José Saramago – Die Stadt der Blinden

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Im vergangenen Jahr habe ich während eines Urlaubs auf Lanzarote das ehemalige Häuschen des portugiesischen Nobelpreisträgers José Saramago besucht (hier mehr dazu). Seitdem wollte ich immer mal wieder etwas von ihm lesen und habe mich  nun für sein wohl bekanntestes Werk entschieden: »Die Stadt der Blinden«.

Hollywood bedient sich regelmäßig diesem apokalyptischen Szenario, der klassischen Katastrophe, die die Menschheit vor den Kollaps stellt und auch Saramago knüpft da an. In einer unbekannten Stadt breitet sich ein »milchiges Meer« aus, eine Art Pest, die dafür sorgt, dass alle nach und nach erblinden. Wie genau und warum es dazu kommt, lässt Saramago offen. Er beschäftigt sich mehr mit den Folgen. Wie wehren sich Menschen? Können sie sich anpassen? Wie gehen sie mit der Situation um? Wer wird wie zum Stärkeren, wer weswegen zum Schwächeren? Und was geschieht, wenn alle Regeln, Gesetze und Systeme außer Kraft gesetzt werden? Die Zivilisation durch den Verlust eines Sinnes gefährdet wird?

Durch diese ganzen Fragen und Entwürfe erfahren wir viel über psychologische und soziologische Prozesse. Wir erfahren, dass der Mensch (nach wie vor) ein RudelTIER ist, das nur in einer Gemeinschaft überleben kann, mit oder ohne Augen. Wir erfahren, wie sich der Mensch tierisch, uns fremd verhalten wird – Verdauung, Nahrung, sexuelle Triebe. Wie der – egoistische – Mensch versucht, die eigene Haut zu retten und sich über andere stellt. Und wir erkennen, dass wir verloren sind, wenn wir alle von heute auf morgen nichts mehr sehen. Auch wenn der merkwürdige Stil – ohne „ “ oder » « –  bei Redewendungen nervt, Saramagos Einfälle nützen definitiv, obwohl es sich der Gute manchmal beim Plot zu einfach gemacht hat.

[Buchausgabe: Saramago, José (1997): Die Stadt der Blinden. Rowohlt Verlag. Aus dem Portugiesischem von Ray-Güde Mertin. Titel der Originalausgabe: Ensaio sobre a cegueira (1995)]

8 thoughts on “José Saramago – Die Stadt der Blinden

  1. Das ist eines dieser Bücher aus der Kategorie „Wollte ich immer schon mal lesen“. Und trotzdem ging es bisher an mir vorbei. 😉 Vielleicht sollte ich diese Wissenslücke doch endlich mal füllen.

  2. Ich habe neulich mehr zufällig ebenfalls das erste Mal einen Roman Saramagos gelesen, allerdings kein Haupt-, sondern wohl eher ein Nebenwerk. Es hat mir trotzdem gut gefallen, besonders durch den augenzwinkernden Erzähler: https://bouquineurblog.wordpress.com/2016/10/22/besprechung-jose-saramago-die-reise-des-elefanten-2010

    Was du über die Stadt der Blinden schreibst, klingt auch sehr spannend, mal gucken, wann ich es schaffe, mich Saramago mal wieder zu widmen. Besonders neidisch bin ich aber auf deine Reise nach Lanzarote…

  3. Ich wünsche dir von Herzen – ebenso all deinen Lieben,
    eine gute, gesegnete, erfreuliche, harmonische Zeit
    auf dem Weg zur Weihnacht.
    Allem voran allerbeste Gesundheit, Freude, Herzensfrieden,
    Glück und ein Herz das frei von Sorge ist.
    Segen und Wohlergehen sei in deinem Hause.
    HERZ-lichst
    M.M.

  4. Hab’s im Sommer auch gelesen, hat mir insgesamt gut gefallen, der einfache Plot hat mich nicht gestört, weil für diese Extremsituation die psychologischen und soziologischen Aspekte, wie du oben beschrieben hast, im Vordergrund stehen.

    • Wohl war. Endzeit ist doch ein regelmäßiger Bestandteil jeglicher Kunstform und insgesamt schon derbe ausgelutscht. Nicht schlimm, wenn man wie Saramago mehr zeigen kann als eine Welt, die offensichtlich untergeht.

  5. Saramago ist einer meiner absoluten Favoriten. Falls jemand Lust auf mehr hat, empfehle ich besonders „Alle Namen“ und „Das Zentrum“.

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