Bruno Schrep – Vor unser aller Augen

Bruno Schrep - Vor unser aller AugenDer deutsche Journalist Bruno Schrep hat sich auf ein Milieu spezialisiert, das nicht täglich in der Medienlandschaft auftaucht. Sein Handwerk: Das Verfassen von Reportagen über Menschen, die im Hintergrund und meistens oft nahe am Abgrund leben. Bruno Schrep schrieb viele Jahre für die Deutschland-Redaktion des Spiegel Magazins und wurde unter anderem mit dem Erich-Klabunde-Preis des Deutschen Journalisten-Verbandes Hamburg ausgezeichnet. Fünf Bücher sind bisher von ihm erschienen, sie enthalten zahlreiche seiner Reportagen in noch einmal überarbeiteter Form. »Vor unser aller Augen – Reportagen aus der deutschen Wirklichkeit« kam 2013 über den S. Hirzel Verlag heraus und beinhaltet 18 Publikationen.

Bruno Schrep verfasst unter anderem Texte über Einwanderer. Der eine, Kurde Djamiel, springt von einem Schiff, da seine Aufenthaltsgenehmigung über die Reling flattert. Der andere, Rumäne Șerban, der auf dem Bau arbeitet und seiner Familie in Südosteuropa Geld schickt, steigt in einen Altkleider-Container, um sich kostenlose Klamotten herauszufischen. Beide sterben. Djamiel, weil er nicht schwimmen kann. Șerban, weil er unglücklich bei seiner Aktion hängenbleibt und nachts in diesem Container erstickt.

Selten – respektive nie – haben Schreps Reportagen einen guten Ausgang. Er nimmt sich Mörder vor, die die Behörden viel zu spät aufspüren. Die nach verbüßten Haftstrafen und nachdem ihr Zustand falsch eingeschätzt wurde, weiter misshandeln und Straftaten begehen dürfen. Folgenschwere Fehler im bürokratischen Rechtssystem, die den Opfern besonders weh tun. Immer stärker ihr Leben verändern und es zur Tortur machen.

Die Verdrängung funktioniert halbwegs, bis sie einen Anruf der Kripo erhält: Andreas K. werde in Kürze entlassen. Frau G. bekommt schwere Herzprobleme, schafft nicht einmal mehr den Weg zu ihrem Arbeitsplatz. „Ich war wie vor den Kopf gestoßen“, erinnert sie sich. „Ich wusste zwar, dass er irgendwann seine Strafe verbüßt hat. Aber ich dachte immer, die können den doch nicht einfach rauslassen. Der kriegt bestimmt Sicherungsverwahrung oder so was Ähnliches, da wird schon irgendwas passieren. Heute weiß ich, wie naiv das war.“ (S. 37)

Die Reportage »One way ticket in die Hölle« berichtet darüber, wie drei Teenager gleichzeitig Suizid begehen. Sie vergiften sich in einem Igluzelt mit Kohlenmonoxid. Versteckt im Wald, weihen sie niemanden ein. Kennengerlernt haben sie sich im Netz, auf einer zwielichtigen Plattform, wo sich lebensmüde Jugendliche unterstützen, endlich den Freitod zu begehen und über die besten Möglichkeiten dafür rätseln.

Eine weitere journalistische Publikation schildert das Leben in einem heruntergekommenen Hochhaus im Hamburger Stadtteil Eilbek – »ein modernes Armenhaus«, in dem Hartz-IV-Empfänger wohnen, die manchmal genauso verwahrlost sind wie ihre Wohnungen. Eine andere setzt den Fokus auf Leihhäuser/Pfandhäuser, die als letzter Ausweg erscheinen, um kurzfristig finanziell wieder auf die Beine zu kommen. Etwa eine Million Deutsche pro Jahr gehen mittlerweile über die Türschwellen dieser Häuser. Rekordverdächtig! Vergessen wird der schlechte Ruf dieser Branche, den William Shakespeare mit seinem »Kaufmann von Venedig« schon früh aufbaute. Vielmehr wird über das simple Vergeben der Kredite geschwärmt: »Du wirst nicht dumm gefragt, musst kein Einkommen nachweisen, zeigst nur den Personalausweis und gibst den Plunder ab. […] Wenig Zeitaufwand, no Rechenschaft. Bingo.«

Andere handeln unter anderem von der Verwaltungsangestellten Renate B., die samariterhaft die Konten ihrer Kunden füllt, falls sie mal nicht schwarze Zahlen schreiben und dafür belangt wird. Oder von der Familie des Mörders Olaf H., der 2010 den zehnjährigen Mirco auf dem Gewissen hatte. Trotz seiner Schuld stehen die Geschwister und die Mutter eindrucksvoll hinter ihm.

Es zeigt sich, dass irgendetwas in unserer Gesellschaft wahrhaftig nicht stimmt. Schrep widmet sich dem, was häufig unter den Tisch gekehrt wird. Er versucht sich als meist objektives Sprachrohr. Die Aufmerksamkeit gehört nicht nur der Unterschicht. Auch Personen, die der Mittel- oder Oberschicht angehören, rutschen urplötzlich und unverhofft ab. Ein schmaler Grat.

Bruno Schrep, der durchbohrend, scharfsichtig und ohne große Wertung schreibt, richtet seinen Blick auf die Schattenseiten unserer Gesellschaft. Nicht von ungefähr heißt es im Titel »aus der deutschen Wirklichkeit«. Denn manches kristallisiert sich als doch ziemlich unwirklich heraus. Oft bringt es Kopfschütteln mit sich. Oft wirken die Reportagen irreal. Das ist doch gar nicht möglich, schwirrt es immer wieder durchs Gehirn. Ist es doch, und es passiert »Vor unser aller Augen«, die gerne auch mal anteilnahmslos wegschauen. Betrifft ja dich und mich nicht.

[Buchinformationen: Schrep, Bruno (2013): Vor unser aller Augen. Reportagen aus der deutschen Wirklichkeit. S. Hirzel Verlag. 224 Seiten. ISBN: 978-3-7776-2320-7]

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