In den vier Wänden von José Saramago

Garten

Es bedarf einige Anlaufschwierigkeiten, um das Häuschen des portugiesischen Nobelpreisträgers José Saramago auf der kanarischen Vulkaninsel Lanzarote und im kleinen Städtchen Tías zu finden. Ausschilderungen wären hilfreich, letztlich und nach ein paar falschen Abbiegungen im beliebten Kreisverkehr, richtet sich der Blick auf ‚A casa‘. Dort lebte Saramago 18 Jahre bis zu seinem Tod 2010 im Exil, nach dem Zerwürfnis mit der erzkatholischen Heimat und seinem Roman »Das Evangelium nach Jesus Christus« (1991), in dem er einen zweifelnden Sohn Gottes dargestellt hat. Die ehemalige Wohnstätte wurde zu einem Museum umfunktioniert und versprüht einen gewissen Zauber. Es wirkt einladend, nicht verstaubt und persönlich. Alles wurde nach dem Tod genauso stehen und liegen gelassen.

Viele Kunstwerke, unter anderem eins von César Manrique, der die Insel wie kein Zweiter geprägt hat, sind zu bestaunen. Im Wohnzimmer hängen Gemälde, die Verbindungen zum Inhalt seiner Bücher haben. Eine Ausgabe von Thomas Manns »Zauberberg« liegt auf dem Tisch, daneben »George Steiner at The New Yorker«. Wer Prunk und Extravaganz erwartet, dürfte enttäuscht sein. Saramago war ein Bestsellerautor und hatte das Konto, um genau das demonstrativ zu zeigen, tat es aber nicht.

Weiter geht es im Arbeitszimmer, wo die ersten Zeilen von »Die Stadt der Blinden« verfasst worden sind. Der Tisch aus Pinien, die Oberfläche aufgeräumt und sorgsam behandelt. An einer Wand hängt eine Kopie der Urkunde, die er anlässlich der Verleihung des Literatur-Nobelpreises 1998 ausgehändigt bekam, auf einer anderen betrachten Portraits von Pessoa, Kafka, Proust, Tolstoi oder Joyce die Besucher. Ein Regal samt Fotografien von seinen Liebsten reiht sich ein. Im nächsten Raum das Sterbebett, in dem der Atheist am 18. Juni 2010 friedlich für immer die Augen schloss.

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Häufig haben Fans zu Lebzeiten an seiner Tür geklingelt. Saramago machte ihnen auf. Nicht nur um Autogramme und Widmungen zu hinterlassen, sondern sie auch in seine Küche auf ein Gespräch und Getränk einzuladen. Meine nächste Station ist dieses Herzstück des Hauses, in dem ich ebenfalls einen portugiesischen, schmackhaften Kaffee genießen darf. Dort, wo bekannte Persönlichkeiten, Politiker, Autoren wie Susan Sontag ebenfalls Rast gehalten haben. Einige wenige Schritte offenbart im Anschluss der Garten voller Palmen, Kiefern und anderen Bäumen eine Perspektive zum Innehalten. In der Mitte befindet sich ein Stein mit einem Stuhl davor, in dem Saramago sitzend den Wind spürte, das Meer betrachtete und seine Gedanken sortierte.

Vor dem zweiten Gebäude, der Bibliothek, steht ein Olivenbaum, ein Symbol für Frieden und Weisheit. Betrete ich diesen Raum, werde ich fast erschlagen. 15.000 Bücher tummeln sich hier, alphabetisch nach Herkunftsländern sortiert, laden zum Stöbern ein. Am liebsten für einige Wochen und Monate. Verführung pur! Saramago schätzte das Analoge und soll gesagt haben, dass auf die Seite eines Buches eine Träne tropfen kann, die zum Bestandteil wird – nicht aber auf einen PC. Über den Audio-Guide folgt dazu eine wunderbare bibliophile Bemerkung.

José Saramago war der Ansicht, man müsse Bücher vorsichtig öffnen, denn sie tragen den Autor in sich, mit seiner Sensibilität und allem, was ihn einzigartig und unnachahmlich gemacht hat. Man müsse mit den Fingerspitzen in einer kameradschaftlichen Geste über die Bücherrücken fahren und den Autoren versichern, dass sie nicht in Vergessenheit geraten und es auch dadurch beweisen, dass man sich um sie kümmert, heute ein Buch, morgen ein weiteres, damit sie nicht verzweifeln, während sie auf uns warten und unsere Aufmerksamkeit fordern.

Wer das Anwesen betritt, wird eine Gastfreundschaft spüren. Vielleicht auf Pilar del Río, Saramagos Ehefrau, die hier immer noch ansässig ist, treffen. Hellen Räumen begegnen. Literatur einatmen. Bücher spüren. Das Gefühl, dass José Saramago dich um die Ecke kommend per Handschlag begrüßt, bleibt haften. Wenn nicht er, ist zumindest seine Aura allgegenwärtig. Fürwahr, es ist ein Haus aus Büchern. Aus Gesammelten und Geschriebenen bestehend.

Ein schönes Video, das noch mal Eindrücke gibt:

Vídeo A Casa José Saramago from A Casa José Saramago on Vimeo.

15 thoughts on “In den vier Wänden von José Saramago

  1. Sehr interessanter Beitrag: Ich finde solche Lebensorte von Künstlern sehr spannend, weil sie auch sehr viel über die Person aussagen können. Danke für die Reise nach Lanzarote, dort wollte ich schon immer mal hin. Saramago wäre da jetzt ein weiterer Grund. Ich mag seine Bücher sehr.

    • Danke, das sehe ich auch so. Gibt etwas von der Persönlichkeit und dem Mensch hinter den Büchern preis – vor allem wenn damit so offen wie bei Saramago umgegangen wird. Und ja, Lanzarote kann und sollte man besuchen! 🙂

  2. Ein schöner Bericht über ein tolles Haus in einer wohl wunderbaren Umgebung. Und so schöne Arbeitsplätze! Ich finde Einblicke in die „Werkstätten“ von Schriftstellern immer gandios.
    Viele Grüße, Claudia

  3. Bin jetzt total sprachlos. Wegen der Schönheit des kleinen Saramago-Films auf Lanzarote und auch wegen deines sehr persönlichen Berichts.
    Bin schon zweimal auf Lanzarote gewesen! Außergewöhnlich, einmalig – eine der schönsten Inseln, die ich kenne. War sogar bei César Manrique im Haus, habe aber leider nicht gewusst, dass auch Saramago auf Lanzarote gelebt hat.
    Ich kann mir gut vorstellen, auf dieser kargen schwarzen Insel zu leben und Romane zu schreiben 🙂

    • Liebe Masuko,

      die Insel hat auch mir bei meinem ersten Besuch gefallen. Die entspannte Atmosphäre, (noch) kein Massentourismus und eine steinige (Mond)Landschaft, die tatsächlich außergewöhnlich ist.

      Manriques ehemaliges Haus habe ich ebenfalls besucht und das war genauso erstaunlich. Dort zu leben, hätte was. Und von Saramago erfuhr ich gleichzeitig – und zum Glück – rein zufällig, wollte die Wohnstätte aber unbedingt anschauen. Vielleicht bietet sich ja noch eine Gelegenheit für dich!

      Beste Grüße

  4. Was für ein schöner Bericht über diese wunderbare Behausung (das Wort stimmh hier so richtig) von Jose Saramago. Der Film über die herrliche Bibliothek hat es mir besonders angetan. Zum neidisch werden schön…

    Danke dafür und liebe Grüße
    Kai

  5. Mir gefällt der Pilgeraspekt und natürlich die wunderbaren Worte zu Büchern und Autoren. Danke fürs Mitreisen-können. Ich werde mir mal wieder „Das Zentrum“ vornehmen. Eine surreale Welt, die Saramago dort beschreibt, und eine Botschaft, standzuhalten.

  6. gerade stolperte ich noch über einen Artikel von April Bbernard in der NYRB vom 22.Dez. 2011: What I Hate About Writers‘ Houses:
    „Here’s what I hate about writers’ houses: the basic mistakes. The idea that art can be understood by examining the chewed pencils of the writer. That visiting such a house can substitute for reading the work. That real estate, including our own envious attachments to houses that are better, or cuter, or more inspiring than our own, is a worthy preoccupation. That writers can or should be sanctified. That private life, even of the dead, is ours to plunder.“ – aber ich denke, es juckt die armen Toten nicht, und wir Lebenden fallen nicht unbedingt unter dies gefällte harsche Urteil.

    • Interessanter Einwurf. Aber was spricht dagegen, wenn der Autor das genauso wollte? Dass seine Schreibstube zur Pilgerstätte wird und nicht verrottet wie ggf. sein Körper unter der Erde? Wie es im Fall von Saramago ist, kann ich nicht genau sagen. Kann mir jedoch vorstellen, dass es angesichts des Charakters seine Intention war, dass die Pforten nach ihm zukünftig geöffnet sein sollten. Seine Frau zumindest, die nach wie vor in Teilen des Hauses wie andere Verwandte wohnt, befürwortet dieses Museum. Es hat sicherlich wenig kommerzielle Hintergedanken, denn was will man schon mit diesen paar Euros Eintritt verdienen? Letztlich bleiben auch die Werke des Autors hängen und weniger das Private, was vielleicht nur ein kleiner Bonus ist. Insofern kann ich diese Abneigung in dem Ausschnitt nicht ganz verstehen.

  7. Pingback: José Saramago – Die Stadt der Blinden | Muromez

  8. ah Lanzarote find ich wundervoll, und ebenso Manriques Arbeit…das Saramago dort wohnte wußte ich allerdings nicht, is aber auch schon lange her das ich dort war..

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