.

Andrej Kurkow Bücher

Bisher haben Sie ausführlich das Postsowjetische in ihren Romanen aufgegriffen. Können Sie sich vorstellen, den Ukraine-Krieg auch literarisch zu behandeln?

Ich denke, dass jetzt erst die Zeit gekommen ist, über die Katastrophe in Tschernobyl zu schreiben. Jede Tragödie benötigt eine Distanz von zehn bis zwanzig Jahren, um die Tragweite, die Ausmaße zu verstehen und welche Folgen sie für das Leben der Menschen mit sich bringen

Ich schließe nicht komplett aus, einen Roman darüber zu schreiben, der zur Zeit des Ukraine-Krieges spielt. Damit beeilen möchte ich mich jedoch nicht, dafür mehr Essays darüber anfertigen, statt diese Situation in der Fiktionalität zu zeichnen.

Wie ist der Stand der Literatur in der Ukraine? Immer wieder werden vermehrt interessante Stimmen ins Deutsche übersetzt: Serhij Zhadan hat zum Beispiel letztens mit »Mesopotamien« einen hervorragenden Roman vorgelegt.

Serhij Zhadan ist bereits zum einem ukrainischen Kult-Autoren gereift … Die ukrainische Literatur, das kann man festhalten, hat sich in der vergangenen Zeit stark verändert und ist verjüngt worden. Es erschienen eine Menge Bücher über den Maidan und erste über den Krieg im Donbass wurden ebenfalls bereits veröffentlicht. Zum ersten Mal in der postsowjetischen Literatur entstanden Romane über das Thema Krieg und welche, die die sozialen und politischen Probleme aufgreifen. Aber die ukrainische Literatur hat noch zu wenig Einfluss auf die ukrainische Gesellschaft und das ist ihr größter Nachteil. Als hauptsächliche Leser stellen sich Studenten heraus. Die mittlere und ältere Generation dagegen liest praktisch kaum, begegnen Kultur und der Literatur eher mit Passivität – ähnlich wie den Wahlen.

Sie sind, so scheint es, ständig unterwegs: Unter anderem Südafrika, Australien und Japan in diesem Jahr. Wann nehmen Sie sich Zeit zum Schreiben? Inspirieren Sie diese Reisen?

Ja, Reisen laden häufig die Energie auf und sorgen für Ideen. Ich bin es mittlerweile gewohnt, unterwegs zu schreiben. Während ich Ihre Fragen beantworte, sitze ich gerade im Flieger von Kiew nach Frankfurt …

Swetlana Alexijewitsch, die eine ähnliche politische Meinung wie Sie vertritt, hat in diesem Jahr den Literatur-Nobelpreis bekommen. Freut Sie diese Auszeichnung? Sind Sie ihr bereits persönlich begegnet? Kann dieser Preis irgendwas an der politischen Situation in den ehemaligen Sowjetstaaten ändern? »Demokrat« Lukaschenko hat zumindest die Präsidentschaftswahlen in Weißrussland erneut eindeutig für sich entschieden …

Ich freue mich unheimlich für Swetlana Alexijewitsch. Wir kennen uns bereits seit ungefähr zwanzig Jahren und haben uns zum ersten Mal in Paris getroffen, in dem Haus ihrer Übersetzerin Galina Ackerman. Der Nobelpreis erweitert zweifelsohne ihren Leserkreis, sodass mehr Menschen an ihren Gedanken teilhaben und ihre Bewertung der Vergangenheit und Gegenwart mitbekommen werden, die sich tatsächlich mit meinem Geschichtsverständnis decken.

An was arbeiten Sie denn gerade selbst, wenn Sie nicht gerade neue Orte und Länder besuchen?

Seit 2012 schreibe ich an einem Roman über Litauer und Litauen in Europa. Doch im November 2013 unterbrach ich diesen, weil ich auf Non-Fiction umgestiegen bin, Artikel und Essays über die politische Situation in der Ukraine geschrieben habe. Doch nun bin ich endlich wieder zu dem Roman zurückgekehrt und bemühe mich, jeden Tag dafür zu schreiben.

Es hieß, dass Ihr Debütroman »Picknick auf dem Eis« verfilmt werden sollte. Tanya Seghatchian, die an den Harry-Potter-Filmen als Produzentin mitgearbeitet hat, sollte Regie führen. Wie sieht es damit aus?

Ja, Tanya Seghatchian ist die Produzentin, das Drehbuch schrieb ein Amerikaner und es gefällt mir sehr. Ich hoffe darauf, dass das Projekt realisiert wird. Dass »Picknick auf dem Eis« auf den Leinwänden weiterleben kann und nicht nur als Buch, das in 37 Sprachen übersetzt wurde und überaus erfolgreich war.

Vielen Dank, Andrej. Ich wünsche Ihnen alles Gute und freue mich auf Ihre nächsten Romane!

→ Anmerkung: Das Interview wurde am 5. November 2015 geführt und schließt logischerweise die danach folgenden politischen Entwicklungen (Anschläge in Paris, Syrien, Kampfjet-Abschuss in der Türkei, Ukraine-Russland) aus.

→ In diesem Blog besprochene Bücher von Andrej Kurkow:

→ Alle Fotos im Interview stammen von: Muromez.

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