Aleksandar Tišma – Der Gebrauch des Menschen

Menschen werden gebraucht. Nicht im Sinne von benötigt, mehr als Gebrauchsgegenstände, die, haben sie den Nutzen erfüllt, wie Müll behandelt werden. Die danach selbst zusehen sollen, wie sie sich zersetzen oder sich wieder eingliedern. Am Ende sind sie in diesem Roman benutzt, gebrochen und für den Rest ihres Lebens gezeichnet. Der serbisch-jüdische Autor Aleksandar Tišma (*1924 – †2003) versammelt in seinem Werk Figuren mit unterschiedlichen Herkünften, die in Novi Sad beheimatet sind und verdeutlicht, was der 2. Weltkrieg mit ihnen angestellt hat. Die Erzählweise ist eine Herausforderung, dennoch handelt es sich hierbei zweifelsohne um hohe Kunst.

Aleksandar Tišma - Der Gebrauch des Menschen

Es herrscht Ausnahmezustand im multikulturellen Novi Sad, das damals nach dem 1. Weltkrieg zum Königreich Jugoslawien gehört, dann 1941 bis 1945 vom deutschen Bündnispartner Ungarn besetzt wird. Für die Freunde Vera, Milinko und Sredoje ändert sich dadurch einiges wie für ihre Familien.

Veras Mutter Resi ist Deutsche, der Vater ein Jude, der fortan sein Geschäft nicht mehr leiten darf. Der Antisemitismus verbreitet sich und dennoch ist die Konstellation in der Familie Körner beinahe kurios, wenn der Bruder der Mutter, ein SS-Mann, im Urlaub die Kröners besucht. Vera wird mit der Großmutter und dem Vater deportiert, der Bruder wird ermordet, weil er sich Partisanen anschließt und die Mutter heiratet im Gegenzug noch einmal, einen Deutschen, mit dem sie sich in Richtung Frankfurt davon macht. Vera überlebt als einzige das KZ, als Hure im dortigen Bordell. Wäre ein Nazi nach dem Akt nicht zufrieden mit ihr gewesen, hätte ihr sofort ein grausamer Tod gedroht. Als die Alliierten Auschwitz befreien, endet ihr Leiden nicht. Zurück in der Heimat wird Vera sich nicht davon erholen, was mit ihr angestellt wurde und sich nicht verzeihen, dass sie einst die Chance hatte, mit einem Ungarn durchzubrennen.

Sredoje ist der Sohn eines Anwalts und als Novi Sad bombardiert wird, flüchtet er mit dem Vater und dem Bruder, der unterwegs umkommen wird, in Richtung Belgrad, das mittlerweile von den Nazis kontrolliert wird. Dort arbeitet er fortan für die Deutschen, bringt dann ein hochrangingen Nazi um, der ihm näher kommen will und muss sich den heimischen Untergrundkämpfern anschließen. Währenddessen zeigen sich bei ihm immer wieder männliche Triebe. Befriedigung erlangt er in zahlreichen Etablissements, wenn er Frauen aufgrund seiner höheren Position unter Druck setzen kann. Auch Sredoje wird am Ende der Krieg zum Verhängnis, da er einst mit den Deutschen kooperierte, steht er auf der kommunistischen Liste. Er wird Vera zwar später treffen, lieben (insofern sie überhaupt zu so etwas noch fähig sind), weil sie einiges verbindet, seinen Frust aber im Alkohol ertränken und sich nicht resozialisieren können.

Die dritte Person im Bunde ist der wissbegierige Milinko, einst Veras Freund, der am liebsten nur von Büchern umgeben sein will und niemals eine Waffe in die Hand nehmen möchte. Auch der Pazifist muss gezwungenermaßen Teil des Kriegs werden. Ohne Arme und Beine, blind, mit zerstörtem Trommelfellen und Stimmbändern wird er einem Lazarett liegen, ohne seine Identität preisgeben zu können.

Tišma zeigt wie sich die einzelnen Charaktere vor, während und nach dem Krieg entwickeln. Stilistisch ist die Form komplexer, weil sich neben den drei in der Inhaltsangabe erwähnten Personen noch zahlreiche weitere finden, wie Fräulein Anna, die einstige Deutschlehrerin der drei: das Tagebuch der früh Verstorbenen ist ebenfalls abgedruckt und wird von Sredoje gefunden. Darüber hinaus bindet Tišma zahlreiche Rückblenden ein, schaut früh in die Zukunft. Kapitel, die Wohnstätten, Konstitutionen, Straßenszenen oder Todesarten heißen, sind dazwischengeschoben und verkörpern diverse Beschreibungen des Umfelds oder der Protagonisten, die überfordern, weil sie ohne Absätze aneinandergereiht, voller Details sind und mindestens zweimal gelesen werden müssen. Mitunter wirkt die Chronologie der Ereignisse etwas chaotisch. Aber gerade diese Art und Weise unterscheidet große Literatur von durchschnittlicher, wenn zum Schluss auf die gemauerten Steine das Dach haargenau passt, eins und eins zwei ergibt.

In Novi Sad, diesem niedersten, von der Geschichte verlassenen Sumpfgebiet, in das die Deutschen trotz aller Grausamkeit, trotz gebelferter Befehle eine gewisse Ordnung gebracht hatten, Disziplin, System, eine Einheitlichkeit im Verhalten und Aussehen, im Verhaften und Einsperren, im Morden sogar, im riesigen Ausmaß dieser Liquidationen, das den ganzen europäischen Kontinent auf ein einziges, tödliches Lager reduziert hatte. Von diesem Ganzen waren nach seinem Zerfall nur Fetzen von Hass geblieben. (S. 119)

Seiner Linie bleibt der Autor treu. Er bewertet nicht, zeigt sich distanziert und demonstriert mehr die Konsequenzen, die der Leser selbst erahnen, analysieren soll und die traumatische Folgen offenbaren: Vera, die jüdische Feldhure, die für ihre Andersartigkeit büßen muss. Sredoje, der Überläufer und Versager. Milinko, der bibliophile Krüppel. Ihnen allen wurde der Weg befohlen, ausweichen konnten sie nicht, eine andere Richtung einschlagen sowieso nicht. Sie haben ihre diktierten Aufgaben erfüllt – danach sind sie nutzlos. Für sich. Für andere. Aber nicht für den Leser, dem sie ein Gewinn sind. Der sich anstrengen muss. Der sich reinfinden muss. Der am Ende aber zweifelsohne festhalten wird: Ja, das ist Weltliteratur. Ohne Wenn und Aber.

[Buchaushabe: Tišma, Aleksandar (2015): Der Gebrauch des Menschen. Eder & Bach. Die ZEIT Bibliothek der verschwundenen Bücher. Aus dem Serbokroatischen von Barbara Antkowiak. Titel der Originalausgabe: Upotreba čoveka. 304 Seiten. ISBN: 978-3-945386-10-1]

[»Der Gebrauch des Menschen« ist ein Teil der Reihe »Die ZEIT Bibliothek der verschwundenen Bücher«. Zu den Einzelbänden geht es hier. Verleger Klaus Füreder hat bei der Klappentexterin, Literaturen und Novelero Interviews zu diesem Projekt gegeben.]

6 thoughts on “Aleksandar Tišma – Der Gebrauch des Menschen

    • „Das Buch Blam“ gehört wie „Der Gebrauch des Menschen“ zu einem fünfteiligen Romanzyklus. Habe mir vorgenommen, irgendwann mal alle Werke dieser Reihe zu lesen. Tišma war definitiv eine Entdeckung und es freut mich, dass er durch die neuen ZEIT-Ausgaben wieder in den Fokus rückt.

  1. Gut, dass die „Zeit“ Tišma, einen der wichtigsten serbischen Autoren des 20. Jh., wieder ins Gedächtnis ruft. Mir fällt bei dem Namen spontan die Erzählungen aus dem Band „Die Schule der Gottlosigkeit“ ein, namentlich die titelgebende – wahrscheinlich der grausamste Text, den ich je gelesen habe, eine Erzählung, die man zwischendurch am liebsten voll Abscheu an die Wand geworfen hätte, die einen aber gleichzeitig ganz fest im Sog des Grauens gefangen hielt. Tišma war einer der ganz großen Chronisten der unsäglichsten Seiten des 20. Jh., nicht nur für Serbien. – Danke für Deine Rezension!

    • Oh ja, auch in dem von mir besprochenen Buch gibt es einige Szenen, die so grausam sind, dass man schlucken muss und der Magen sich zusammenzieht. Zum Beispiel wie Zwangsprostituierte im Lager hingerichtet werden, diese rohe und öffentliche Gewalt ist nicht auszuhalten. Während der Mörder wütet, zum finalen Schlag ausholt, macht sich ein Lächeln auf seinem Gesicht bereit … Tišma gibt es so genau, so emotionslos wieder, der Leser scheint direkt am Schauplatz zu sein. Nach diesem Werk gehört der Autor für mich auf jeden Fall zur Riege Kertész, Levi, Semprún usw.

  2. P.S. Hm, man sollte seinen Text nochmal lesen, bevor man ihn postet. „Mir fällt… die Erzählungen ein“ – oh je! Ursprünglich sollte es heißen „Mir fällt… die titelgebende Erzählung… ein“, daher der grammatische Lapsus 😉

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