Bogdan B. Rusev – Koma-Prinzessin

Krimis sind nicht nur Unterhaltung, die einen eskapistischen Zweck erfüllen soll. Obwohl es sich um Fiktion handelt, hinterfrage ich stets: Könnte das dermaßen (wenigstens) ansatzweise in der Realität geschehen? Wie sieht es mit der Logik aus? Macht die Tatbeschreibung, die Spurensuche und die Entschlüsselung Sinn? Ergeben alle Teile ein gesamtes Puzzle, war die Zusammenlegung schlüssig? Folglich werde ich selbst zu eine Art Detektiv, der die Arbeit des Autors genauer unter die Sherlock-Holmes-Lupe nimmt und bewertet.

Bogdan B. Rusev - Koma-Prinzessin

Auf der vergangenen Frankfurter Buchmesse stieß ich auf den Münchner Louisoder Verlag, quatschte nett mit dem Verleger Gerdt Fehrle, der mir die »Koma-Prinzessin« auf den Weg gab, weil der von ihm entdeckte Autor Bulgare ist, auf diesem Blog auch überwiegend osteuropäische Werke besprochen werden. Vielleicht nicht ganz so verkehrt, dachte ich, passt doch. So ganz verkehrt ist dieses Werk tatsächlich nicht. Es ist mittelmäßig, nicht mehr und nicht weniger, hat einige Schwächen, wurde aber zu Ende gelesen.

Blackbox ist der heiße Scheiß im bulgarischen Fernsehen, elektrisiert die Massen und zieht die Menschen vor die Röhren. Hierbei handelt es sich um eine Reality-Show, die im Grunde nichts anderes als Big Brother ist. Unterschiedliche Charaktere wie muskelbepackte Casanovas, Nerds und heiße Modelbräute werden in einen Container eingesperrt und 24/7 gefilmt. Für die Primetime wird aus diesem ganzen Stoff eine Zusammenfassung geschustert. Soweit so gut. Wäre da nicht Nicoletta, eine potentielle Gewinnerin der Sendung, die derartig verprügelt wird, dass sie sich in einem Koma-Zustand auf einer Intensivstation befindet. Keine Kamera hat etwas gesehen, die Polizei wurde nicht benachrichtigt, da das das Ende der Sendung bedeuten würde und dafür war diese zu teuer. Detektiv Nikifor Nicki Valkov soll dafür aufklären. Whodunit?

Nicki kann alles andere, aber sich nicht gerade vor Aufträgen retten. Er hat zwar eine gutaussehende Freundin, aber so wirklich Ermittler ist er nicht, trägt nicht mal eine Knarre bei sich. Guckt sich gerne andere TV-Detektive an, lernt von ihnen, hat aber darüber hinaus etliche Kontakte und verfügt über ein schlaues Köpfchen.

Deshalb hatte meine Arbeitsweise auch nichts mit der traditionellen Untersuchungsmethoden echter Kriminalkommissare zu tun. Ich hatte keine Ahnung von Spuren, Motiven und Alibis. Ich stellte keine Liste mit möglichen Verdächtigen auf, von denen ich einen nach dem anderen abhakte, damit am Ende nur der eine Täter übrig blieb. […]

Deshalb mache ich normalerweise Folgendes: Ich beginne im Kern mit der Untersuchung und fange an, in immer größer werdenden konzentrischen Kreisen Informationen zu sammeln, bis ich am Ende etwas entdecke, was nicht in Ordnung ist. Aus diesem Missstand entsteht ein neues Zentrum und wieder suche ich in konzentrischen Kreisen nach Informationen und so weiter und so fort. (S. 51-52)

Erschwerend für ihn, dass Blackbox weitergedreht, nicht unterbrochen wird, er sich nicht an den Tatort begeben kann – auch die übrigen Teilnehmer wissen nicht, was mit Nicoletta geschehen ist. Der Autor präsentiert Scheinlösungen, täuscht und versucht, Spannung entstehen zu lassen, während der Leser zu raten beginnt. Alles typisch für dieses Gerne, wie die Sprache, die flüssig daherkommt, wenig anspruchsvoll, mehr alltäglich. Da nur wenige Personen in diesem kurzen Roman eingeführt werden, ist zwar nicht früh klar, wer den Mordversuch (und im folgenden weitere Delikte) begangen hat – dafür ist der Täter-Kreis überschaubar.

Fraglich ist, wie das Format Blackbox dargestellt wird, das größere Einschaltquoten wie die Nachrichten oder ein Fußball-Spiel der Nationalmannschaft hat. »Koma-Prinzessin« wurde in Bulgarien 2008 veröffentlicht, aber selbst 2008 war Big Brother hierzulande derartig ausgelutscht, dass man es nicht einmal mehr mit Promi-Besetzung sehen wollte und die Reality-Serie Dschungelcamp, die jeden Winter erfolgreich ist, hat im Vergleich ein völlig anderes Konzept. Die bulgarische Medienlandschaft im Jahre 2008 kann ich aber nicht einschätzen … Immerhin übt der Autor Medienkritik, wenn die Produktion, das meist unausgeschlafene Team dahinter und den Umgang mit den Insassen im Container, die nichts von der Außenwelt mitbekommen dürfen, beschreibt.

Fraglich ist, warum der Verlag mit einem spannenden Eastern wirbt. Ja, das Buch spielt in Sofia, Osteuropa. Ja, der Ort wird darin minimal beschrieben, aber genauso hätte die Handlung auch in der Medienstadt Köln(-Ossendorf) spielen können, wo sich ebenso nette Frauen tummeln dürften und sich Nachtclubs befinden – vielmehr wird auch nicht über Sofia und die Mentalität dieser Stadt ausgesagt.

Fraglich ist, was es mit Titel auf sich hat. Weshalb soll das Opfer eine Prinzessin sein? Darüber hinaus lassen sich einige Probleme finden. Am Anfang heißt es, dass die Bewohner nicht wüssten, wie der Sieger ermittelt wird – durch eine SMS-Abstimmung. Später wissen sie das doch irgendwie, haben sogar den Gewinner der vorherigen Staffel unter sich, der nicht ganz auf den Kopf gefallen sein müsste. Der Detektiv, der seinen Job gerne ironisch betrachtet, er müsse schließlich auch mal eine Verfolgungsjagd starten, behauptet, dass er keine Verdächtigen-Listen aufstellt (siehe Zitat oben), beginnt jedoch seine Untersuchungen genauso. Unklar ist auch, warum das Opfer in den Fernsehen-Zoo einziehen kann, das ein Geheimnis hat, was früh klar wird, obwohl der Täter dies zweifelsohne verhindern hätte können. Zudem scheint keinem (blöden) Zuschauer aufzufallen, dass die lebensgefährlich verletzte Teilnehmerin von einem Mann in diesem Spiel ersetzt wurde. Sie wird einfach nicht mehr eingeblendet und niemand hinterfragt es …

Diese kleinen Ungereimtheiten stören, da sie häufiger auftauchen und das Werk nicht rund erscheinen lassen. Auch sonst scheint die »Koma-Prinzessin« nicht besonders zeitgemäß und aktuell zu sein, dafür ist die Medienwelt zu schnelllebig, wenn auch der atypische Detektiv die eigentliche Stärke ist. Insgesamt handelt es sich, um einen durchschnittlichen Kriminalroman, der wie ein Nutella-Brot ist. Das man sich gerne nebenbei reinzieht, das aber nicht satt macht und für Leute, die auf Kohlenhydrate (bzw. Krimis) verzichten, ohnehin nichts ist.

[Buchinformationen: Rusev, Bogdan B (2015): Koma-Prinzessin. Louisoder Verlag. Aus dem Bulgarischen von Anelia Dimitrova-Stupp. 240 Seiten. ISBN: 978-3-944153-12-4]

One thought on “Bogdan B. Rusev – Koma-Prinzessin

  1. Pingback: [Sonntagsleserei]: Januar 2016 – Lesen macht glücklich

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s