Bescheidenes Quartett

Als vor vierzehn Jahren Marcel Reich-Ranicki und Co das letzte Mal in der Glotze Literatur sezierten, war ich viel zu cool und krass, um dieser Alt-Herren-Runde an der Röhre beiwohnen zu wollen. Die ersten Barthärchen sorgten für anderweitige Interessen. Nun ist die Gesichtsbeharrung ausgeprägter und wird die Farbe demnächst zu grau wechseln. Auch die Menschen in der Sendung »Das Literarische Quartett« sind mittlerweile andere – logisch Neuauflage. Enttäuschen jedoch größtenteils, was sich nicht mit meiner Reife begründet lässt.

Das Literarische Quartett

Ohne viel Trara beginnt die Runde, vier Bücher zu besprechen. Richtig interessant wird es selten, weil selten eine Streitkultur etabliert wird, was zum Beispiel an Christine Westermann liegen kann. Sie bewertet mit »schlecht«, »gut«, »spannend« oder »langweilig«. Große Kunst! Große Literaturkritik! Westermann fragt sich tatsächlich, warum Ilija Trojanow »Macht und Widerstand« nicht mit Hintergrundinfos ausgestattet hat. Weil sie dadurch das Werk scheinbar nicht in den zeitlichen Kontext einordnen kann, nichts über damalige Politikernamen erfahre. Sie fragt sich tatsächlich, warum Karl Ove Knausgård in »Träumen« Bands erwähnt, von denen sie nichts gehört habe. Wenn ich nicht fähig bin, mich genau über so etwas informieren zu wollen, bin ich kein professioneller Leser und habe meinen Job verfehlt.

Spannend, um bei Westermanns Adjektiv zu bleiben, wird es dann, wenn sich Maxim Biller und Gastkritikerin Juli Zeh beim ersten Buch »Der dunkle Fluss« scharf attackieren. Überhaupt sind es Biller und Zeh, die die Sendung tragen, während Volker Weidermann blass bleibt, ihm fehlen die Pointen. Früh nimmt Biller die starke Rolle ein, versucht seine vermeintliche Deutungshoheit mit aller Macht durchzuboxen. Der Mann hat Bock, auch wenn er manchmal wie ein MRR-Abklatsch wirkt. So behauptet dieser ernsthaft, dass Trojanow überhaupt kein Schriftsteller sei. »Holocaust-Kitsch« meint er zu Péter Gárdos »Fieber am Morgen«. Das ist zwar ehrlich (?), mutig, aber dennoch mit zu viel Krawall und Provokation versehen. Dennoch, Zeh und Biller hätte ich noch länger zuhören können, Westermann hat mir ihren Statements auf so einer Plattform nichts verloren und Weidermann plätschert so vor sich hin.

Endstand? 2:2. Zwei Kritiker überzeugen, zwei nicht. Zwingend einschalten muss man bei dieser Konstellation nicht. Weder bin ich zu einer Kaufempfehlung hingerissen worden, noch habe ich einen echten Tipp wahrgenommen, weil lediglich bekannte Bücher Thema waren, oder Entertainment gespürt. Viel zu oft war der Mund offen. Vom Gähnen. Statt heißen Brei, hätte ich mir lieber selbst welchen auf meiner Herdplatte zubereitet. Da wäre ich zumindest in diesem Moment nicht mehr hungrig.

8 thoughts on “Bescheidenes Quartett

  1. Ich habe leider nur den Anfang mitbekommen gestern, meine Müdigkeit hat die Oberhand gewonnen. Nach dem zu urteilen, was du beobachtet hast, ist da wohl noch viel Raum nach oben. Den Querschlägern von Maxim Biller zum Trotz. Mit „Der Weltensammler“ hat Trojanov doch schon längst bewiesen, dass er Schriftsteller kann, wenn er das denn will. Vielleicht ist die Kollagenform zu experimentell um kurz vorm Schlagen gehen noch schnell durchgeblättert zu werden. Vernichtende Kritik ist leicht ausgesprochen, aber bringt sie auch weiter? Ich frage mich, ob es Sinn macht, im Stile eines Reich-Ranicki

    • Viel verpasst hast du nicht! Ja, Luft nach oben muss sein. Was Trojanow und Biller angeht? Wer ist dieser, dass er so einen Schnellschuss tätigen kann? Ein bisschen mehr Respekt darf man erwarten, egal wie man „Autor“ definiert. Diese Aussage fand ich frech, zumal sie ein paar mehr Argumente bedurft hätte. Was die „Vernichtungsabsichten“ angeht: Wirklich hilfreich ist das nicht. Dafür Effekthascherei.

  2. Danke für die Schnellkritik an der Kritikersendung. Mir geht’s gleich, von Weidermann habe ich mehr erwartet, aber er wird sich sicher noch steigern. Er versteht ja sein Business eigentlich. Biller hat mehr Lust an der Provokation als an der Literatur, was für eine Sendung über Bücher nicht besonders gut passt. Frau Westermanns Auftritt war hoffentlich ihr letzter und Juli Zeh sollte sie ersetzen, die hatte nämlich viele intelligente Sätze und Ansichten und wollte über Literatur sprechen und nicht über sich selbst.

    • Schön, dass wir größtenteils übereinstimmen. 🙂 Ja, Biller hat besonders versucht, zu zeigen, welch toller Hecht er sei. Trotzdem hatte einiges Substanz, was er ausgesprochen hat. Weidermann sollte zudem ein wenig an seinen Moderationsfähigkeiten schrauben. Da fiel sich ja ständig wer ins Wort und konnte nicht abwarten. Bei ihm kann man jedoch noch frohen Mutes sein, dass demnächst nicht nur Frisur und Anzug sitzen. Westermann, ohne Worte.

  3. Ach wie gut, dass ich nicht extra so lange aufgeblieben bin. Ich habe wohl nicht viel verpasst. Bei Christine Wetsermann habe ich gelernt, dass ich ihre Empfehlungen getrost im Buchladen liegen lassen kann, sie scheint mehr auf der Wellenlänge „anderer Leserinteressen“ zu liegen. Dazu passt Ilja Trojanow weder vom Umfang noch vom Thema. Und Juli Zeh ist ja der Gast gewesen, der beim nächsten Mal nicht mehr dabei sein wird. Also gibt es dann vielleicht noch mehr Langeweile. Schade. Wie gut, dass wir unsere Blogs haben!
    Viele Grüße, Claudia

    • Dein letzter Satz gefällt mir am besten. 😉 Das Lesen ausgewählter Literaturblogs bringt tatsächlich mehr als dieses Format.

      Viele Grüße zurück!

  4. Pingback: [Die Sonntagsleserin] Oktober 2015 | Phantásienreisen

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